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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 18. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
18
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Das Wetter:

Tagesmittel 2-1 Grad unter 0, trocken, kalt.

Sterbefälle:

6

Geburten:

1 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

83.015

Tagesnachrichten.

Heute um 17 Uhr 30 abends fand in der ehemaligen Kräftigungsküche an der Hohensteinerstrasse 26 eine Versammlung der administrativen und technischen Leiter statt, in der der Präses zur Frage der Lang-Arbeiter-Zuteilungen Stellung nahm.

Die Betriebe erhielten folgende Einladungen durch die FUKA:

Einladung!

An den administrativen und technischen Leiter sowie an den Bürochef des Betriebes Nr. ...

Sie werden hiermit zu der am

18. Januar 1944 nachmittags um 17 Uhr 30 in der Hohensteinerstrasse 26 stattfindenden Besprechung in Sachen:

Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter eingeladen. Pünktliches Erscheinen ist unbedingte Pflicht.

Litzmannstadt-G., den 17. Januar 1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden

in Litzmannstadt.

Der Präses eröffnete die Versammlung und forderte nachstehende Personen auf, auf der Tribüne Platz zu nehmen: Kommandant Rosenblatt, Aron Jakubowicz, Rechtsanwalt Neftalin, Frl. Daun, Abramowicz und die Kommission von der FUKA, u.z. Mieczysław Rosenblatt, Rechtman, Szwarz und Grynsztajn1.

In einer kurzen Einleitung umriss der Präses unter Bezugnahme auf die letzte Versammlung das aktuelle Problem und führte aus: Das Getto hat bis jetzt auf Grund seiner eigenen Ordnung gelebt und ich habe alles führen können, so wie ich es verstanden habe. Jetzt müssen wir uns den neuen Bedingungen anpassen. Sie sollen heute alle Instruktionen für die Durchführung der Lang-Arbeiter-Zuteilungen erhalten. Aber ich gestehe, dass ich in mancher Beziehung selbst noch im Dunkeln tappe. Viele Einzelheiten sind noch nicht vollkommen geklärt und es wird sehr schwer sein, sich zurecht zu finden.

Sie, meine Leiter, müssen sich vor Augen halten, dass jeder Einzelne von Ihnen nunmehr eine schwere Verantwortung auf sich nimmt und ich warne nachdrücklichst vor einer Unterschätzung dieser Verantwortung. Man muss mit plötzlichen und genauen Kontrollen rechnen, die bestimmt kommen werden. Statt einer Zugabe von Nahrungsmitteln erhalten Sie jetzt eine Zugabe von Pflichten. Die Richtlinien, wonach Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter zu qualifizieren sind, sind Ihnen ja bereits bekannt. Der Arbeiter, der auch nur 1 Stunde weniger als 55 Stunden arbeitet, weil er entweder krank war oder einen Durchlassschein auch nur für eine Stunde erhalten hat, verliert für diese Woche den Anspruch auf die Zuteilung. Das ist ein Gesetz, an dem nichts zu deuten ist. Ich verstehe, dass die Leiter nicht allein diese Last tragen können. Daher wird jeder Betrieb eine Person nominieren müssen, die für die Evidenz verantwortlich und die allein berechtigt ist, Passierscheine auszustellen. Diese Person ist dem Baluter-Ring bekannt zu geben.

Die Portiere in den Betrieben haften dafür, dass niemand ohne Passierschein den Betrieb verlässt. Es müssen sowohl in den Büros als auch bei den Portieren entsprechende Kontrollbücher eingeführt werden. Ich weiss sehr genau, wie in den Betrieben der Begriff „Anwesend“ gehandhabt wird. Dieser Schwindel muss nun ein für alle mal aufhören. Hat der betreffende Leiter nicht eine geeignete Person, auf die er sich verlassen kann, so werde ich ihm eine solche zuweisen.

