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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 2. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
122

Das Wetter:

Tagesmittel 10 Grad, bewölkt, es nieselt.

Sterbefälle:

15,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.330

Tagesnachrichten.

Arbeiter nach ausserhalb des Gettos:

Wieder herrscht im Getto Nervosität. An der Brücke beim O.D.-Kommando klebt ein Zettel: „Es werden Freiwillige zur Arbeit nach Częstochowa gesucht.“ In der Nacht auf heute hat der O.D. aber schon eine Anzahl von Personen mit kleinen Polizeivorstrafen aus den Betten geholt und im Zentral-Gefängnis eingeliefert. Es handelt sich angeblich um ca 80 Menschen, die gebraucht werden. Der Präses hat diesmal die Aktion in aller Stille eingeleitet und man rechnet, dass sich die erforderliche Zahl durch Freiwillige aufbringen lassen wird. Man hofft dies umso mehr, als der Hunger im Getto so grauenhaft ist, dass niemand fürchten muss, sich seine Lage zu verschlimmern, wenn er das Getto verlässt, umsomehr als ja die Nachrichten aus Częstochowa ziemlich günstig lauteten.

Der Suppenstreik

hat tatsächlich einige Ressorts erfasst. Heute wurden im Metall II und bei den Tischlern gestreikt, bzw. wurden keine Suppen abgenommen. In der Tischlerei hat ein Teil der Belegschaft die Suppen vor Arbeitsschluss abgenommen. Alles vollzieht sich sehr ruhig, die Polizei hatte nirgends Anlass einzuschreiten.1

Approvisation.

Ohne Aenderung. Einige Autos mit Porree und Schnittlauch kamen herein, sodass eine Ration von 30 dkg Poree pro Kopf und 5 dkg Schnittlauch pro Familie ausgegeben werden kann.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 13 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

11 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Herzschwäche, 1 Dickdarmentzündung, 1 Lippenfurunkel.

1

Oskar Rosenfeld vermerkt am 3. Mai 1944 in seinem Tagebuch: „So schlechte Suppen – Wasser mit 2 dkg Kartoffeln –, daß die meisten Ressorts die Annahme der Suppe verweigern, also streiken. Sogar die Kinder in der Umschichtung haben Suppe refusiert, so daß das ganze Getto in Erregung war. In allen Ressorts (und Abteilungen) kommunistisch angeordnete Gruppen, die einem Schlagwort Folge leisten und die erwähnte Stimmung machen. Ein unjüdischer Faktor“ (Rosenfeld 1994, S. 285).