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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 10. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
206

Das Wetter:

Tagesmittel 15-18 Grad, bewoelkt, sehr stark abgekuehlt.

Sterbefaelle:

10

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 6

Diebstahl: 1

Widerstand: 1

Bevoelkerungsstand:

84.179

Selbstmord:

Heute um 9 Uhr frueh veruebte Alexander Gitla, 24 Jahre alt, wohnhaft Matrosenstrasse 20, durch Sprung vom 4. Stock des Hauses Rubensgasse 6Selbstmord. Der herbeigeholte Arzt konnte nur den sofortigen Todeseintritt feststellen.

Feueralarm:

Heute um 1/2 11 Uhr vormittags wurde die Feuerwehr nach Brunnenstr. 21 alarmiert, wo sie einen kleinen Kaminbrand schnell loeschte.

Tagesnachrichten.

Die Stimmung im Getto ist sehr gedrueckt. Ob dies nur auf die Ernaehrungslage zurueckzufuehren ist oder weil sonst irgend etwas in der Luft liegt, das niemand zu definieren vermag, laesst sich nicht sagen. Der Praeses ist in der letzten Zeit etwas nervoeser. Das mag vor allem darauf zurueckzufuehren sein, dass seine Schwaegerin, Frau Helena Rumkowski, die Gattin des Direktors Josef Rumkowski, sehr schwer krank ist.1 Josef Rumkowski hat sich nach der peinlichen Episode in Marysin, ueber die wir berichtet haben,2 entschlossen, die Sommerwohnung aufzugeben. Er hat seine schwerkranke Frauin die Stadt zurueckgenommen, was mit Hilfe einer Droschke geschah.

Die sogenannten doppelten Wohnungen werden registriert. Es liegt aber keine Weisung vor, die Sommerwohnungen zu raeumen, trotzdem herrscht unter den „Sommerfrischlern“ eine begreifliche Nervositaet.

Registrierung von Arbeitskraeften:

Die in den Lebensmittelverteilungsstellen beschaeftigten bzw. ueber Veranlassung des Praeses reduzierten Angestellten wurden dem Arbeitsamt zur Verfuegung gestellt, das diese Personen bereits der Tischlerei, Putziger 9, und der Abbruchstelle ueberwiesen hat.

Approvisation.

Die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag. Die 3 kg Kartoffelration kann mangels ausreichender Zufuhren nicht ausgegeben werden. Die Gemueseabteilung verfuegt buchstaeblich ueber kein kg Gemuese. Es ist nicht abzusehen, wohin das fuehren wird. Es mehren sich natuerlich jetzt Flurdiebstaehle und die Gartenbesitzer haben ueberall Bewachung eingefuehrt. Trotzdem treibt der Hunger die Leute zum Diebstahl.

Uebersicht der Taloninhaber:

In der Talonabteilung konnten wir den jetzigen Stand der Konsumenten feststellen, die Talone irgendwelcher Art beziehen. Bekanntlich gibt es folgende Kategorien: Kategorie R, das sind Leiter der Ressorts und Abteilungen, Oberinstruktoren und Instruktoren in Ressorts mit den Familienangehoerigen und den sogenannten Dekret-adoptierten Kindern3 /populaer unter dem Namen „Beirat“/. Dann gibt es die sogenannten Talone L fuer Aerzte und Familienangehoerige, dann Ph fuer Pharmazeuten und Familienmitglieder, sodann die Talone fuer O.D. und Feuerwehr, diese 2 Gruppen erhalten die Zuteilung nur pro Person, wie B I. Die Inhaber der B I und B II sind meist Buerochefs, Sekretaere, Instruktoren und Gruppenfuehrer, Referenten und verdiente Beamte. Der B III ist der sogenannte Umlauftalon. Die Betriebsleiter und Abteilungsleiter erhalten eine angemessene Zahl solcher B III Talons zu ihrer Verfuegung. Schliesslich gibt es noch die sogenannten CP Talone /Schwerarbeiter/ und CP I Talon, aehnlich wie B III /Umlauftalon/. Mit den Talonen fuer Faekalisten und Muellfuehrer schliesst die Liste der besonderen Zuteilungen. Zu bemerken ist nur, dass in der Kategorie der sogenannten R Talone /Beirat/ auch Personen Aufnahme finden, die durch den Praeses und bisher durch David Gertler besonders bevorzugt wurden /Ebenfalls verdiente Personen oder solche, die dem Praeses oder Gertler besonders nahe stehen/.

Die Konsumentenzahl ergibt folgendes Bild:

R /Beirat/ 2.236  
Ph 191  
L 389  
O.D., Feuerwehr 1.204  
zusammen 4.020 Pers.
B I und B II 1.589  
CP 377  
B III pro Dekade ca. 2.000  
CP I pro Dekade ca. 1.800  
Faekalisten pro Dekade 250  
Muellfuehrer pro Dekade 250  
zusammen 6.266 Pers.

Insgesamt geniessen also pro Dekade 10.286 Personen besondere Zuteilungen.

Ressortnachrichten.

Arbeitskraefte von der Feuerwehr:

Die von uns als beschlossene bzw. durchgefuehrte Reduktion bei der Feuerwehr4 wurde ueber Weisung des Amtsleiters Biebow rueckgaengig gemacht, da dieser eine Reduktion der Feuerwehr nicht wuenscht.