Ich habe für die technische Durchführung dieser Aktion eine Kommission eingesetzt, bestehend aus den Herren Szwarz, Rechtman, Grinsztajn und als Sekretärin Frl. Lewkowicz. Dieser Kommission wird Herr Abramowicz als Berater zur Verfügung stehen. An diese Kommission werden Sie sich nunmehr zu wenden haben, wenn Sie in dieser Angelegenheit Aufklärungen brauchen. Eine schwere Arbeit erwartet Sie. Heute werden Sie vielleicht erkennen, dass die Gesetze, die Rumkowski dem Getto gegeben hat, nicht so streng waren, und dass jetzt das Gesetz, dem wir uns anzupassen haben, präziser und auch strenger ist.

Ueber die Durchführung möchte ich noch folgendes sagen: Die Zuteilung wird den Arbeitern durch die Ressorts übergeben. Jedes Ressort wird ja die genaue Zahl seiner Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter aufzugeben haben und dementsprechend die erforderliche Anzahl Talone erhalten. Die Abnahme wird in fünf R-Läden erfolgen, wobei wir auf die Wohngegend des Begünstigten Rücksicht nehmen werden. Der Anspruch besteht theoretisch schon ab 15. November 1943, aber in Wirklichkeit wird nur der Arbeiter rückwirkend Anspruch haben, der tatsächlich 55 Stunden gearbeitet hat, bezw. den Nacht- und Schwerarbeiterbedingungen entsprochen hat, wobei dieser Anspruch auch evidenz- und lohnmässig nachweisbar sein muss. Rekonstruktionen irgendwelcher Art sind unzulässig und ich erkläre schon jetzt, dass ich nichts unterschreiben werde, was nicht einwandfrei überprüft wurde, denn oft genug hat man mir, besonders in der letzten Zeit, zu verstehen gegeben, dass ich allein für alles verantwortlich bin. Versucht also keinen Schwindel, es wird nichts helfen.

Wo es zwei Schichten gibt, wie z.B. in der Leder- und Sattler-Abteilung, kann man so abwechseln, dass eine Woche die eine und die zweite Woche die andere Gruppe in den Genuss der Zuteilung kommt.

Der Präses erteilte sodann Herrn Abramowicz das Wort, der einige technische Aufklärungen gab.

Sodann nahm das Wort Mieczyław Rozenblat, der in längerer Rede zu den Teilproblemen Stellung nahm. Seine Ausführungen sind in einer Aktennotiz niedergelegt, die folgenden Wortlaut hat:

„Betrifft: Lebensmittelzulagen.

  1. Genehmigung: Die prinzipielle Genehmigung der Lebensmittelzulagen, gültig ab 15.XI.1943, ist seitens der Behörde eingegangen.
  2. Neue Abteilung: Zur Kontrolle sowie zur allgemeinen Uebersicht wurde gestern, den 17.I.1944, eine neue Abteilung geschaffen, die ‚Abteilung für Zusatzkarten für Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter‘. Für diese Abteilung ist ein Sitz in der Hanseatenstrasse 23-25 vorgesehen. – Vorläufiger Sitz: Hanseatenstrasse 25 /Telefonnummer 36, Zentralbuchhaltung/. Die Kontrolle wird von drei Herren durchgeführt: Nathan Szwarz, Israel Rechtmann und Aron Grynsztajn. Zur Sekretärin wurde Frl. Anna Lewkowicz ernannt, als Beirat wird Herr Mieczysław Abramowicz, Baluter-Ring, tätig sein. Zeichnungsberechtigt sind je zwei von den erstgenannten drei Herren gemeinschaftlich oder einer dieser Herren mit der Sekretärin.
  3. Meldung der Zulageberechtigten: Heute hat die Abteilung für Zusatzkarten den Ressorts, Abteilungen Abschriften der Unterlagen zugesandt, aus denen ersichtlich ist, welchen Berufsgruppen die Lebensmittelzulagen genehmigt wurden und welchen nicht.

    An Hand dieser Unterlagen haben die Ressorts /Abteilungen/ unverzüglich wöchentliche Meldungen, beginnend ab 15.11.1943, über die Zahl derjenigen Arbeiter zu erstatten, welchen gemäss Lohnauszahlungslisten die Zulage zukommt.

