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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Jeden Tag fertigten sie einen Tageseintrag an, in dem sie tagesaktuell über wichtige Ereignisse im Getto berichteten. Sie produzierten gewissermaßen eine Tageszeitung, allerdings eine Zeitung, die keine Leser hatte, da sie ausschließlich für das Archiv geschrieben wurde und einer späteren Generation für das Verständnis des Lebens und Sterbens im Getto dienen sollte.

In verschiedenen Rubriken hielten die Chronisten Wichtiges aus allen Lebensbereichen fest: Angefangen beim Wetter, den Geburten- und Sterbezahlen, über Unfälle, zentrale Tagesereignisse, der Versorgung des Gettos, Nachrichten aus den Produktionsstätten bis hin zu den auftretenden ansteckenden Krankheiten und Todesursachen. Überdies verfassten sie feuilletonistische Texte über Aspekte aus dem Alltagsleben, über Kulturelles etc. und hielten kursierende Gerüchte und Humor für die Nachwelt fest.

Die Chronik bietet aber keinen uneingeschränkten Blick in den Getto-Alltag, da sie zum einen einer internen Zensur unterlag und zum anderen immer die Entdeckung durch die deutschen Besatzer zu fürchten war, so dass manches gar nicht oder nur angedeutet angesprochen werden konnte. Außerdem lebten und litten die Verfasser selbst auch unter den unsäglichen Existenzbedingungen im Getto und waren ebenso wie alle anderen Bewohner von der Außenwelt abgeschnitten.

Seit 2007 liegt die Getto-Chronik erstmals in einer vollständigen deutschsprachigen gedruckten Edition vor, die an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen entstanden ist (Die Chronik des Gettos Łodź/Litzmannstadt. 5 Bände. Hrsg. von Sascha Feuchert u.a. Göttingen 2007). 2009 erschien die erste vollständige polnisch sprachige Edition der Chronik. Auf dieser deutsch-polnischen Edition basiert die digitale Edition der letzten zwölf Monate der Getto-Chronik.

 

Weiterführende Literatur:

  • Feuchert, Sascha: „Die Getto-Chronik: Entstehung und Überlieferung. Eine Projektskizze“, in: Feuchert, Sascha/ Leibfried, Erwin/ Riecke, Jörg: Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt. Supplemente und Anhang (Bd. 5). Wallstein: Göttingen 2007, S. 167-190.