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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Alice Chana de Buton

Das Leben von Alice Chana de Buton, der einzigen Redakteurin der Chronik, war bislang so gut wie unbekannt. In der Forschung kursierten gar mehrere mehrere Varianten ihres Namens: Alicja de Bunon, Alicja de Bunom oder Alicia de Bunan. Erst durch die Recherchen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur konnte eine Biographie zu dem Chronikkürzel „A.B.de“ ermittelt werden: Alice Chana de Buton, geboren 1901 in Berlin. 1921 verließ sie die Stadt und zog nach Wien, wo sie die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt. Dort lebte sie bis zum September 1924. Danach verliert sich ihre Spur in Österreich: Erst im September 1932 kehrte sie nach Wien zurück. Als Beruf gab sie dann „Privatbeamtin“ an. Wie aus einem Text „Wie arbeitet der Neueingesiedelte im Getto“ der Autorin von 1942 ersichtlich ist, war sie eine „preisgekrönte Sekretärin“, die einen Schreibmaschinenwettbewerb gewonnen hat. Mehrfach zog sie dann innerhalb Wiens um und wurde schließlich am 16. Oktober 1941 mit dem 1. Wiener Transport in das Getto Lodz/Litzmannstadt deportiert.

Hier nun Auszüge aus dem genannten Text der Autorin, indem sie über ihre Arbeit im Archiv berichtet und über sich selbst in der dritten Person referiert:

"Die Prüfung seines [d.i. Rumkowskis] Sekretärs, der sich nach Durchsicht der Zeugnisse aus Wien, die eine gute Rekommandation waren, von deren Stichhältigkeit überzeugte und die nachherige Generalprobe vor dem Leiter, dem Rechtsanwalte Henryk Neftalin selbst, wurden glatt bestanden. Die ebenfalls aus einer Anwaltskanzlei kommende Sekretärin hatte sein Vertrauen gewonnen. […] Also: 'Auf Grund der Verfügung des Herrn Präses werden Sie ab 8.12.1941 von der Abteilung für die Eingesiedelten in die Evidenz-Abteilung Kirchplatz 4 übertragen und dem Archiv in der Funktion einer selbstständigen Korrespondentin-Maschinistin zugeteilt'. Wer die Wahl hat, hat die Qual! – das trifft auch bei einer deutschen Blindschreiberin zu, die auf einer polnischen Maschine tanzen soll, wenn ihre Finger automatisch nach den deutschen Buchstaben greifen und an deren Stelle ein polnisches e oder s, ein Ł statt des L tippen. Man verklopft sich oft und ist doch an flinkes, fehlerfreies Schreiben gewöhnt. Aber mit der Zeit gewöhnt sich die Hand auch an die polnische Tastatur. […] Es kostet viel Energie, sich hier zu behaupten, viel Nerven und fleissiges, unermüdliches Arbeiten oft bis spät in den Abend. Alles 'mit einer Suppe täglich' […]. Für 'Die tüchtigste Sekretärin Wiens' – so hiess der Titel des seinerzeitigen Wettbewerbes – darf es keine Schwierigkeit und keine Müdigkeit geben, selbst dann nicht, wenn der durch die Winter- und Hungermonate geschwächte Organismus in Form von Unpässlichkeiten seine Rechte fordern will. Noch ein paar Kilogramm weniger, - aber die Arbeit wird geleistet. Und zwar restlos […]."

Der letzte Hinweis auf Alice de Buton findet sich in den privaten Aufzeichnungen von Oskar Rosenfeld kurz vor der Räumung des Gettos. Wahrscheinlich wurde sie mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert. Es muss angenommen werden, dass sie den Holocaust nicht überlebt hat.

 

Sekundärliteratur:

  • Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt, 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen 2007.
  • Feuchert, Sascha: Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur, Frankfurt am Main 2004 (= Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
  • Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944. Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź 2009.
  • Janssen-Mignon, Imke: Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren. Magisterarbeit, Gießen: 2003.

 

Quelle: www.holocaustliteratur.de