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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 21. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
339
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Das Wetter:

Früh 0 Grad, trocken, Frost. Mittag 4 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

3

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

83.181

Tagesnachrichten.

Der Präses arbeitet, wie man hört, an dem Projekt, um Weihnachten herum, also schon in den allernächsten Tagen, ein neues Talonsystem einzuführen. Alle Listen der bisherigen Talonnehmer liegen bereits dem FUKR vor und man erwartet mit Spannung, wie der Präses diese Frage lösen wird, zumal das Projekt der Zuteilungen für L-Arbeiter endgültig ad acta gelegt ist.

Der Amtsleiter dürfte zu Weihnachten auf Urlaub gehen.

Eine neue Schreckensnachricht:

Das Spital an der Matrosenstrasse1 ist in Gefahr. In dem sogenannten Kripo-Lager auf Marysin /Lager für verwahrloste Kinder2/ ist eine Flecktyphus-Epidemie ausgebrochen, und die deutsche Behörde beabsichtigt nun, diese kranken Kinder im Seuchenspital an der Matrosenstrasse unterzubringen, wobei dieses Spital jedoch weiterhin im Getto verbleibt. Es erschien eine Kommission deutscher Aerzte und Beamter der deutschen Behörde in diesem Spital. Sie liess sich vom Präses, der in Begleitung von Dr. Miler erschienen ist, das ganze Objekt zeigen und entschied, dass ohne Verzug zunächst 100 Plätze für diese polnisch arischen Patienten freigemacht werden müssen. Jüdische Aerzte sollen nun den, aus dem Polen-Lager ins Getto übersiedelten, Flecktyphus bekämpfen. Begreiflicherweise ist das Getto in hellster Aufregung. Mit grosser Mühe gelang es der Aerzteschaft, wenigstens den Flecktyphus auf ein Minimum herabzudrücken, und nun steht man sozusagen vor einem Massenimport dieser schrecklichen Krankheit. Hiezu kommt, dass aller Voraussicht nach ein grosser Teil der jüdischen Kranken Hals über Kopf aus dem Spital entlassen werden muss.

Approvisation.

Die Zufuhren an Gemüse und Kartoffeln werden immer geringer. Während noch am 20. ds.Mts. ca 12.000 kg Kartoffeln hereingekommen sind, sind am 21. keine Kartoffelzufuhren zu verzeichnen. An Gemüsezufuhren kamen am 20. und 21. zusammen 141.000 kg Kohlrüben, 27.000 kg Rettich, 19000 kg Möhren. Erstmalig erhielt das Getto am 20. 5.000 kg Roggengrütze als neues Nahrungsmittel. An Fleisch /incl. Gekröse3 900 kg/ kamen an beiden Tagen 6.500 kg herein.

Ressortnachrichten.

Tischlerei-Abteilung, Zimmerstrasse:

Da alle Hindernisse, die der Produktion der Patronenkisten entgegenstanden, beseitigt sind, arbeitet diese Tischlerei auf vollen Touren. Das Lager ist gesteckt voll. Einige Waggons fertiger, vom Bevollmächtigten der Wehrmacht bereits übernommener Kisten warten auf den Abtransport. Diese Lager machen einen geradezu imponierenden Eindruck. Die grösseren Abfälle dieser Produktion finden Verwendung in der nahezu stillgelegten II. Abteilung, wo die Kisten für Auto-Accumulatoren4 produziert werden.

Finanzwesen.

Metallgeld:

In der Metall-Abteilung, Hanseatenstrasse 73, wird die Prägung der 10 Mark-Stücke fortgesetzt. Es steht heute noch nicht fest, wieviel Metallgeld geprägt werden wird. Auf unsere Frage, welcher Betrag in 10 Mk Stücken ausgegeben werden soll, gab der Leiter der Hauptkassa, Ser, eine auf dem Gebiete des Finanzwesens wohl noch nie gehörte Antwort: „das hängt davon ab, wieviel Blech uns Chimowicz / Metall-Abteilung/ geben kann“. Diese Antwort kennzeichnet die Lage. Da doch das Gettogeld nur einen internen Tauschwert hat, und das Prinzip der Deckung für dieses Gemeinwesen nicht in Frage kommt, das notwendige Elektronblech5 ins Getto importiert werden muss, im Reiche aber auch an diesem Metall kriegsbedingte Knappheit herrscht, ist also der Blechstreifen in Wirklichkeit wertvoller als das fertige Metallgeld.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

1 Lungentuberkulose, 1 Tub. Gehirnhautentzündung, 1 Grippe /Lungenentz./.

1

So hier und nachfolgend in HK, LK**, JFK**. Eigentlich Matrosengasse.

2

HK, JFK**: Ursprünglich „jugendliche Polen“; von Hand ersetzt. LK**: „jugendliche Polen“.

3

Gekröse ‚Eingeweide, Gedärm; essbare Innereien‘; aus mhd. gekrœse ‚kleines Gedärm‘, zu kraus.

4

HK, LK**, JFK**. Unter einem Autoakkumulator versteht man eine (wiederaufladbare) Starterbatterie für Kraftfahrzeuge.

5

Elektronblech: Leichtmetall, das im Getto zur Münzherstellung gebraucht wurde. Elektron (auch: Elektrum) bezeichnete in der Antike eine natürlich vorkommende Legierung aus Gold und Silber; später wurde der Begriff für eine neuere Zusammensetzung aus mindestens 90% Magnesium und knapp 10% Aluminium verwendet. Im Getto Litzmannstadt wurde Papiergeld zu 0,50, 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Mark herausgegeben, daneben gab es 10-Pfennig-, 5-, 10- und 20-Mark-Münzen. Verschiedene Münzen und Geldscheine aus dem Getto sind abgebildet bei Baranowski 2003a, S. 146.