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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 16. November 1943

Tageschronik Nr.: 
304
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Das Wetter:

Frueh 3 Grad, Schnee, mittags 5 Grad, sonnig, es hat aufgehoert zu schneien.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.413

Tagesnachrichten.

Das Tagesgespraech ist noch immer die Uebernahme des Verpflegswesens durch die Getto-Verwaltung. Die Aufnahme dieser Nachricht ist eine durchaus nicht einheitliche. Die Strasse erhofft sich tatsaechlich eine wesentliche Besserung der Lage, waehrend die Intelligenz der Entwicklung mit Skepsis entgegen sieht. Zunaechst beklagen die jüdisch nicht Indifferenten diese Entwicklung als gefährlich für das allgemeine jüdische Interesse. Sie fassen ihre Gefühle und Ansichten zusammen in einen Satz: „Iwan soll nicht Schofer blasen“.1

Der Stein aber ist nun einmal ins Rollen gekommen und man kann heute noch nicht gut absehen, wohin er rollen wird.

Noch in den Abendstunden des gestrigen Tages haben die Verteilungsstellen den Auftrag erhalten, die Lagerbestände aufzunehmen /allgemeines Remanent2, Inventur/. Ebenso die Gemüseplätze, wo dies unter Kontrolle der Sonderabteilung erfolgt.

Man schwätzt in der Stadt von allerhand schweren Zusammenstössen der Akteure dieses Spieles. Sicherlich hat es zwischen dem Amtsleiter Biebow und dem Präses einige heftige Worte gegeben.3 Aber das wäre ja nicht das erste Mal. Keinesfalls stimmt es, dass es zwischen Präses und Kliger zu einem Renkontre4 gekommen sei. Im Gegenteil, es hat sich alles vollkommen ruhig und in zivilen Formen abgespielt. Der Vorgang wird übrigens von den Beteiligten verschieden tradiert. Die eine Seite streut aus, dass der Präses seine Mitarbeit mit dem Kollegium angeboten habe, was jedoch unter Hinweis auf die Richtlinien des Amtsleiters Biebow vom Kollegium abgelehnt worden wäre. Von anderer Seite hört man wieder, dass das Kollegium den Präses zur Mitarbeit eingeladen habe, was aber seinerseits abgelehnt wurde. Im Grunde genommen ist es völlig gleichgültig, denn der Kampf, wenn ein solcher stattgefunden hat, gipfelt schliesslich in der Auseinandersetzung zwischen dem Amtsleiter und dem Präses. Dass in diesem Falle der Präses der Schwächere sein musste, liegt auf der Hand. Welcher von beiden Teilen hinsichtlich der Lebensmittelbewirtschaftung Recht hat, wird die Zukunft zeigen. Der Präses ist ruhig, wenn man ihm auch ansieht, dass ihn die Massnahme des Amtsleiters sehr schwer getroffen hat.

Das Kollegium hat noch gestern abends die erste Sitzung abgehalten. Szczęsliwy, der bisherige Mitleiter der Approvisation, bleibt entgegen allen Gerüchten nach wie vor in der Leitung. Er gehört nur nicht dem Approvisationskollegium an.

Approvisation.

Die Lage hat sich nicht im mindesten geändert. Am heutigen Tage sind insgesamt 49,000 kg Kartoffeln und 13,500 kg Rettich, ferner 42005 kg Porree hereingekommen. Dieser Kartoffeleinlauf deckt also knapp den Bedarf der Küchen für einen Tag.

FUKR hat bereits vom Kollegium hinsichtlich der Zusatzsuppen die Weisungen erhalten und hat die Ressorts beauftragt, den status quo einzuführen.

Die Fleischzufuhr ist normal. Heute 3150 kg.

Alle Gettoeinwohner sind in Erwartung der kommenden Ration, die also erstmalig von der Gettoverwaltung ausgegeben werden dürfte und dem Versprechen gemäss eine wesentliche Besserung bringen soll.

Ressortnachrichten.

Für den bereits erwähnten Auftrag der Leder- u. Sattler-Abteilung sollen grössere Ledermengen unterwegs sein.

Der Holzbetrieb Putzigerg. 9 hat Hochbetrieb. Man fabriziert dort die 20,000 Stück Winterbaukästen, deren Ausstoss bereits begonnen hat. Wie bereits erwähnt,5 sind noch 60,000 Stück im Auftrag und das Holz für diesen Auftrag wird in der letzten Novemberwoche erwartet. Der allgemeine Beschäftigungsstand bessert sich.

