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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 14. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
332

Das Wetter:

Früh 3 Grad unter 0, mittags 1 Grad unter 0, trocken, Frost.

Sterbefälle:

11

Geburten:

1 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.216

Tagesnachrichten.

Ein Tag höchster Erregung im Getto. Seit den Tagen der Sperre im September vorigen Jahres hatte das Getto nicht so ernste Stunden erlebt. Gegen 1/2 12 Uhr mittags verbreitete sich im Getto lauffeuerartig das Gerücht, dass der Präses von Beamten der Geheimen Staatspolizei nach der Stadt gebracht wurde. Der Vorgang spielte sich folgendermassen ab. Gegen 1/2 10 Uhr erschien ein Auto der Geheimen Staatspolizei aus Posen am Baluter-Ring. 2 Herren, der Eine in Zivil, der Andere in Uniform, betraten das Vorzimmer des Präses und liessen sich bei ihm melden. „Sind Sie der Judenälteste?“ „Wie heissen Sie?“ Der Präses nannte seinen Namen, worauf die Herren das Arbeitszimmer betraten und sagten: „Wollen wir ein wenig allein bleiben!“ Die beim Präses gerade anwesenden Herren Mosze Karo und Tabaksblatt empfahlen sich sofort.

Die Unterredung der beiden Beamten mit dem Präses dauerte etwa 2 Stunden, mit Unterbrechungen. Zeitweilig hielten sich die Herren in den Räumen der Getto-Verwaltung auf und in der Zwischenzeit musste Frl. Fuchs gewisse statistische Aufstellungen bereit stellen. Auch von Rechtsanwalt Neftalin wurden die bevölkerungsstatistischen Daten abverlangt. Auch im Büro Kincler1 /Approvisation, Baluter-Ring / wurden Erhebungen gepflogen. Um 1/2 12 Uhr verliess der Präses mit den beiden Herren der Geheimen Staatspolizei das Getto, in der Richtung Stadt. Das Getto war sich zunächst der Bedeutung dieses Vorfalles nicht ganz bewusst. Erst als der Präses um 7 Uhr abends noch immer nicht zurückgekehrt war, begann das Herz des Gettos zu klopfen. Ueberall bildeten sich Gruppen, in den Büros standen die Menschen beisammen und besprachen erregt das Ereignis. Am Baluter-Ring versammelten sich die höchsten Beamten des Gettos und warteten auf eine Nachricht. Die Droschke des Präses stand wie immer am Baluter-Ring und wartete bis in die Nachtstunden, aber es kam keine Nachricht. Viele wollten wissen, dass der Präses nach Posen gebracht wurde.

Beim Verlassen des Baluter-Rings hatte der Präses gerade nur die Möglichkeit dem zufällig anwesenden Dr. Müller zu sagen: „Wenn etwas passieren sollte, sollst du wissen, es handelt sich um Approvisationsfragen, nur um Approvisationsfragen“. Der Präses war sehr gefasst. Alles erinnerte sich in diesen schweren Stunden an den Fall Gertler. Der Unterschied der beiden Fälle war aber augenfällig. Dort war es nur eine im Getto sehr populäre Persönlichkeit, hier aber spürte jetzt jeder ohne Ausnahme, dass es doch um den Vater des Gettos geht. Allen kroch die Angst in die Knochen und niemals empfand man so sehr die unleugbare Tatsache „Rumkowski ist das Getto“. Besonders ängstliche sahen schwarz und sprachen von einer unmittelbaren Gefahr für das Getto. Nur wenige Menschen haben diese Nacht ruhig geschlafen. Bis 11 Uhr nachts wartete man auf die Rückkehr, doch der Präses kam nicht. Eine weitere Beunruhigung verursachte der Umstand, dass auch der Amtsleiter in die Stadt berufen wurde und ebenfalls bis in die Nachtstunden keine Nachricht gegeben hatte. Man nimmt unter diesen Umständen an, dass der Präses doch nach Posen gebracht wurde. Es bleibt nichts übrig als abzuwarten.2

Approvisation.

Heute wurde eine Kartoffelzuweisung für die Winterbevorratung publiziert. Die Kundmachung hat folgenden Wortlaut:

Ab Mittwoch, den 15.12.1943, werden3 auf Coupon Nr. 130 der Gemüsekarte auf die Dauer von 10 Wochen, d.i. für die Zeit vom:

24.1.1944-2.4.1944 einschl., je 1 kg Kartoffeln, insgesamt also

  • 104 kg Kartoffeln pro Kopf für den Betrag von Mk 5.- ausgefolgt.

Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, dass für den obengenannten Termin keine weitere Zuteilung in Kartoffeln erfolgt.

