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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 15. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
46

Das Wetter:

Tagesmittel 2-3 Grad, unter 0, ruhig, Schnee.

Sterbefälle:

13

Geburten:

3 /2 weibl., 1 männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

79.723

Tagesnachrichten.

1500 Arbeiter:

Die Aktion ist noch immer im Gange. Andauernd werden Perlustrierungen der Wohnungen durchgeführt, aber nur schleppend erhöht sich der Stand der im Zentral-Gefängnis angehaltenen Personen, ca 600 sind vorhanden. Auf die Frage, wann der 1. Transport abgehen wird, kann niemand antworten. Es scheint jedoch, als hätte der Präses noch Zeit. Nur wenn ein längerer Termin gesetzt ist, wird es ihm möglich sein, die Zahl von 1500 aufzubringen u.zw. nur durch Aushungerung. Morgen, den 16., ist wieder Brotausgabe. Da den Familien der Versteckten alle Lebensmittelkarten gestoppt wurden, dürfte es für die Betroffenen in der nächsten Zeit schwierig sein durchzuhalten und sich selbst bzw. den Versteckten zu ernähren. Wenn auch die Familiensolidarität in dieser Beziehung sehr wirksam ist, so lässt sich einfach angesichts der allgemeinen Ernährungslage im Getto auf die Dauer das Problem nicht lösen. Schon jetzt melden sich allmählich Leute, die der Hunger aus ihren Verstecken jagt.

Im Zentral-Gefängnis befinden sich sowohl die T Qualifizierten /Tauglichen/ als auch die B I und B II Qualifizierten, das ist Reserve I und Reserve II. Die Angehaltenen erhalten eine anständige Verpflegung, bestehend aus 3 Suppen, 25 dkg Brot, 1 dkg Zucker und 1 Löffel Brotaufstrich, ferner Zigaretten. Der Präses hat ein Interesse daran, diese Leute ein bisschen aufzufüttern, um ihnen ein Durchhalten unter allen Umständen zu ermöglichen.

Approvisation.

Die Einfuhr an Gemüse ist nach wie vor sehr gering. Am 14. kamen 8.020 kg Kartoffeln, 12.715 kg Rettich, 2.970 kg Kohlrüben und 19.837 kg Sauerkraut, hingegen heute nur 1280 kg Kartoffeln. Fleisch kam gestern nicht, hingegen heute 1553 kg Rindfleisch Freibank.

Vom Zentral-Sekretariat erfahren wir, dass beginnend mit nächster Woche ständig Fleisch einlaufen wird, sodass die Bevölkerung eine Wochen-Ration von etwa 20 dkg erhalten wird.

Die Ration:

Die Ausgabe der Ration geht nicht flott vonstatten. Das liegt zunächst daran, dass die Kundmachung der Ration inmitten der Aussiedlungsaktion erfolgte, also in einem Zeitpunkt, wo die Verteilungsläden nicht mehr über das komplette Personal verfügten und die Kolonialwaren-Abteilung auch für den Transport nicht rechtzeitig sorgen konnte, denn gerade die Kolonialwaren-Abteilung wurde durch die Aktion empfindlich getroffen. Die Läden haben also nicht genügend Ware, einzelne Artikel fehlen überhaupt, sodass mit sogenannten „Verschuldungen“ gearbeitet werden muss,1 dann reicht die Zeit von 17 Uhr bis in die späte Nacht nicht aus. Aus den Ressorts ergiesst sich die Flut der Arbeiter in die Läden. Endlose Schlangen stauen sich dort. Die Menschen können aber nach der schweren zehnstündigen Arbeit doch nicht durchhalten und geben den Kampf noch vor Erhalt der Ration auf. Es ist zu hoffen, dass die nächste Ration sich besser abwickeln wird, wenn vor allem der ganze Sonntag zur Verfügung stehen wird.

Dieselben Schwierigkeiten spielen sich bei den Milchläden und am Kohlenplatz ab. Die Ausgabe der Kartoffeln und Möhren wird nicht, wie ursprünglich angenommen wurde, auf den Plätzen, sondern ebenfalls in den Verteilungsläden erfolgen. Für den morgigen Brotausgabetag sind natürlich ebenfalls ausserordentliche Schwierigkeiten zu erwarten.

Philatelistische-Abteilung.

Die Philatelistische-Abteilung hat nach halbjährigem Stillstand im November 1943 den grossen Auftrag auf Manipulation von 20.000 Paketen je 50 Stück für die Getto-Verwaltung erhalten.2 Trotz Materialmangels wurden bis Weihnachten 6.500 Pakete fertiggemacht. Gegenwärtig hat die Abteilung mehrere kleine Aufträge für die Getto-Verwaltung auszuführen.

Tabak-Abteilung.

Die Tabak-Abteilung hat am 8.2.44 4.440 kg jugoslavischen Tabak erhalten. Die Getto-Verwaltung hat die Abteilung beauftragt, trockene Magazine für zu erwartende Zigaretten-Einfuhren bereitzustellen. Diesem Auftrage hat die Abteilung auch entsprochen und am heutigen Tage erschienen 2 Herren der Getto-Verwaltung zwecks Besichtigung der Räume. Es heisst, dass in Litzmannstadt einige Millionen Zigaretten für das Getto bereit liegen.

Man hört, man spricht ...

... dass das Gebäude Hanseatenstrasse 63, wo sich die Privatwohnung des Präses und der Familie Fuchs3 befindet, von der Getto-Verwaltung für sich beansprucht wird. Der Präses müsste also seine Privatwohnung räumen und es heisst, dass er nach dem Objekt Inselstrasse 22 b übersiedeln soll.

... dass das Objekt der Sonder-Abteilung nunmehr endgültig von der Getto-Verwaltung beansprucht wird. Es soll noch im März geräumt werden. Wohin die Sonder-Abteilung gehen soll, ist noch unbekannt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Flecktyphus, 7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 1 Darmtuberkulose, 1 Lungenblutung, 5 Herzkrankheiten.

1

Der Anspruch auf die nicht eingelösten Zuteilungen wurde durch „Schuldscheine“ aufrechterhalten, mittels derer die Rationen zu einem späteren Zeitpunkt eingeholt werden konnten. Über die Einlösung solcher „Verschuldungen“ berichtet etwa die Tageschronik vom 21. August 1943 (Eintrag „Kartoffelration“).

2

Gemeint sind Briefmarkenheftchen. Über einen entsprechenden Weihnachtsauftrag berichtet, ohne konkrete Zahlen zu nennen, die Tageschronik vom 8. November 1943 (Rubrik „Ressortnachrichten“).

3

Mit Familie Fuchs sind die Geschwister Bernhard Fuchs und Dora Fuchs gemeint.