Holz aus dem Getto:

Die Gettoverwaltung hat den Auftrag gegeben, die schöne Allee der Hamburgerstrasse abzuholzen. Es ist die einzige Strasse des Gettos, die in der warmen Jahreszeit gerade durch die Bäume einen erfreulichen Anblick geboten hat. Nun werden diese Bäume gefällt und der Holzproduktion zugeführt werden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der letzte Kolationentag:

An den Kräftigungsküchen stauen sich die Konsumenten. Tausende haben gerade am Montag ihren ersten Abendbrottag. Hunderte Meter lang zieht sich die Schlange. In der Küche herrscht eine geradezu makabre Stimmung. Das Personal ist still. Die angestellten Menschen sind stumm. Sie drängen dem Eingang zu, weil sie fürchten, dass vielleicht heute noch die einzige Mahlzeit, die sie von ihrem vierzehntägigen Turnus geniessen sollen, in Gefahr ist. Weiss man denn, was alles im Getto möglich ist? Die Menschen essen schnell, weil sie wissen, dass draussen tausende warten. Boshafte Spassmacher bringen Unruhe in die langen Reihen, indem sie sagen, die Küche hätte nur mehr Vorrat für die Menschen, die bis zur Ecke Dworska stehen. Die Reihe wird unruhig, drängt zur Küche in der Mühlgasse vor, doch bald wieder löst sich die Spannung. Viele treten mit Galgenhumor an die Registratorinnen heran und stellen allerhand Fragen, die von den Registratorinnen nur mit Achselzucken beantwortet werden können. Wer weiss denn, was morgen sein wird? Alle möglichen Ansichten und Hoffnungen schwirren durch den Raum über die Reihen auf die Strasse: Die Küchen werden nicht ganz aufgelassen, nur eine Unterbrechung von 2-3 Tagen, dann geht es wieder los. Andere wieder wollen wissen, dass nur eine Kolationenküche geöffnet sein wird, wieder andere sagen, dass 2 Küchen den Betrieb halten werden. Niemand kann die vielen Fragen beantworten. Sicher ist nur, dass alle Leute hungrig und bitter enttäuscht sind, dass ab morgen die Küchen gesperrt sein werden. – Die meisten Ansichten über den Wert der Kräftigungsküchen mögen verschieden sein, eines jedoch ist sicher: die Menschen, die gestern ihre erste und letzte Kolatio genossen haben, sind der einen Ansicht: ihnen ist die Hoffnung auf glückliche vierzehn Tage zerronnen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 2 Bauchtyphus.

Die Ursache der Sterbefälle vom heutigen Tage: 5 Lungentuberkulose, 1 Schrumpfniere.

1

Traditionell praktizieren Juden das „Shoyfer blozn“, d.h. den Schofar, das Widderhorn, blasen, an Rosch Haschana und beim Ausgang der Andacht an Jom Kippur. Oskar Rosenfeld erklärt, dass der Ausspruch „Iwan blust Schojfer“ eine populäre Wendung im jüdischen Volksmund war und immer dann gebraucht wurde, wenn innerjüdische Angelegenheiten von nichtjüdischen Behörden erledigt wurden. „Im Getto wurde der Ausdruck in den Fällen gebraucht, wo die innerjüdischen Differenzen durch Eingreifen der Gettoverwaltung liquidiert wurden. Besonders bezog sich der Spruch ‚Iwan blust Schojfer‘ auf die Affäre vom 18. November 1943, die damit endete, dass die Gettoverwaltung die gesamte Lebensmittelverteilung an die jüdische Bevölkerung, ohne Berücksichtigung der spezifischen Gettoverhältnisse, vornahm und dadurch Unklarheit in diesem Bereich der Getto-Autonomie brachte“ (AŻIH, 205/311, Bl. 188). Vgl. Löw 2006a, S. 405.

2

Remanent ‚Inventur, Bestand‘; poln., aus lat. remanere ‚zurückbleiben‘.

3

Von „Schreien, die man angeblich auf der Straße hören konnte“, berichtet Jakub Poznański anlässlich einer Meinungsverschiedenheit zwischen Biebow und Rumkowski, bei der ersterer den Judenältesten sehr hart anging (Poznański 2002, S. 129; übers. aus d. Poln.).

4

Renkontre ‚eine meist feindselig verlaufende Begegnung‘; zu frz. rencontre.

5

„4200“ rekonstruiert nach JFK**. In HK, LK** ist die zweite Ziffer nicht leserlich.