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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Dr. Peter Wertheimer

Dr. Peter WertheimerDer fünfte Chronist, Dr. Peter Wertheimer, muss auch trotz intensivster Recherche weiterhin fast ein Unbekannter bleiben. Die nationalsozialistischen Vernichtungsmaßnahmen haben nicht nur den Menschen Peter Wertheimer ermordet, sondern auch jede Spur seines früheren Lebens ausgelöscht. Das Wenige, das über ihn in Erfahrung zu bringen war, ist folgendes: Geboren wurde Peter Wertheimer am 11. Februar 1890 in Pardubice (Tschechien). Nach dem Abitur studierte er und erwarb den Titel eines Dr. phil., wobei noch unbekannt ist, was und wo genau er studiert hat. Wie aus den Anmeldekarten des Gettos ersichtlich ist, hatte er mit seiner Frau Irene, geboren am 9. Februar 1898 in Bratislava, zwei Töchter, Hana, geboren in Berlin am 12. Juli 1925, und Judith, geboren in Prag am 16. Februar 1927. Die Zeit bis zur Deportation 1941 liegt noch im Dunkeln. Bekannt ist lediglich, dass er in den Jahren 1933/34 eine eigene Wirtschaftsrubrik in der Prager „Selbstwehr“ verfasste.

Wie Rosenfeld, Singer und Heilig wurde auch Peter Wertheimer von Prag aus nach Lodz/Litzmannstadt deportiert. So zählte er ebenfalls zu den sog. Westjuden im Archiv. Hier ein Auszug aus einem Chronik-Artikel des Autors, mit dem Titel „Das verlorene Bett“ vom 27. Juni 1944:

"In dieser Zeit der Aussiedlung ist der Hof der Zentraleinkaufsstelle am Kirchplatz 4 einer der interessantesten Punkte des Gettos. Mitten im Hof türmen sich berghoch Federbetten in ihren meist grellroten Ueberzügen, gleich einem Korallenriff, um das herum trübe und farblos die Masse der anonymen Auszusiedelnden brandet. Diese Menschen sind hergekommen, um ihre letzte Habe zu Geld zu machen, um sich mit diesem wenigstens die ersten Stunden ihrer ganz ungewissen, unbekannten Zukunft ausserhalb der beengenden, andererseits aber auch seelischen Schutz gewährenden, Drähte des Gettos zu verbessern. Was ihrer wartet, sie wissen es nicht und wer könnte es ihnen sagen? Was sie verloren haben wissen sie: Hier liegt es aufgetürmt, eines am andern, das letzte des Armen, das ihnen sicher war: das eigene Bett. So gewinnt das Aussehen des Hofes der Zentraleinkaufstelle in diesen sorgenvollen Tagen geradezu symbolische Bedeutung."

 

Sekundärliteratur:

  • Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt, 5. Bde, hrsg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke, Göttingen 2007.
  • Feuchert, Sascha: Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur, Frankfurt am Main 2004 (= Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 24).
  • Kronika Getta Lodzkiego/Litzmannstadt Getto 1941-1944. Opracowanie i redakcja naukowa Julian Baranowski, Krystyna Radziszewska, Jacek Walicki, Ewa Wiatr, Piotr Zawilski u.a. 5 Bände. Łódź 2009.
  • Janssen-Mignon, Imke: Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren. Magisterarbeit, Gießen: 2003.

 

Quelle: www.holocaustliteratur.de