    Diesen wöchentlichen Meldungen sind Aufstellungen beizugeben, enthaltend – nach Berufsgruppen geordnet – Name, Vorname und Adresse der Arbeiter /die Namen in jeder Berufsgruppe alphabetisch geordnet/, mit den Vermerken ‚L‘, ‚S‘ oder ‚N‘. Diese Vermerke müssen in je eine Rubrik eingetragen werden, damit die Anzahl am Schluss separat addiert und in einer Summe angegeben werden kann.

    Die Meldungen samt Anlagen sind für die vergangenen Wochen baldmöglichst, künftighin sofort nach Fertigstellung der Lohnauszahlungslisten, der ‚Abteilung für Zusatzkarten‘ einzureichen.

    Um die Ausfertigung der Aufstellung für die vergangenen acht Wochenabschnitte zu erleichtern, kann evtl. diese Aufstellung auf einem Bogen angefertigt werden, also mit einmaliger Angabe sämtlicher Namen etc., jedoch geteilt in Rubriken für jede Woche separat. Ein diesbezügliches Schema ist in der ‚Abteilung für Zusatzkarten‘ zu ersehen.

  4. Kontrolle: Die Meldungen der Ressorts /Abteilungen/ werden von der ‚Abteilung für Zusatzkarten‘ überprüft.

    Die Kontrolle wird nicht nur die Meldungen für die verflossene Zeit umfassen, sondern es wird auch stichprobenweise die laufende Woche kontrolliert. Besonders geprüft wird, ob Abwesende nicht als anwesend figurieren, und ob denjenigen Personen, welche im Laufe des Tages die Erlaubnis zum Verlassen des Ressorts /Abteilung/ erhalten, die Zeit der Abwesenheit in der Anwesenheitsliste in Abzug gebracht und in der Auszahlungsliste berücksichtigt wird. Um die Kontrolle übersichtlich zu machen, ist in den Anwesenheitslisten hiefür eine Rubrik einzurichten, in die die Stunden der Abwesenheit eingetragen werden.

  5. Durchlass-Scheine: In jedem Ressort /Abteilung/ muss vom Leiter eine Person mit der Ausgabe der Durchlassscheine betraut werden und sie allein ist ausser dem Leiter zum Zeichnen dieser Scheine berechtigt. Es darf keine einzige Person, gleichgültig ob Lang-, Schwer- oder Nachtarbeiter /oder auch nicht zu diesen Berufsgruppen gehörend/ das Ressort /Abteilung/ ohne Durchgangsschein verlassen. Auf dem Schein muss genau die Stunde des Ausgangs und der Rückkehr vermerkt werden, die Scheine sind persönlich im Evidenzbüro zu holen und zurückzugeben. Die Portiers müssen mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass sie unter keinen Umständen ohne Vorzeigen des Durchgangsscheines ein Mitglied der Belegschaft aus dem Ressort /Abteilung/ herauslassen.
  6. Arbeitszeit: Was die obligatorische Arbeitszeit betrifft, so gelten – wie bereits bekannt – folgende Netto-Arbeitsstunden /ausschliesslich der Pausen/: für Langarbeiter: 55 Netto-Arbeitsstunden wöchentlich /Sonntag2 nicht mitgerechnet/

    Frauen und Jugendliche:

    52,5 Netto-Arbeitsstunden wöchentlich,

    davon 36 Netto-Arbeitsstunden wöchentlich unmittelbar bei schwerer Arbeit.

    Für Schwerarbeiter:

    48 Netto-Arbeitsstunden wöchentlich,

    für Nachtarbeiter: 48  Netto-Arbeitsstunden wöchentlich, wovon mindestens 4 Nettoarbeitsstunden täglich in die Zeit von 20 bis 24 Uhr fallen müssen.

