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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 11. April 1944

Tageschronik Nr.: 
102
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Das Wetter:

Tagesmittel 12-18 Grad, trocken.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

2 /w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

77.581

Tagesnachrichten.

Abbruch:

Es liegen nun genauere Dispositionen über den Abbruch des wiederholt erwähnten2 Gettoteiles vor. Die Behörde hat angeordnet, dass zunächst nur die Objekte Neustädterstrasse 28-32 und Am Bach 2-16 abzubrechen sind. Die Arbeiten sind bereits im Gange.

Anbauflächen:

Die Wirtschafts-Abteilung führt unter Aufsicht von Kligier und Jakubowicz die Aufteilung der verfügbaren Anbauflächen durch. Die meisten Ressorts haben bereits nach der Kopfzahl ihre Flächen zugewiesen erhalten. Es wird stark darauf geachtet, dass nicht mehr als 15 qum pro Kopf zugewiesen wird.3 Das Getto ist zwar sehr ungläubig und ist überzeugt, dass es wieder Protektionen geben wird, doch darf man diesmal annehmen, dass das Prinzip des Aeltesten sich durchsetzen wird.

Pessach-Zuteilung:

Bis heute wurden ca 13.000 Personen mit verschiedenen Zuteilungen bedacht. Damit ist jedoch die Aktion noch immer nicht abgeschlossen, im Gegenteil, es ist anzunehmen, dass der Präses während, ja sogar auch nach den Feiertagen weitere Lebensmittelzuteilungen verfügen wird.

Approvisation.

Der heutige Tag brachte ca 4.000 kg Kartoffeln und 1750 kg kons. Rote Beete. An Fleisch nur 970 kg und sonstige Lebensmittel im Rahmen des Kontingents.

Schmalz-Ration:

Die Ausgabe von 5 dkg Schmalz erfolgt in den Fleischläden und wird von O.D.-Männern der Sonderabteilung überwacht. Die Sonder-Abteilung, die sich diese Ausgabe als ein persönliches Verdienst ihres Leiters Kligier anrechnet, will dafür sorgen, dass bei dieser geringen Menge niemand benachteiligt wird.

Ressortnachrichten.

Der Holzbetrieb II

beginnt demnächst mit der Produktion einer grossen Serie von Türen und Fensterrahmen. Die Oberaufsicht führt ein deutscher Kommissar, der bis vor kurzem noch in der Fabrik Köller, in Litzmannstadt, tätig war. Der Betrieb wurde am vergangenen Dienstag, Freitag sowie Sonnabend, den 8. ds.Mts., von Fachleuten der Stadtverwaltung besucht.

Kleiner Getto-Spiegel.