Die Gettobevölkerung wird darum5 strengstens darauf hingewiesen, mit der Ration

sorgfältigst und sparsamst umzugehen. Insbesondere sind die Kartoffeln pfleglichst zu behandeln und sie vor Fäulnis zu schützen.6

Gemüse-Zuteilung:

Ab Mittwoch, den 15.12.1943, werden auf Coupon Nr. 129 der Gemüsekarte

  • 100 g Porree für den Betrag von Mk 0.20

und auf Coupon Nr. 128 der Gemüsekarte

  • 1 kg Rettich für den Betrag von Mk 0.50 herausgegeben.

Zuteilung von Gemüsesalat:

Ab Mittwoch, den 15.12.1943, werden auf Coupon Nr. 12 der Nahrungsmittelkarte

  • 150 g Gemüsesalat für den Betrag von Mk 0.30 ausgefolgt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Bauchtyphus, 1 Lebensunfähig /neugeborenes Kind/.

1

HK: Am Rand von Hand hinzugefügt „Kinstler“.

2

Vermutlich wurde Rumkowski im Zusammenhang mit den Versuchen der „Ostindustrie GmbH“, das Getto zu übernehmen, in die Stadt geholt. Der Geschäftsführer der „Osti“ und Rechnungsprüfer des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, SS-Obersturmbannführer Dr. Max Horn, Adolf Eichmann und der Sachbearbeiter für alle „Judenfragen“ in der Posener Reichsstatthalterei, SS-Oberführer Dr. Herbert Mehlhorn, trafen sich Mitte Dezember in Litzmannstadt, um Fragen dieser Übernahme zu diskutieren. Ob Horn und Eichmann bei der Befragung durch die Gestapo anwesend waren, ist nicht bekannt. Jedoch besichtigten sie offenbar in den nächsten Tagen zahlreiche Gettobetriebe. Horns Bericht über die Wirtschaftlichkeit des Gettos fiel einigermaßen negativ aus. Michael Alberti geht davon aus, dass er damit nur Himmlers Wunsch entsprach: Die vor der Pleite stehende „Osti“ sollte die Betriebe des Gettos nicht übernehmen, stattdessen sollte die Gettobevölkerung reduziert und dann die Übernahme der Betriebe durch die SS erfolgen. Vgl. Alberti 2000/2001, S. 438-440; Dobroszycki 1984, S. 417, Anm. 47. Auch Abraham Biderman bemerkt, dass Eichmann am 14. Dezember 1943 in Litzmannstadt war (Biderman 1995, S. 130f.). – Oskar Rosenfeld schreibt am gleichen Tag in seinen privaten Aufzeichnungen: „Dienstag, 14. Dezember. Höchste Spannung. Schwerer Tag. Gegen 11 Uhr vormittags Ältester von drei Gestapo -Beamten in Stadt gebracht. Bange Stunden. Wilde Gerüchte. Man erinnert sich des 12. Juli Gertler. Wird er zurückkommen? Was los. Es wird Abend. Wagen mit Schimmel steht auf Baluter Ring und wartet. Es wird Nacht. Endlich: gegen ½ 2 Uhr nachts Klopfen an den Türen nebenan: Praeses zurück. Man atmet auf. Dann horcht man den Gründen nach. Angeblich Kontrolle der Approvisation. Mehr Quoten hereingekommen als Menschen im Getto. Kartenstelle bloß 79 000, während statistisches Amt über 83 000 ausweist. Wie immer dem sei, der Praeses ist wieder da, unter den Lebenden. Der Schlag überwunden. Der Praeses arbeitet wieder [...] Es kam eine schwere Nacht. In die Glieder gefahren. Der Alte trotz allem die zentrale Figur des Gettos“ (Rosenfeld 1994, S. 254).

3

Im Originaltext der Bekanntmachung: Nachfolgend „an alle“.

4

Im Originaltext der Bekanntmachung: Nachfolgend „/zehn/“.

5

Im Originaltext der Bekanntmachung: „deshalb“.

6

Mit Ausnahme der genannten Abweichungen stimmt der in der Tageschronik zitierte Text mit dem Original überein. Auf eine Übernahme mancher Sperrungen verzichten die Chronisten. Der Wortlaut der Bekanntmachung zur Kartoffelzuteilung wird allerdings nur in Auszügen wiedergegeben. Ausgespart wurde – neben der Betreffzeile – folgender Absatz: „Die Einzahlung für die vorerwähnte Kartoffel-Zuteilung kann ab Mittwoch, den 15.12.1943 in den zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen vorgenommen werden. Die Herausgabe von Kartoffeln erfolgt ebenfalls ab Mittwoch, den 15.12.1943 an den von den Kolonialwaren-Verteilungsstellen angewiesenen Plätzen.“ Vgl. APŁ, 278/422, Bl.154: Bekanntmachung / Betr.: Kartoffelzuteilung für die Winterbevorratung, 14.12.1943. Auf demselben Blatt findet sich auch die Bekanntmachung „Betr.: Zuteilung von Gemüse“.