Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Fotos aus dem Getto Lodz/Litzmannstadt

Aus den mehreren hundert Gettos, die die nationalsozialistischen Besatzer vor allem im besetzten Ostmitteleuropa einrichteten, sind nur eine überschaubare Zahl an Fotos überliefert. Die meisten der Bilder nahmen die Besatzer selbst auf, sei es zur propagandistischen Ausschlachtung des von ihnen erst geschaffenen Elends, sei als Privatleute zum Andenken. Größere Mengen an Fotos sind vor allem aus den beiden Großgettos im besetzten Polen, aus Warschau und aus Lodz/Litzmannstadt überliefert. Der umfangreichste Bestand an Bildquellen existiert aus Lodz/Litzmannstadt.
Das Getto in Lodz/Litzmannstadt ist nicht nur aufgrund seiner langen Existenz ein Sonderfall; auch der Umfang und die Entstehung der Bildquellen ist einmalig: Insgesamt sind im Staatsarchiv Łódź circa 12000 Fotos aus dem Getto überliefert, kleinere Bestände werden in anderen Archiven aufbewahrt. Doch nicht allein die große Menge ist einzigartig. Während die meisten Fotos aus anderen Gettos von Tätern oder Zuschauern aufgenommen wurden, haben im Getto Lodz/Litzmannstadt darüber hinaus jüdische Fotografen Bilder gemacht.
Grundsätzlich war Juden der Besitz von Fotoapparaten verboten, für die Kennkarten und Arbeitsausweise der Gettobewohner waren aber Fotos notwendig. Überdies beauftragte der Leiter der deutschen Getto-Verwaltung, Hans Biebow, den Judenältesten Rumkowski damit, die wichtigsten Arbeitsstätten fotografieren zu lassen. Hintergrund war die Absicht Biebows, die Produktivität und Bedeutung des Gettos für die Kriegswirtschaft zu dokumentieren und anderen Stellen gegenüber betonen zu können. Innerhalb der jüdischen Verwaltung wurde in der Statistischen Abteilung daraufhin im Juli/August 1940 das Photographische Referat eingerichtet, das bis April 1944 bestand.
Das Interesse Biebows an den Fotos als Dokumentation der Produktivität des Gettos deckte sich mit Rumkowskis Strategie, durch eine Steigerung der Produktivkraft des Gettos und seiner Bewohner das Überleben möglichst vieler zu sichern. Bald schon trat ein weiteres Motiv hinzu: Rumkowski sah das Fotografieren als ein weiteres Mittel der Selbstdarstellung für die Nachwelt und ließ daher auch die jüdische Verwaltung und vor allem seine eigenen Auftritte, Reden und Amtshandlungen fotografisch festhalten. Henryk Neftalin, der Leiter der Statistischen Abteilung sah in den Bildern neben der schriftlichen Dokumentation ein weiteres Mittel der „Spurensicherung“ für die Zukunft.

Neben ihrer offiziellen Arbeit machten die Fotografen im Getto, obwohl streng verboten, Bilder von Hinrichtungen, Hungertoten, Deportationsmärschen etc. Überdies fotografierten sie ohne offiziellen Auftrag Altenheime, Suppenküchen, Waisenheime, Krankenhäuser, religiöse Feste usw. Eines ihrer bevorzugten Motive waren Kinder im Getto. Im Unterschied zu Fotos, die Täter oder Zuschauer aufnahmen, standen bei den jüdischen Fotografen immer die Menschen im Vordergrund; sie verzichteten auf jede Stigmatisierung und wollten mit ihren Mitteln das Leben und Sterben im Getto dokumentieren.

Die überwiegende Mehrzahl der Fotos stammt aus den Jahren 1941/42. Eine genaue Datierung ist in den meisten Fällen leider nicht mehr möglich.


Literatur:

  • Kinzel, Tanja: Zwangsarbeit im Fokus. Drei fotografische Perspektiven aus dem Ghetto Litzmannstadt. In: Christoph Dieckmann/Babette Quinkert (Hg.): Im Ghetto 1939-1945. Neue Forschungen zu Alltag und Umfeld. Göttingen 2009. S. 171-204.
  • Loose, Ingo: „Das Gesicht des Gettos“. Photographien und Photographen im Ghetto Litzmannstadt 1940-1944. In: Das Gesicht des Gettos. Bilder jüdischer Photographen aus dem Getto Litzmannstadt. Hg. von Andreas Nachama. Berlin 2010. S. 25-37.
Menschenmenge bei einer Ansprache RumkowskisZuhörer einer Rede Rumkowskis