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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 12. Oktober 1943

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Tageschronik Nr.: 
269

Das Wetter:

Tagesmittel 10-25 Grad, sonnig, kalt.

Sterbefaelle:

12

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.605

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Der Praeses vier Jahre im Amt:

Am 14. Oktober sind es 4 Jahre, seit der Praeses das Amt als Aeltester der Juden von Litzmannstadt-Getto angetreten hat. Aus diesem Anlass duerfte es eine Ehrung des Praeses durch die sogenannte alte Garde geben. Es finden Beratungen der aeltesten Mitarbeiter des Praeses statt, die dieses Jubilaeum in wuerdiger Form begehen wollen. Voraussichtlich wird dem Praeses aus diesem Anlasse ein Geschenk besonderer Art ueberreicht werden.

Todesfall:

Heute verstarb der junge Mitarbeiter des Archivs Szmul Hecht im Alter von 20 Jahren. Der Genannte war ein Eingesiedelter aus Wiełun. Er war seit Beginn seiner Taetigkeit kraenklich, sehr unterernaehrt und zog sich so eine Tuberkulose zu. Gelegentlich der Aussiedlung aus Wiełun verlor er die Mutter und die Schwester, der Vater starb hier im Getto vor 14 Tagen, sodass der junge Mann auch seelisch voellig zerruettet war.

Er ist demnach der vierte Mitarbeiter des Archivs, der durch Tod von uns gegangen ist.1 Er war ein ueberaus liebenswuerdiger, stiller, bescheidener Mensch, dem wir ein ehrendes Andenken bewahren werden.

Approvisation.

Der befriedigende Einlauf an Lebensmitteln haelt an. An Kartoffeln kamen 233.000 kg, an Kuerbis 60.000 kg herein. Weiter kamen Rettich, Spinat, Petersilie im Gesamtgewicht von 12.500 kg herein. Erstmalig kamen auch 12.200 kg gruene Tomaten herein und da weitere Tomaten avisiert sind, duerfte es zu einer Tomatenration kommen. Das waere erstmalig seit 1940. Im Vorjahre kamen rote Tomaten herein, jedoch nur in ganz geringen Mengen, sodass nur Taloninhaber davon geniessen konnten.

Hingegen ist wieder die Fleischzufuhr etwas schwaecher, es kamen nur 1800 kg herein. Auch etwa 1700 kg saure Gurken kamen herein, die wohl der Salatfabrikation zugefuehrt werden duerften.

Talon-Zuteilung:

B. L. Ph
  • 15 dkg Marmel.
  • 20 dkg Zucker br.
  • 15 dkg Flocken
  • 2 kg Kartoffeln
  • 1/2 Dose Fleischkonserven
  • 15 dkg Wurst
  • Mk. 5.30
  • 100 St. Zigar. pro Familie Mk. 15.-
B I. B II. Pol.
  • 15 dkg Marm.
  • 20 dkg Zuck.
  • 20 dkg Flock.
  • 3 kg Kartof.
  • ½ D. B.W.2
  • 15 dkg Wurst
  • Mk. 5.90
B III.
  • 15 dkg Marm.
  • 20 dkg Zuck.
  • 20 dkg Erbs.
  • 3 kg Kartof.
  • ½ D. B.W.
  • 15 dkg Wurst
  • Mk. 5.90
Schwerarbeiter C P
  • 15 dkg Marmel.
  • 20 dkg Zucker
  • 20 dkg Erbsen
  • 4 kg Kartoffel
  • ½ D. B.W.
  • 15 dkg Wurst
  • Mk. 6.40
Faekalisten
  • 15 dkg Marmelade
  • 20 dkg Zucker br.
  • 20 dkg Erbsen
  • 4 kg Kartoffeln
  • 2 kg Briketts
  • 40 St. Zigaretten
  • ½ Dose B.W.
  • 15 dkg Wurst Kr.
  • Mk. 12.60

Fuersorgewesen.

Suppen fuer kranke Kinder:

Die Kommission fuer Kinderfuersorge hielt eine Sitzung ab. Anwesend waren als Vertreter der Gesundheitsabteilung die Ärztinnen Dr. Mandels und Dr. Gutman mit dem Leiter Czernobroda, ferner die Herren Rechtsanwalt Neftalin und der Vorsitzende des Gerichts Jacobson sowie alle andern leitenden Personen dieser Kommission. Es handelt sich um die Frage der Zuteilung von Suppen an Kinder, die infolge Erkrankung nicht in den Kinderhort kommen koennen. Beschlossen wurde, dass gegen Zeugnis eines Kinderarztes die Ausfolgung dieser Suppen erfolgen kann. Allerdings mit der Einschraenkung, dass es nicht hoffnungslos kranke Kinder sein duerfen. Es werden also nur voruebergehend heilbare Erkrankungen beruecksichtigt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

11 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

6 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 1 Herzmuskelschwaeche, 1 Typhus, 2 Tuberkulose anderer Organe, 1 Hirnblutung.

1

In der ersten Jahreshälfte waren bereits die Archivmitarbeiter Julian Cukier-Cerski (7. April 1943), Abram S. Kamieniecki (21. Juni 1943) und Bernhard Heilig (29. Juni 1943) verstorben. Vgl. die entsprechenden Einträge in den Tageschroniken der genannten Todestage sowie die dazugehörigen Nachrufe.

2

Jakub Poznański zählt in seinem Tagebuch im Oktober 1943 verschiedene Arten der Fleischkonserven auf. B.W. steht in diesem Zusammenhang für „Blutwurst“. Daneben gab es Schweine-, Rind- und Pferdefleisch sowie Leberwurst in Konserven. Vgl. Poznański 2002, S. 120.