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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 14. September 1943

Tageschronik Nr.: 
241
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Das Wetter:

Frueh 19 Grad, sonnig, Mittag 25 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

8

Geburten:

1/ maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstaehle: 3

Bevoelkerungsstand:

83.813

Selbstmord:

Am 14.9.1943 veruebte Herszek Gutwilen, geb. 1906 in Chmielow, wohnhaft Inselstrasse 19, durch Erhaengen Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Der Praeses eroeffnete heute die Kraeftigungskueche fuer jugendliche Arbeiter an der Hohensteinerstrasse26 /siehe tieferstehenden Bericht „Fuersorgewesen“/.

Approvisation.

Zuteilung von Gemuesesalat:

Nach1 laengerer Zeit gab der Praeses wieder eine Zuteilung von Gemuesesalat heraus, u.z. auf Coupon 46 der Nahrungsmittelkarte wird in den Milchlaeden 1/4 kg Gemuesesalat zum Preise von Mk 1.- ausgegeben.

Die Approvisationslage ist gebessert. Am 13. erhielt das Getto 168.100 kg Kartoffeln und am heutigen Tage 33.000 kg Kartoffeln, das ist immerhin schon ein Quantum, mit dem die Gemueseabteilung operieren kann. Ausserdem ist der Einlauf von Gemuese befriedigend. Es kamen herein: Kohlrabi, Moehren, Rettich, Petersilie, Sellerie und Weisskohl im Gesamtgewicht von 177.800 kg. Die Zufuhr von Fleisch ist hingegen noch immer ungenuegend. Etwas gebessert ist die Zufuhr von Magermilch, am heutigen Tage kamen 8400 l herein.

Von der Talon-Abteilung:

Die Zusammenarbeit der Talon-Abteilung mit der Karten-Abteilung verlaeuft nicht ganz reibungslos. Die Karten-Abteilung, die alles daran setzt, das Kartensystem nunmehr lueckenlos in Ordnung zu bringen, verlangt von der Talon-Abteilung absolute Anpassung an das System. Die Talon-Abteilung hat aber ein eigenes originelles Distributionssystem und moechte natuerlich nicht locker lassen. Es ist2 abzuwarten, ob eine Angleichung der gegenseitigen Standpunkte erreichbar sein wird.3

Die vorgesehene Reduktion von 45 Beamtinnen der Talon-Abteilung, die vom Arbeitsamt vorgenommen wurde, ist bisher nicht durchgefuehrt. Aus dieser Abteilung wurde also vorderhand kein Personal abgebaut.

Ressortnachrichten.

Von der Tischlerei, Zimmerstrasse:

Am heutigen Tage hat der Leiter der beiden Holzbetriebe, Zimmerstrasse 12 und Reitergasse, Terkeltaub, eine Ansprache an die Belegschaft gehalten, in der er im Sinne der Ausfuehrungen des Praeses ebenfalls zur absoluten Ruhe ermahnte und unter Androhung schaerfster Strafen die Belegschaft warnte, Brennholz illegal herauszuschaffen.

Neues Objekt fuer die Schneider:

Am gestrigen Tage hat der Praeses in der Schneider-Zentrale die Mitteilung gemacht, dass er das urspruenglich fuer das Metallressort vorgesehene Objekt, Alexanderhofstrasse 25, dem Schneiderressort zur Verfuegung stelle. Hier wird eine neue Schneider-Abteilung eingerichtet werden u.z. unter Leitung von Goldsztajn, der bisher einer der Leiter im Schneider-Betrieb, Hanseatenstrasse 34-36, war.

Metall-Ressort:

Das Metall-Resort erhaelt ein neues Objekt u.z. die neuerrichtete Holzhalle an der Alexanderhofstrasse 3-5-7, sowie den rueckwaertigen Trakt des Hauses Alexanderhofstrasse 11. Beide Objekte liegen nahe dem Metall-Ressort II, Hohensteinerstrasse26.

Fuersorgewesen.