  7. 54 Stunden: Es ist leider festzustellen, dass in vielen Ressorts /Abteilungen/ die Arbeiter tatsächlich 55 Stunden durchgearbeitet haben, dass dagegen die Leiter bei der Berechnung des Lohnes unbegreiflicherweise nur 54 Stunden eingestellt haben. Die Lohnauszahlungslisten können natürlich nicht nachträglich verbessert werden, deswegen werden bedauerlicherweise die zusätzlichen Rationen für diese Zeit den männlichen Langarbeitern verfallen, sie kommen dagegen in diesem Falle Frauen und Jugendlichen /bei 52,5 Netto-Arbeitsstunden sowie den Schwer- und Nachtarbeitern bei 48 Netto-Arbeitsstunden/ zu.
  8. Zusatzkarten:

    Diejenigen Arbeiter, denen die Lebensmittelzulagen zukommen, werden sie in ihren zuständigen Verteilungsläden erhalten, u.zw. gegen Vorlage einer besonderen namentlichen Zusatzkarte, die auf der Rückseite mit dem Stempel des Ressorts /Abteilung/ zu versehen ist. Die ‚Abteilung für Zusatzkarten‘ wird allwöchentlich den Ressorts /Abteilungen/ die ihnen zustehende Anzahl der namentlichen Zusatzkarten übermitteln, die dann an die betreffenden Personen unverzüglich auszuteilen sind.

    Die Ressorts /Abteilungen/ haben namentliche Wochenregister, evtl. Kartotheken zu führen, in denen der Arbeiter persönlich den Empfang der Zusatzkarte quittiert.

    Den Erhalt der Zulage hat der Arbeiter dann in der betreffenden Verteilungsstelle auf der Rückseite der Zusatzkarte zu quittieren.

  9. Unterlagen:

    Zu den den Ressorts /Abteilungen/ heute per Post zugestellten Unterlagen betreffend Zulageberechtigte ist zu bemerken:

    a/ die angegebenen Zahlen der Arbeiter sind nicht bindend, massgebend ist nur die prinzipielle Anerkennung der Berufsgruppe. Die Zahl der Zulageberechtigten ist auf Grund der Lohnauszahlungslisten für jede Woche separat festzustellen.

    b/ Es sind in den Unterlagen nicht alle berechtigten Berufsgruppen enthalten. Der Behörde sind nämlich zwecks Vereinfachung manche Gruppen aus sämtlichen Ressorts /Abteilungen/ zusammengefasst aufgegeben worden, so z.B. kommen noch für alle Ressorts /Abteilungen/ als anerkannt in Betracht:

    Transportarbeiter in allen Betrieben /Langarbeiter/,

    Transportarbeiter als Schwerarbeiter, wenn das Material über Treppen

    oder auf lange Entfernungen transportiert wird,

    Aufräumer/innen, wenn sie Nachtarbeiter/innen sind, auch

    Ofenheizer unter besonderen Bedingungen u.a.

     

    Nähere Auskünfte erteilt die ‚Abteilung für Zusatzkarten‘.“

Sodann ergriff wieder der Präses das Wort und sagte: „Mit den Grundprinzipien des ganzen Komplexes habe ich Euch also bekanntgemacht. Es wird, wie ich bereits gesagt habe, eine Menge Fragen geben, die noch zu klären sein werden. Ich muss nur noch zu einigen aktuellen Problemen sprechen.

Zunächst mache ich darauf aufmerksam, dass in der letzten Zeit von der Stadt über den Stromverbrauch Klage geführt wird. Ich fordere daher alle Leiter auf, in den Ressorts entsprechende Sparmassnahmen durchzuführen und sofort die 40- bis 60-Watt-Lampen auf 25-Watt-Lampen umzustellen.

Ein bitteres Kapitel ist die Suppe. Der gegenwärtige Zustand im Getto ist nicht mehr ertragbar. Die Aerzte schreiben Befreiungen nach links und rechts. In manchen Betrieben fehlen bis zu 50% der Leute. Ich weiss sehr wohl, dass augenblicklich die Grippe grassiert, aber auch schon vor der Grippe waren an Tagen der Kohlrübensuppen viele Leute krank.

