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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Dr. Oskar Singer

Dr. Oskar SingerDer Schriftsteller, Journalist und Jurist Dr. Oskar Singer wurde am 24. Februar 1893 in Ustroń (heute Polen) geboren und gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg in Prag zu den führenden Persönlichkeiten des jüdischen Lebens. Er war engagierter Zionist und trat auch künstlerisch als entschiedener Nazi-Gegner auf: Sein 1935 uraufgeführtes Drama "Herren der Welt. Zeitstück in drei Akten" ist ein eindrucksvolles Zeugnis dieses Widerstands. Dort nimmt Singer bereits vier Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs viele Grausamkeiten vorweg, die der Nationalsozialismus mit sich bringen sollte.

Schon früh hatte sich Singer literarisch mit seiner Zeit auseinandergesetzt: Nach seinem Jura-Studium in Wien war er als Leutnant in den Krieg gezogen. In seinem Drama "Landsturm" aus dem Jahre 1916/17 äußerte er sich kritisch über die Zustände in der k.u.k.-Armee. Die Titel zweier weiterer Theaterstücke sind bekannt, die Texte heute jedoch leider nicht mehr aufzufinden: das Drama "Jerusalem" und die Komödie "Rosenbaum contra Rosenbaum".

Im Oktober 1941 wurde Singer – zu dieser Zeit Chefredakteur des von den Deutschen gegründeten "Jüdischen Nachrichtenblatts" – zusammen mit seiner Familie nach Lodz/Litzmannstadt deportiert. Dort gelang es ihm, Anstellung im "Archiv des Judenältesten" zu finden, in dem er schließlich Leiter der Chronik-Redaktion wurde. Die Aufgabe dieser Abteilung war es, Quellen "für zukünftige Gelehrte, die das Leben einer Jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten studieren" bereitzustellen, wie es Henryk Neftalin, der Gründer des Archivs, formulierte. Mehr noch: Eine "Schatzkammer für zukünftige Historiker" sollte sie sein – so der erste Direktor der Abteilung, Jozef Klementynowski. In ihren Zielen ähnelte das Archiv durchaus jenen der Oneg Schabbat-Gruppe um Emanuel Ringelblum im Warschauer Getto – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Mitarbeiter des Lodzer Archivs waren anders als die jene in Warschau ganz offiziell "Beamte" der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung und damit auch deren Sicht der Dinge weitgehend verpflichtet. Das bedeutete vor allem, dass in den erstellten Texten der von den Nationalsozialisten ernannte "Älteste der Juden", Mordechai Chaim Rumkowski, kaum kritisiert werden konnte.

Ähnlich wie sein Kollege Oskar Rosenfeld schrieb auch Singer im Getto Texte, die nicht Teil seiner offiziellen Arbeit an der Chronik waren. 2002 erschienen seine bemerkenswerten Reportagen und Essays "Im Eilschritt durch den Gettotag" sowohl auf Deutsch als auch auf Polnisch.

Im August 1944 wurde Oskar Singer zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Es gelang ihm, das Lager und einen Todesmarsch zu überleben. Er starb im Dachauer Außenlager Kaufering vermutlich im Dezember 1944. Seine Tochter Ilse und sein Sohn Ervin überlebten den Holocaust.

 

Primärliteratur:

  • "Hellseher Halmström" (Hörspiel; gesendet am 8. Februar 1935 im Prager Rundfunk).
  • "Herren der Welt: Zeitstück in drei Akten", Prag: Refta-Verlag, 1935. Neu hrsg. von Sascha Feuchert, Hamburg 2001.
  • "Im Eilschritt durch den Gettotag…" Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska und Krzysztof Woźniak, Berlin 2002.
  • "Przemierzając szybkim krokiem getto…". Reportaże i eseje z getta łodzkiego, Łódź 2002.

 

Sekundärliteratur:

  • Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt, 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen 2007.
  • F. B.: Singers "Herren der Welt", in: „Die Kritik“, 10/1935, S. 14.
  • Feuchert, Sascha: Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur, Frankfurt am Main 2004 (= Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
  • Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944. Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź 2009.

 

Quelle: www.holocaustliteratur.de