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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 18. Juli 1944

Tageschronik Nr.: 
199
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Das Wetter:

Tagesmittel 17-24 Grad, es regnet weiter.

Sterbefälle:

24,

Geburten:

2 w.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

70,846

Tagesnachrichten.

Der Präses setzt die Arbeit an der Reorganisation der Betriebe fort und musterte heute die restlichen Arbeiter des Hutressorts. Morgen dürfte voraussichtlich das Hausschuh-Ressort drankommen.

Die Abteilung für Meldewesen und Statistik arbeitet an der vom1 Amtsleiter Biebow angeforderten Aufstellung der Bevölkerung nach Jahrgängen und Geschlechtern. Diese Aufstellung wird dem Amtsleiter fristgerecht vorliegen. Ob die Gesundheitsabteilung einen Ueberblick über den Stand der Arbeitsunfähigkeit geben kann, ist noch unbekannt.

Amtsleiter Biebow bei der Sonderabteilung:

Gegen 7 Uhr abends, gerade als die Paketausgabe erfolgen sollte, erschien Amtsleiter Biebow mit seinem Wagen vor der Sonderabteilung, wo er eine längere Unterredung mit M. Kliger hatte. Der Gegenstand der Unterredung ist unbekannt.

Die im Mannschaftsraum versammelten Abnehmer wurden für diesmal nachhause geschickt. Die Ausfolgung der Pakete erfolgt morgen.

Die Stimmung im Getto:

Die Anforderung der Statistischen Angaben und der heutige Besuch des Amtsleiters bei Kliger sind Gegenstand lebhafter Erörterungen im Getto. Allgemeines Rätselraten und allgemeine Besorgnis. Die Gettospitzen sind der Ansicht, dass kein Grund zu ernster Besorgnis vorliegt. Man nimmt an, dass der Amtsleiter lediglich für sich genaue Daten über den Stand der Gettobevölkerung bereit haben will. Andere, pessimistisch Gestimmte, glauben, dass es sich um gewisse Vorarbeiten für eine künftige Evakuation handle. Aber auch hier gilt das im Getto kursierende Bonmot des Kripo-Kommissars Sutter2: „Bei Rumkowski wirst Du nicht satt und beim Deutsch nicht klug werden!“ –

Dass die in der Statistischen Abteilung durchgeführte Arbeit /diese Daten sind schliesslich immer vorhanden und mussten nur nach den Aussiedlungen der letzten Tage aktualisiert werden/ Anlass zu den verschiedensten Gerüchten geben,3 ist bei der ewigen Nervenreizung der Gettobevölkerung begreiflich. Man spricht von Listen, die angefertigt werden, und kaum hört man das Wort Listen, so hört man auch schon, dass die Ressorts neue Listen vorzulegen hätten. An alldem aber ist kein wahres Wort.4

Approvisation.

Die Lage bessert sich durch grösseren ständigen Einlauf von Frischgemüse, hauptsächlich Kraut, Möhren und Kohlrabi.

Man hört, dass morgen eine Ration von 1/2 kg Kartoffeln herauskommen soll, schon jetzt leuchtet die Freude über die kleine Ration den Menschen aus den Augen. Hoffentlich gibt es keine Enttäuschung. 1/2 kg Kartoffeln ... und schon sind für den Augenblick alle schweren Sorgen der vergangenen Tage und der nächsten Stunden vergessen.5

Heizmaterialien-Zuteilung:

Ab Freitag, den 21.7.1944, werden an alle auf Coupon Nr. 72 der Nahrungsmittelkarte

  • 10 kg Schwelkoks6 pro Kopf für den Betrag von Mk 2.-

herausgegeben.

Die Einzahlung erfolgt lt. Verteilungsplan.

Ressortnachrichten.

Die Näherei Honigweg 4

wurde bereits aufgelöst. Die Belegschaft wurde auf diverse Ressorts aufgeteilt.

Schäfte-Ressort

steht noch immer ohne Arbeit und hat vorläufig keine weiteren Aufträge.

Gestapo-Kommissar Müller

besichtigte die Abbruchstelle Holzstrasse-Hamburgerstrasse und verfügte eine Beschleunigung des Arbeitstempos.

