Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 16. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
136
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 10-12 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

4 / 2 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.053

Selbstmord:

Am 15.5.1944 verübte der Jakubowicz Icek, geb. 12.5.11 in Zdunska Wola, wohnh. Bleig. 9, Selbstmord durch Erhängen. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Selbstmordversuch:

Am 15.5.1944 versuchte der Bryl Rywen, geb. 12.3.10 in Łesczyca, wohnh. Korbg. 14, durch Erhängen Selbstmord zu verüben. Der Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Musterung in den R-Läden:

Der Präses besuchte alle R-Läden und musterte das dort beschäftigte jüngere Personal aus. Diese Personen werden den verschiedenen Schneidereien zugewiesen, da dort dauernd Arbeitskräfte benötigt werden.

Aufhebung der Postsperre:

Die Aufhebung der Postsperre hat sich bis jetzt noch nicht ausgewirkt. Tausende von Postkarten wurden an den Schaltern abgegeben, doch liegt das ganze Material noch immer bei der Postabteilung, da scheinbar noch immer nicht genaue Richtlinien für die Behandlung der ausgehenden Post vorliegen. In der Hauptsache sind es die Neueingesiedelten und unter denen besonders die Prager, die intensiv daran arbeiten, Kontakt mit ihren Angehörigen oder Freunden zu bekommen. Der Inhalt dieser Postkarten dreht sich durchwegs um den Wunsch nach Lebensmitteln. Da eigentlich nur die Bestätigung des Brotempfanges gestattet ist, helfen sich die Absender, indem sie Brot bestätigen, das sie nicht erhalten haben. Da die Post wahrscheinlich über das VI. Polizei-Revier an die entsprechende deutsche Aussenstelle geleitet werden soll, hat der Leiter der Sonderabteilung, M. Kliger, der Postabteilung Auftrag gegeben, den gesamten Einlauf an Postkarten, sortiert nach den Bestimmungs-Postämtern, der Sonderabteilung zu übergeben. Ueber diese Massnahme ist nun wieder der Präses sehr verstimmt, da er mit Recht behauptet, die Postabteilung sei seine von ihm aufgebaute Institution. Andererseits wieder ist Kliger an der Aufrechterhaltung des Paketverkehrs interessiert und möchte eine Ueberlastung der Post durch überflüssige oder unzulässige Post vermeiden. So z.B. schreiben viele Menschen an den Judenrat in Warschau oder Kielce. Die Sonderabteilung weiss genau, dass es dort solche Institutionen nicht mehr gibt und möchte daher verhindern, dass solche Post überhaupt das Getto verlässt.1 Es ist nicht anzunehmen, dass Kliger die Absicht habe, in den Machtbereich des Präses einzugreifen, er wird aber wohl oder übel diese Frage nach seinem Ermessen lösen müssen, auf die Gefahr hin, dass dadurch ein neuer Konfliktstoff zwischen ihm und dem Präses entstehen könnte.

Pakete:

Täglich steigert sich der Einlauf an Paketen aus Böhmen und Mähren /Prag/. Viele Eingesiedelte aus Prag erhalten sogar täglich Lebensmittelsendungen wie Brot, Mehl, Fette, Teigwaren, Kartoffeln und sonstiges /siehe kleiner Getto-Spiegel/.

Einweisung aus Litzmannstadt:

Bei der Einweisung vom 13. ds.Mts. handelt es sich um ein 6-jähriges Kind aus Łask, das bei den seinerzeitigen Aussiedlungen aus dieser Stadt angeblich mit den Eltern nach Litzmannstadt geflohen ist. Das Kind war bei einer polnischen Familie verborgen. Es wurde von der deutschen Polizei angehalten, als es einen in Litzmannstadt gastierenden Zirkus besuchen wollte. Man nahm sich im Getto selbstverständlich des Kindes sofort an und es fanden sich sofort Familien, die es zu sich nehmen wollten. Der hiesige Zahnarzt I. Karmasin, wohnhaft Alexanderhofstr. 47, wurde von einem Mann aus Łask aufmerksam gemacht, dass er das Kind gesehen und es als Tochter seines Schwagers aus Łask erkannt habe und tatsächlich agnoszierte2 Karmasin das Mädchen als seine Nichte. Zur Zeit sind die Formalitäten der Adoption im Gange. Wir behalten uns vor, noch Näheres über den Fall zu bringen.

Approvisation.

Keine Aenderung.

Ressortnachrichten.

Baugelände Radegast:

Kommissar Lewin hat die Leitung der Behelfshäuschen-Produktion bereits übernommen. Wir stellen richtig, dass Lewin nicht durch den Präses, sondern durch Jakubowicz ernannt wurde und dass die Delegation der Arbeiterschaft eine Adresse3, wegen Belassung Lewins auf seinem bisherigen Posten, Jakubowicz überreicht hat. Diese, von angeblich mehr als tausend Arbeitern unterschriebene Adresse, mutet sonderbar an, wenn man bedenkt, dass Lewin gerade zu den wenig beliebten Leitern gehört und dass man seinen Betrieb im Getto als Sing-Sing-Betrieb4 bezeichnete. Es ist das erste Mal, dass eine Belegschaft sich an das Zentral-Büro der Arbeits-Ressorts mit der Bitte gewandt hat, man möge ihr den wenig beliebten Leiter lassen.