So bitter mir der Entschluss fällt und so sehr man weiss, wie ich mich gerade um die Kranken gekümmert habe, muss ich mich doch zu einer harten Massnahme entschliessen:

Die Ausgabe von Suppen an Kranke wird ab Donnerstag, den 20. Januar 1944, eingestellt.

Kein Leiter wird berechtigt sein, Abwesenden oder Kranken Suppe und Zusatzsuppe auszufolgen. Ich habe kein Zutrauen zu den Leitern und die Affairen der letzten Zeit berechtigen mich zu diesem Misstrauen. Der eine Lump, Garfinkel, sitzt schon heute hinter Schloss und Riegel, und eine andere Suppenaffaire wird noch untersucht.

Ein anderes Kapitel sind die Heimarbeiterinnen. 95 Prozent von ihnen haben Plejzes3. Ich mache sie aber aufmerksam, dass ich für die Abteilung Gutmann nach Radegast 4000 Arbeiter werde stellen müssen. Mein Prinzip war immer, der Behörde um zehn Minuten zuvorzukommen, und das war auch immer das Glück, dass es mir gelang. Ich werde diese 4000 Arbeiter stellen.

Wir sind nun einmal kein autonomes Getto mehr, wir sind ein Arbeitslager, und wir haben uns anzupassen.

Kälte, Hunger und Arbeit – das sind die drei Säulen, auf denen jetzt das Getto ruht.“

Sodann liess der Präses eine Diskussion zu, bei der vor allem die Herren Chimowicz, Winograd, Rozen, Warszawski und Eibuschutz das Wort ergriffen. Winograd machte den konkreten Vorschlag, mit Rücksicht auf die Grippeepidemie den Termin der Suppensperre für die Kranken noch um eine Woche hinauszuschieben. Warszawski polemisierte recht scharf gegen das Misstrauensvotum des Präses gegen die Leiter und meinte, es wäre doch angezeigt, Leiter, die ihre Pflichten nicht erfüllen, abzusetzen, statt immer alle Leiter pauschal zu beschuldigen. Er erntete dafür Beifall seitens der anwesenden Leiter.

Dann richtete er sich ebenso scharf gegen die „FUKA“ und führte aus: Ich habe schon immer gegen die Suppenausgabe an die Kranken gekämpft. Als Leiter kann ich am besten selbst beurteilen, ob es sich um einen wirklich Kranken oder um einen Simulanten handelt. Ich habe mich gegen die Suppenausgabe gewehrt, aber die FUKA hat dies immer durchkreuzt und die Ausgabe der Suppen erzwungen. /Die Versammlung hörte betreten dieses Geständnis eines Leiters an./

Der Präses reagierte dann auf alle Einwände, insbesondere auf den von Warszawski, den er ruhig und schlagfertig erledigte, indem er sagte:

„Eine Minute nach dem Krieg werde ich mich bei allen Leitern entschuldigen. Aber ich habe nun leider kein Vertrauen zu Ihnen, macht, was Ihr wollt. Was habe ich schon davon, wenn ich jetzt sage, ich widerrufe mein Misstrauensvotum, Warszawski hat billigen Beifall geerntet. Aber ich stelle jedem Leiter frei, meine Arbeit zu übernehmen, ich übernehme gerne seine. Mir kann man nicht den Vorwurf machen, dass ich an die Kranken nicht gedacht habe. Man hat mich oft angegriffen, dass ich den Kranken gegeben habe, was ich Gesunden entzogen habe. Aber jetzt, nach meinen zwei Visiten in der Stadt, werden Sie, meine Herren, vielleicht ahnen, woher ich das genommen habe.“ /Der Präses spielt auf die bereits bekannte Differenz in der Bevölkerungsziffer an./

