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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Dr. Bernard Heilig

Ein weiterer Chronist im Getto war Bernard Heilig, der vor dem Krieg als Geschäftsmann und Wirtschaftshistoriker tätig war. Zu seinen Forschungsgebieten zählte besonders die jüdische Wirtschaftsgeschichte Mährens. Er trat mit Veröffentlichungen über die Textilindustrie und die Geschichte der tschechoslowakischen und österreichischen Wirtschaft hervor.

Bernard Heilig wurde am 21. September 1902 in Prostejov (Tschechien) geboren. Im Jahr 1920 bestand er das Abitur, besuchte danach die tschechische Handelsakademie und arbeitete zwischen 1921-23 in verschiedenen Industriebetrieben. Dann studierte er in Nürnberg und Basel Nationalökonomie und wurde 1927 zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert. Er verließ die Schweiz und ging nach Paris. Dort verliert sich seine Spur. Erst im September 1930 tauchte er wieder in Wien auf und bezeichnete sich nun als "wissenschaftlicher Schriftsteller": Zwischen 1927 und 1936 verfasste Bernard Heilig mehrere Aufsätze und Rezensionen, die in verschiedenen Sammelbänden veröffentlicht wurden. Er verließ Wien in Richtung Prag und wurde im Oktober 1941 mit dem II. Prager Transport in das Getto Litzmannstadt deportiert. Im Februar 1942 erhielt er eine Anstellung im Archiv. Ein Jahr später erkrankte er an Tuberkulose; er starb am 29. Juni 1943 an den Folgen der Krankheit.

Dr. Oskar Rosenfeld widmete Bernard Heilig in dem Eintrag der Getto-Chronik vom 30. Juni 1943 einen Nachruf:

"Mit Dr. Bernhard Heilig hat unsere Abteilung […] im Verlauf des heutigen Jahres den dritten Mitarbeiter verloren […]. In unserer Abteilung beschaeftigte sich der Verstorbene u.a. mit dem Schicksal der hier eingesiedelten Juden des Westens […]. Durch das Hinscheiden Dr. Heiligs [ist] eine Luecke entstanden, die nur schwer ausgefuellt werden kann. […] Dr. Heiligs schriftstellerische Taetigkeit beruhte auf reicher praktischer Erfahrung […]. Dieselbe Gewissenhaftigkeit und Fachkenntnis, die Dr. Heilig als Autor auszeichneten, hat er auch als Mitarbeiter unserer Abteilung an den Tag gelegt. Seine persoenliche Liebenswuerdigkeit, der Ernst seines Wesens verbunden mit kollegialer Gesinnung haben ihm auch ausserhalb […] viele Freunde erworben. Dr. Heilig ist, nachdem er schon infolge der katastrophalen Lage im Kollektiv an seiner Gesundheit schwer geschaedigt war und infolgedessen haeufig kraenkte, im Maerz 1943 schwer erkrankt. Die Unterernaehrung hatte eine Tuberkulose zur Folge, obwohl seine Gattin Vera Heilig heldenmutig um das Leben ihres Mannes kaempfte und alles opferte, was ueberhaupt noch zu opfern war, war das Schicksal, wie das hier im Getto nicht anders denkbar ist, leider nicht aufzuhalten. Wir haben unseren Kollegen Dr. B. Heilig heute Mittwoch den 30. Juni in aller Stille zur Ruhe gebettet. Ehre seinem Andenken.“

 

Sekundärliteratur:

  • Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt, 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen 2007.
  • Feuchert, Sascha: Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur, Frankfurt am Main 2004 (= Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
  • Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944. Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź 2009.
  • Janssen-Mignon, Imke: Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren. Magisterarbeit, Gießen: 2003.

 

Quelle: www.holocaustliteratur.de