Kleiner Getto-Spiegel.

Selbstmord durch Pflichtmord:

/Siehe Bericht vom 17. Juli 1944/

Der Lebensüberdrüssige hat im Laufe der Zeit auch die Mittel modernster Technik benützt, um sein Leben wegzuwerfen. Die modernste Methode, aus dem Leben zu scheiden, ist wohl die, sich einfach von dem erschiessen zu lassen, der dazu durch seinen Diensteid verpflichtet ist. Wir haben solche Selbstmorde im Getto schon verzeichnet. Man sagt einfach: „Selbstmord am Draht.“ Im Getto hat man es nicht nötig, sich selbst aufzuhängen oder aus dem 3. Stockwerk aufs Pflaster zu stürzen, sich die Pulsadern zu öffnen oder Gift in Form von grösseren Mengen Schlafmittel zu nehmen. Ertränken kann man sich nicht, weil es kein tiefes Wasser im Getto gibt. Am einfachsten und schmerzlosesten ist, man zwingt den diensthabenden Schupo, diese Arbeit zu verrichten. In der ersten Gettozeit war das sehr einfach. Man näherte sich bloss den Drähten und zeigte die Absicht, sie zu überschreiten und schon fiel der erlösende Schuss.

Die lebensüberdrüssige Zarzewska Mindla hatte es diesmal nicht ganz leicht. Sie begab sich in die Blickseite des nächsten Schupos am Zaun an der Holzstrasse Ecke Hermann Göringstrasse und zeigte ihre Absicht, den Drahtzaun zu übersteigen. Der Schupo eilte herbei und versuchte die Frau zurechtzuweisen. Ein älterer besonnener Reservepolizist, dem die Kugel nicht allzu locker in der Flinte steckt. Er will die Frau zur Vernunft bringen, ihr begreiflich machen, welche Gefahr ihr droht, aber sie lässt sich nicht abweisen. Zufällig erscheint ein kontrollierender Offizier der Polizei. Auch er kann die Frau nicht abschrecken, sie übersteigt den Draht. Die Dienstvorschrift ist hart: „Wer den Draht überschreitet, wird erschossen!“ Und so fällt der Schuss. Der Wunsch der Lebensüberdrüssigen ist erfüllt. Ist es Mord, Grausamkeit? Nein, vielleicht passt der Terminus „Pflichtmord“ für einen solchen Fall.7

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

14 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 4 Herzkrankheiten, 2 Tuberkulose anderer Organe, 1 Darmentzündung, 1 Schussverletzung.

1

So in HK, NYK**, JFK*. In JK* fehlt der Eintrag.

2

Bei dem genannten „Kripo-Kommissar Sutter“ handelt es sich um den Kriminalangestellten Alfons Sutter (APŁ, 203/56, Bl. 46).

3

So in HK, NYK**, JFK*. In JK* fehlt der Eintrag.

4

Ein unbekannter Autor notiert am gleichen Tag: „Heute erreichte die Gettobehörden ein neuer Befehl, dem zufolge die Zahl der Gettobewohner registriert werden muß! … Welches Unheil führen diese gottverlassenen Wesen mit dieser neuen Forderung jetzt wieder im Schilde?“ (Loewy/Bodek 1997, S. 78).

5

Von den größeren Rationen ist auch in vielen Tagebüchern die Rede. So notiert ein unbekannter junger Mann: „Unter dem Gesichtspunkt der Ernährung gibt es jetzt eine goldene Epoche im Getto, da bis zu 5 Kg. Gemüse pro Kopf verteilt werden – vielleicht vermerkt ein künftiger Historiker bei der Beschreibung des Lebens im Getto, wie sehr die Menschen hier unglücklich gewesen sein müssen, wenn 5 Kg. Gemüse sie in einen so freudigen Zustand versetzen konnten“ (Loewy/Bodek 1997, S. 78). Vgl. auch Poznański 2002, S. 184.

6

Schwelkoks: Effizienter Heiz- und Brennstoff, der in zwei Schritten (Verkokung, Schwelung) aus Kohle gewonnen wird.

7

Vgl. zum „Selbstmord durch Pflichtmord“ Feuchert 2004a, S. 320-324.