„Schubechz“:4

Rifke5 ist glücklich. Kraft einer hohen – sagen wir – Intervention ist es ihr gelungen, eine Anweisung an eine Küche auf Schubechz zu bekommen, jeden zweiten Tag 2 kg Schubechz. Keine Kleinigkeit. Das kg Kartoffeln kostet 200 Mk, das kg Schubechz 60 Mk, also bedeuten 2 kg schon ein kleines Vermögen ... Rifke ist, wie gesagt, glücklich. Sie kommt, mit einem Sack ausgestattet, in die Küche. Heute nichts, morgen vielleicht, am besten übermorgen gegen 11 Uhr Vormittag, bevor der Rummel bei der Suppenausgabe beginnt. Rifke erscheint, da sie keinen Erlaubnisschein zum Betreten der Strasse ausserhalb der Ressortstunden besitzt, sehr erregt bei der Person, die den Auftrag hat, Schubechz an die Bezugsberechtigten auszugeben. „Unmöglich“! Eine Kommission! Heute wirds nicht mehr gehen. Vielleicht morgen ... übermorgen ... Schliesslich hat Gott geholfen und Rifke hat die 2 kg Schubechz bekommen. Es spricht sich leicht aus: Schubechz! Aber Schubechz und Schubechz sind verschieden! Die Schubechz, die in gesegneten Vorkriegsjahren das Vieh bekommen hat, waren schöne, goldene, dicke Kartoffelschalen, allen jüdischen Kindern zugedacht. Aber heute: dünne Schälchen, voller Schmutz und Staub, zum Teil vertrocknet, zum Teil nur Haut und Knochen, d.h. ohne eine Spur von Kartoffeln. Aber mags drum sein! Die Hauptsache: Man kann 2 kg Schubechz nachhausebringen und den Kindern etwas Schmackhaftes, je nach dem Talent der Hausfrau, zubereiten. Ja, die Kinder! Sobald die Mutter die Stube betreten hat, stürzen sie zum Sack hin, der die Ausbeute des Tages, das sind die 2 kg Schubechz, beherbergt. Jetzt heisst es arbeiten, zugreifen. Die Schubechz werden in einen Eimer geworfen, zur Pumpe auf den schneekalten Hof gebracht ... Man wäscht, reinigt, löst von Schmutz und Staub ... Noch einmal pumpen, noch einmal reinigen, nachdem man zuvor die voraussichtlich geniessbaren Stücke mühevoll ausgeklaubt hat. Inzwischen ist spät abends geworden.6 Die Kinder sind müde, schlafen bei der Arbeit fast ein ... Aber da hilft kein Innehalten, kein Pausieren. Nach der Reinigung wird Wasser auf den Herd gestellt. Das warme Wasser soll den letzten Rest von Schmutz und Staub wegspülen. Es ist Mitternacht. Auch die Hausfrau selbst ist müde geworden. Die 2 kg Schubechz sind auf ungefähr ein halbes Kilo eingeschrumpft. Jetzt in die Faschiermaschine7, als ob es sich um Fleisch handeln würde. Am nächsten Tag werden die Schubechz in gemahlenem Zustand verwendet. Ein Kind will eine Babka, das zweite möchte Platzki, das dritte zieht Klejselach8 vor. Die Mutter entschliesst sich für Klejselach – in die Suppe. Die Ressortsuppe, mit Klejselach verbessert, gibt eine komplette Mahlzeit. Die Kinder sagen: die Suppe riecht nicht gut, daran sind die Klejselach schuld. Aber was liegt an derlei Einwendungen? Klejselach aus Schubechz – so sagen die Aerzte und vernünftige Laien, Magenfachleute des Gettos – haben Nährwert, und darum wäre es eine Sünde, auf derlei Geschenke zu verzichten, wenn man auch noch so viel Mühe anwenden muss, um zu einem Resultat zu gelangen. Soll uns Gott nur jeden zweiten Tag 2 kg Schubechz zukommen lassen ... Das halbe Leben ...

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 8 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Kleinhirntuberkulose.

1

HK, LK*, JFK*: Ursprünglich „Tagesbericht von Montag, den 10. April 1944“; Tag und Datum korrigiert.

2

Vgl. etwa die Tageschroniken vom 4. April 1944 (Eintrag „Teilabtrennung vom Getto“) und 8. April 1944 (Rubrik „Tagesnachrichten“).

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

Schubechz ‚Kartoffelschalen‘; zu jidd. schólechz ‚Schale‘.

5

Rifke ist die jiddische Form des weiblichen Vornamens Rivka (hebr.) bzw. Rebekka, ein weit verbreiteter Frauenname, der im Chronikeintrag offenbar typisierend verwendet wird.

6

So in HK, LK*, JFK*.

7

Faschiermaschine ‚Fleischwolf‘; zu faschieren ‚durch den Fleischwolf drehen‘, zu frz. farce ‚Einlage‘, lat. farcīre ‚hineinstopfen‘; österr.

8

Es scheint sich hier um Klöße zu handeln, auch wenn der jiddische Ausdruck dafür Knejdl wäre.