Eroeffnung der Kraeftigungs-Kueche fuer jugendliche Arbeiter:4

Es war ein grosses Ereignis fuer die jugendlichen Arbeiter des Gettos. Schlag 3 Uhr waren die ersten Gruppen unter Leitung der Aufsichtspersonen /Opiekunowie5/ vor dem Eingang versammelt. Die Aufsichtspersonen meldeten sich bei den anwesenden Leitern der Umschichtungs-Abteilung, Karo und Tabaksblat, welche beide Herren, unter Assistenz des Beamten6 Silberstern, alle Vorbereitungen getroffen hatten. Die Opiekunowie fuehrten die Legitimationen der Knaben und Maedchen mit sich und erledigten unter Anleitung von Karo und Tabaksblat an den Schaltern die Formalitaeten. Diese bestehen darin, dass die Tagescoupons abgeschnitten und die Jetons fuer Suppe und zweiten Gang ausgegeben werden. Knapp nach 3 Uhr marschierte die erste Gruppe in den schoen remontierten Saal ein. An den Ausgabeschaltern fuer Mahlzeiten wartete bereits die blitzsaubere Schar der Kellnerinnen, bewaffnet mit den Tragbrettern und Tassen. Die Knaben und Maedchen bezogen die ihnen von den Leitern der Abteilung7 angewiesenen Plaetze und packten sofort ihr Essbesteck aus. An den Tischen der Maedchen sah man sofort saubere Servietten ausgebreitet. Geduldig aber im lebhaften Gespraech wartete die hungrige Schar auf dem8 Aufmarsch der ersten Suppe. Allmaehlich steigerte sich das Geraeusch im Saal, was man aber den jungen Arbeitern wohl nicht uebel nehmen kann. Es kamen von der Tischlerei-Abteilung, Zimmerstrasse 12 86, von der Metall II 145, von dem Holzbetrieb, Putziger 9 76, vom Zentrallager fuer Eisen 61, von der Naegel-Fabrik 7, von der Getto-Tischlerei 22 und von den Schneider-Abteilungen 65 jugendliche Arbeiter. Die Abspeisung dieser Jugendlichen erfolgte in zwei Gruppen von 3-5 Uhr. Von 5-1/2 6 gab es eine Pause. Die Kinder der 1. Gruppe hatten sich bereits im Hof versammelt, wo die Aufsichtspersonen gleich den Stand aufnahmen. Diese Mittagsgaeste kamen direkt von ihren Wohnungen. Hingegen ist die 3. und 4. Gruppe, u.z. von 1/2 6-1/2 8 Uhr, direkt von den Betrieben in Gruppen eingetroffen, gefuehrt von ihren Aufsichtspersonen u.z. vom Metall I 303, Schwachstrom 138 und Naehmaschinen-Reparatur 41. Alles in allem sind am Eroeffnungstage 944 Knaben und Maedchen erschienen. Vierzehn Tage hindurch werden sie nun an demselben Platz ihre Kraeftigungsmahlzeit einnehmen und sich hoffentlich erholen. Das Essen ist der Zusammenstellung nach identisch mit dem in den Kraeftigungskuechen fuer Erwachsene, nur in der Menge um 20% verringert. Manchen Jugendlichen fiel es sogar schwer, diese Mahlzeit zu bewaeltigen, aber die Kraeftigeren unter ihnen putzten die beiden Gaenge mit Leichtigkeit weg. Es gab eine ausgezeichnete, auf Knochen gekochte Kartoffelsuppe, dann als zweiten Gang Klops mit Kartoffelbrei und Sauce, suesses Moehrengemuese, bisschen rohes Sauerkraut und Pudding. Wie uns der Leiter der Umschichtungs-Abteilung, Karo, mitteilt, handelt es sich nun darum, insgesamt noch 10.000 Jugendlichen solche Kraeftigungsmahlzeiten zu bieten. Von den insgesamt 12.000 jugendlichen Arbeitern waren etwa 1300 bereits im Heim, etwa 700 hatten ihre Kolacie schon in der Kueche fuer Erwachsene absolviert, so dass etwa noch 10000 Jugendliche, turnusweise zu bespeisen waeren. Gegen 1/2 7 Uhr erschien der Praeses in Begleitung des Herrn Litwin und des Kommissars Kohl. Er begruesste die Kinder, zog sie ins Gespraech, kontrollierte die Qualitaet des Essens, besichtigte die Kuechenanlage, die Einrichtung, die genau nach seinen Anordnungen neu angeschafft wurde. Das Kuechenpersonal kam ziemlich komplett aus dem Erholungsheim an der Gnesenerstrasse, das gegenwaertig bekanntlich geschlossen ist. Auch der Leiter dieses Heimes, Kommissar Jakubowicz, ist da u.z. als administrativer Leiter dieser Kueche. Die Oberleitung in technischer Beziehung hat auch hier die Hauptwirtin der Kuechen, Frau Gonik. Der Praeses, sichtlich zufrieden und in bester Stimmung. Er nahm nach der Besichtigung mit seiner Suite9 an einem der Tische Platz und verblieb daselbst etwa eine Stunde in anregendem Gespraech. Diese neue Kraeftigungskueche fuer jugendliche Arbeiter ist als weitere Glanzleistung auf dem Gebiete der Fuersorge bzw. insbesondere auf dem Gebiete der Jugendfuersorge anzusprechen und wird sich auf den Gesundheitszustand der heranwachsenden Arbeiterschaft ausgezeichnet auswirken.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

4 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 1 Typhus, 1 Hinrichtung, 1 Selbstmord.

1

HK, LKV/a**, JFK*: Ursprünglich „Seit“; jeweils von Hand ersetzt.

2

HK, LKV/a**, JFK*: Ursprünglich „heisst“; jeweils von Hand ersetzt. LKV/b**: „heisst“.

3

Der Konflikt zwischen der „Kartenabteilung“ und der „Talonabteilung“ rührte daher, dass die erste die Grundnahrungsmittel ausgab, die zweite dagegen Zusatzrationen. Solange beides von einer Person, also noch bis September 1942 von Rumkowski, erledigt wurde, gab es keine Streitigkeiten. Doch gleich nachdem das Recht der Zuteilungen auch dem Leiter des „Zentralbüros der Arbeitsressorts“, Jakubowicz, und dem Leiter des „Sonderkommandos“, Gertler, erteilt worden war, kam es zu vielen Missverständnissen und Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Abteilungen.

4

LKV/a**: Oberhalb der Überschrift von Hand hinzugefügt „( Hohensteiner 26)“.

5

Opiekun ‚Aufseher, Aufsichtsperson, Betreuer, Beschützer‘; poln.

6

HK, LKV/a**, JFK*: Ursprünglich „Lehrers“; jeweils von Hand ersetzt.

7

HK, LKV/a**, JFK*: Ursprünglich „Schulabteilung“; „Schul“ jeweils von Hand gestrichen.

8

So in HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK*.

9

Suite, hier ‚Gefolge einer hochgestellten Persönlichkeit‘; aus frz. suite, eigentlich ‚Folge‘, älteres Nhd.