„Was den Vorschlag von Winograd betrifft, bin ich bereit, einen Kompromiss zu schliessen: Ich warte gerne bis Sonntag, und weil Winograd meint, die Woche beginnt mit Montag, sogar bis Montag. Aber in der Zwischenzeit müssen wir einen Rat finden. Ab Montag, den 24.I., bis nächsten Montag, den 31.I.44, erlaube ich die Ausgabe von 25% Suppen an Kranke. Das heisst also, wenn ein Betrieb hundert Kranke hat, dann dürfen nur 25 die Suppe erhalten, nicht aber die Zusatzsuppen. Wir werden sehen, ob diese Probe genügt.“

Sodann schloss der Präses mit einem kurzen Appell die Versammlung. /Jeder Teilnehmer erhielt vom Präses eine Aufmerksamkeit, bestehend aus zwanzig Bregava-Zigaretten./

Mit Galgenhumor bemerkte der Präses: „Die Tatsache, dass ich Euch heute nur ein paar Zigaretten geben kann, zeigt am deutlichsten, wie arm das Getto ist.“

Approvisation.

Am 17.I. erhielt das Getto 13.700 kg Kohlrüben /Steckrüben/ und erstmalig wieder 13,470 kg Weisskohl. Bei diesem Posten erinnert man sich daran, wie im vorigen Jahre das Getto grosse Massen von Weisskohl erhalten hatte, während heuer von diesem Gemüse soviel wie nichts hereinkommt. Das heurige Jahr brachte lediglich Kürbis.

An Rettich kamen heute 3470 kg und, alles in allem, 5690 kg Kartoffeln. Eine Partie von zirka 2500 kg Quark lässt wieder auf eine kleine Quarkration hoffen. Sonst ist die Lage in der Approvisation unverändert schlecht.

Ressortnachrichten.

Chem. Reinigungs- und Waschanstalt I:

Nach längerer Pause hat diese Anstalt wieder grössere Partien von Uniformen zur Reinigung erhalten. Es handelt sich um italienische Monturen in sehr schlechtem Zustande. Zum Waschen der Uniformen und der Privatwäsche, soweit sie auch in diesem Betriebe protektionsweise angenommen wird, verwendet die Anstalt nur Soda und eine Art flüssiger Seife. Bei den sonstigen, im Auftrage der Gettoverwaltung zu waschenden Beständen, wird richtige Seife verwendet. Augenblicklich ist eine Sperre für Privatwäsche. Der Betrieb beschäftigt jetzt zirka 1000 Personen.

Zentrallager für Oele und Chemikalien:

Das Oellager klagt über Mangel an Oel und Chemikalien. Dieses Zentrallager befasst sich mit der Verwaltung von Oel- und Petroleumprodukten sowie von Chemikalien, die für die verschiedenen Ressorts zur Produktion erforderlich sind. Das Büro befindet sich am Kirchplatz 4, das Lager an der Hamburgerstrasse 108. Die Herausgabe von Produkten erfolgt nur über Anweisung des Zentralbüros der Arbeits-Ressorts oder der FUKA.

Fürsorgewesen.

Altschuhlager:

Das Altschuhlager, das bisher einen Teil des Gettobedarfes aus den Beständen gedeckt hat, die aus den evakuierten Judengemeinden ins Getto kamen, hat nunmehr fast nichts mehr zur Verfügung. Soweit noch brauchbares Material vorhanden war, wurde dieses von den Getto-Schuhfabriken zu Reparaturen verwendet. Lediglich Abfälle liegen noch vor, die zum grössten Teil in den Ressorts, bezw. Krankenhäusern verheizt werden.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 2 Flecktyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

1 Lungentuberkulose, 1 Herzmuskelschwäche, 2 Lungenentzündung, 1 Gehirnhautentzündung, 1 Tub. Gehirnhautentzündung.

1

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „Grinsztajn“; von Hand korrigiert.

2

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „Montag“.

3

Plejzes bzw. Plecy, jidd. bzw. poln. ‚Schulter, breiter Rücken‘, wurde im Getto für „Beziehungen“, also als Entsprechung zu poln. protekcja ‚Protektion‘ verwendet. In der Getto-Enzyklopädie hat sich ein Eintrag erhalten, der den polnischen Ausdruck plecy erläutert (AŻIH, 205/311, Bl. 297).