Die Produktion selbst steckt noch in den Kinderschuhen. Zunächst werden die Bauplatten nur in einer Grösse erzeugt, sodass von kompletten Häuschen noch lange nicht die Rede sein kann. Ing. Olszer hat sein Büro /der Bauabteilung/ an Lewin abgetreten. Der Versuch, ihm auch seinen Bürochef Kuska abzutreten, misslang, sodass dieser der Bauabteilung erhalten bleibt.

Das Detachement der Sonderabteilung unter Leitung des Wachmeisters Bruder wird voraussichtlich nur noch bei der Bauabteilung selbst die Aufsicht führen, da nicht anzunehmen ist, dass Kommissar Lewin eine Kontrolle dieser Art bei sich dulden wird, denn dazu fühlt er sich selbst als der starke Mann. Bruder und seine Leute werden wahrscheinlich nicht mehr eine Aufsicht über den Fortgang der Arbeit führen dürfen, sondern werden sich darauf beschränken müssen, den Kontakt zwischen Juden und den dort beschäftigten polnischen Arbeitern zu verhindern.

Kleiner Getto-Spiegel.

Hurra, ein Paket!

Das Telefon klingelt im Ressort: „Herr Annstein heute 1/2 7 Uhr abends zur Sonder“. Herr Annstein weiss schon, was das bedeutet und das ganze Ressort weiss es ebenfalls. Herr Annstein kann um 1/2 7 Uhr abends in der Sonderabteilung ein Paket aus Prag in Empfang nehmen. Unterwegs trifft er schon seine Freudensgenossen. 60, 70 vielleicht 80 Leute wandern mit Aktentaschen und Rücksäcken in die Sonderabteilung, am Rande des Gettos, an der Hohensteinerstrasse. Dort werden sie von den diensthabenden O.D.-Männern der Sonderabteilung in einem Warteraum versammelt und in Gruppen, zu 10 bis 15 Personen, werden sie im 1. Stock geführt,5 wo der Leiter der Sonderabteilung M. Kliger persönlich, mit seinem Adjutanten, dem jungen O.D.-Mann Kaufman, oft auch mit Hilfe des Kommissars Wolman, die Pakete ausfolgt. Im Kabinett Kligers6 liegen auf Tischen, Bänken und auf der Erde nach dem Alphabet geordnet die Pakete, meistens 1 1/2 - 2 kg schwer. An der Form erkennt man schon, was sie enthalten. Zumeist Brot. Heute sind alle Pakete in gutem Zustand, die Adressen sind vorhanden. Einer nach dem Anderen betritt das Kabinett des Leiters, der jedem Empfänger persönlich sein Paket überreicht, wobei er sorgfältig die Adresse des Empfängers und die etwa vorhandene des Absenders entfernt, wenn nicht überhaupt nur der Inhalt ohne Emballage übergeben wird. Das hat seinen guten Grund: Die Pakete kommen doch zur Verfügung des Leiters der Sonderabteilung herein und dieser ist, entsprechend den bestehenden Bestimmungen über die Postsperre – eine solche besteht noch immer für Pakete – eigentlich nicht berechtigt, die Sendungen an die Empfänger auszufolgen. Aber es macht ihm sichtlich Freude, diesen Segen aus der ehemaligen Heimat an die hungernden Menschen persönlich auszufolgen. Viele sind nun schon Stammkunden geworden. Mit Genugtuung verfolgt Kliger, wie sich der Gesundheitszustand seiner Stammkunden zusehends bessert. Aber nicht immer kommen die Pakete mit Adressen an und dann beginnt, wie man das bei der Sonder nennt, das Intelligenzspiel. Aus allen möglichen Anhaltspunkten versuchen die Herren, die Adressaten festzustellen. Manche Pakete sind stereotyp und man kennt schon den Empfänger. Bei manchen Paketen jedoch bildet nur ein kleines Restchen der Adresse auf der Hülle, oft nur eine Wohnungsnummer, eine Hausnummer, oft ein charakteristischer Anfangsbuchstabe, manchmal der Zuname, manchmal der Vorname, einen Anhaltspunkt. So wird dann kombiniert und geraten, bis mans endlich heraus hat, wer der glückliche Empfänger. Ueber die wenigen Pakete, deren Empfänger absolut nicht zu eruieren sind, verfügt dann Kliger nach eigenem Ermessen. Nun sind es schon bald 300 Familien, die laufend Pakete aus Prag erhalten, d.s. 6-800 Todeskandidaten weniger. Das weiss man bei der Sonderabteilung entsprechend einzuschätzen. Man sollte meinen, dass diese 300 Paketempfänger aus Prag nun auch an ihre notleidenden Landsleute denken werden, aber weit gefehlt. Doch darüber ein andermal.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 15 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

12 Lungentuberkulose, 5 Herzkrankheiten.

1

Hier wird deutlich, dass einige Menschen trotz der strengen Abschirmung des Gettos über die Vorgänge außerhalb des Stacheldrahtes durchaus manches erfuhren. Gerade die Leitung der „Sonderabteilung“ war durch ihre Kontakte zur deutschen Polizei und zur Gettoverwaltung gut informiert.

2

agnoszieren ‚anerkennen, identifizieren‘; zu lat. agnōscere.

3

Adresse, hier ‚Meinungsäußerung, Willenskundgebung von einzelnen Personen oder Gruppen an das (Staats-)Oberhaupt‘; zu frz. adresse.

4

Sing-Sing: Staatsgefängnis von New York bei der Industriestadt Ossining (früher Sing-Sing), das als eine der härtesten Strafvollzugsanstalten der Welt gilt.

5

So in HK, LK**, JFK**.

6

HK: Unterstreichung der Namen von Hand. LK**, JFK**: Namen ohne Unterstreichung.