Liquidierung der Teppich-Ressorts:

Die Auflassung geschieht in der Weise, dass die Ressorts I und III, d.i. Klugmann und Freund, gaenzlich liquidiert werden, waehrend das Ressort Garfinkel vorlaeufig weiter arbeiten wird, jedoch nur mit aelteren Arbeitskraeften. Heute erschien Sienicki in der Muehlgasse, um eine Sichtung der Arbeitskraefte vorzunehmen und deren Ueberleitung in Ressorts durchzufuehren, wo diese Kraefte augenblicklich dringend gebraucht werden. Die Mehrzahl der Frauen und Maedchen unter 40 Jahren wurden den Korsett-Ressorts / Glaser und Gonik/ ueberwiesen. Spezialistinnen wurden in die betreffenden Ressorts ueberwiesen. Jugendliche maennliche Arbeiter gingen meist in die Bauabteilung bzw. in die Metall-Abteilungen. Die Ueberweisung in die Korsettabteilung erfolgte auch in jenen Faellen, wo die Voraussetzungen /Kenntnis des Maschinnaehens5 nicht vorlagen. Frauen, die nicht Maschinnaehen koennen, kommen im Ressort Glaser in eine Schulungsabteilung, wo sie es eben lernen muessen. Der Praeses hat Vorsorge getroffen, dass diese Kraefte, obwohl sie die Minimalproduktion unter diesen Umstaenden nicht erzielen koennen, mindestens 60 Mk monatlich verdienen muessen. Arbeiterinnen mit Etat verlieren diesen Charakter nicht. Verdienen sie im Ressort weniger, so behalten sie ihr bisheriges etatmaessiges Einkommen, verdienen sie hingegen mehr, so erhalten sie den Lohn ueber das etatmaessige Einkommen ausgezahlt. Man sieht, dass der Praeses ueberfluessige Haerten zu vermeiden versucht.

Die Teppich-Ressorts behielten einige wenige Instruktorinnen und Arbeitskraefte zur Beendigung der begonnenen Stuecke, wobei den Leitern aufgetragen wurde, diese Abschlussarbeiten mit groesster Beschleunigung zu finalisieren. Die nach Abschluss dieser Arbeiten verbleibenden Arbeitskraefte werden sodann dem Arbeitsamt ueberwiesen.

Was mit den Objekten, in denen die Teppich-Ressorts untergebracht waren, geschehen wird, steht nochnicht fest. Zweifellos werden dort andere Produktionen eingerichtet werden.

Die Durchfuehrung dieser Liquidierung geschah recht ploetzlich. Es ist bezeichnend, dass FUKR erst davon erfuhr, als die Liquidation bereits im vollen Gange war. Ja, selbst die Leitung des Zentral-Bueros der Arbeits-Ressorts erfuhr erst im Zuge der Aufloesung von dieser Tatsache. Die Schlagfertigkeit dieser Massnahme bewirkte also eine begreifliche Nervositaet im Getto. Es steht garnicht fest, ob es sich um eine von Amtsleiter Biebow angeordnete Massnahme handelt oder ob der Praeses hier nach eigenem Ermessen gehandelt hat. Sienicki behauptet, dass die Initiative von der Getto-Verwaltung ausgegangen sei u.z. deshalb, weil die Erzeugung der Lumpenteppiche nicht in den Rahmen kriegswichtiger Produktionen falle. Andererseits wird behauptet, dass der Praeses dringend mehrere hundert juengere Arbeitskraefte anderweitig gebraucht hat, weshalb er sich selbst kurzerhand entschlossen hat, diese durch Auflassung der Teppich-Ressorts sicherzustellen.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose, 1 Diphtherie.

Die Todesursachen der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 2 Krankh. der Verdauungswege, 1 Unterleibstyphus, 1 Brustdruesenkrebs, 1 Selbstmord.

1

Oskar Singer berichtet in der Getto-Enzyklopädie über Helena Rumkowska: „Im März 44 geht sie nach längerer schwerer Krankheit in leitender Stellung ins Schneider-Ressort, Hanseatenstrasse 37“ (AŻIH, 205/311, Bl. 345).

2

Vgl die Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 8. August 1943.

3

Um die Adoption der Kinder zu unterstützen, die nach der „Sperre“ im September des Vorjahres zu Waisen geworden waren, bekamen die neuen Eltern erhöhte Rationen. Oskar Singer berichtet im Mai 1944 – im Zusammenhang mit einem Textentwurf zu einem Album für den Präses – rückblickend über die Fürsorge des Judenältesten für die Kinder sowie über den Aufruf, elternlose Kinder aufzunehmen: „Als die September-Ereignisse des Jahres 1942 schmerzliche Lücken in das Familienleben der Gettobevölkerung rissen, da war er es, der den Gedanken der Adoption von Waisenkindern aufgriff und in der gewohnten temperamentvollen Weise zu einem glücklichen Ende führt. ... Kinder kamen in Familien unter und nie wieder liess er diese seine Schützlinge aus dem Auge. Durch besondere Talons für diese durch Dekret adoptierten Kinder sorgte er, dass das Verhältnis der Wahleltern zu den Kindern ein möglichst gutes sei“ (Singer 2002, S. 229).

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So in HK, LK*, JFK*.

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So in HK, LK*, JFK*.