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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 21. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
81

Das Wetter:

2 Grad, starker Wind, es schneit.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 4

Bevölkerungsstand:

77.803

Tagesnachrichten.

Von den nach Radegast dirigierten Personen, die dort zu physischen Arbeiten eingesetzt wurden, erhielten einige bereits die Befreiung von dieser Arbeit und kehren zum grössten Teil in ihre früheren Positionen zurück. Darunter: Bol, von der Küchen-Abteilung zurück in die Küchen-Abteilung, Ing. Szezeciński von der Kolonialwaren-Abteilung, ebenfalls zurück auf den alten Posten. Der frühere FUKA-Beamte Kuska und Frl. Erna Grinfeld, ebenfalls von der FUKA, gingen in die Zentrale der Bauabteilung über. Mehrere Personen der Fleischzentrale kehrten ebenfalls auf ihre alten Posten zurück.

Der Präses nimmt allmählich wieder Einfluss auf die Umschichtung, die jetzt intern in den Abteilungen listenmässig vorgenommen wird. Alle die so registrierten Personen bleiben als Arbeiterreserve bis auf weiteres auf ihrem Posten.

Von den nach Częstochowa ausgesiedelten Personen laufen täglich günstige Nachrichten ein. Die Leute sind dort in einer Apparatebau-Fabrik beschäftigt, arbeiten zwar ziemlich schwer, sind jedoch verhältnismässig gut verpflegt und alle Nachrichten betonen die ausgezeichnete Aufnahme und gute Behandlung. Es heisst, dass die Herstellung der Postverbindung dieser Leute mit dem Getto ein persönliches Verdienst von M. Kligier ist.1

Pakete aus Prag:

Laufend kommen jetzt, hauptsächlich aus Prag, Lebensmittelpakete ins Getto.2 Selbstverständlich sind es fast ausschliesslich Prager, die das Glück haben, jetzt etwas zuzügliche Nahrung zu erhalten. Es sind ungefähr hundert Adressen, an die laufend Pakete kommen. Grundsätzlich hat der Adressat keinen Anspruch auf das Paket. Die Geheime Staatspolizei stellt die einlaufenden Pakete grösstenteils zur Verfügung des Herrn Kligier, der jedoch alle Pakete an die Empfänger ausfolgt. Die Sache ist durchaus nicht unkompliziert, aber man sieht, dass sich Kligier sehr anstrengt, die Frage der Paketausfolgung auf die korrekteste Weise zu lösen. Es kommt vor, dass manche Personen an einem Tage mehrere Pakete erhalten. Auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Eingesiedelten hat natürlich dieser Lebensmitteleinlauf keine entscheidende Auswirkung, da wie gesagt nur ca 100 Personen dauernd Pakete erhalten, während es im Getto noch immer etwa 4.000 Eingesiedelte aus Prag und dem Altreich gibt.

Approvisation.

Das Getto erhielt heute keinerlei Gemüse und Kartoffeln. Kolonialwaren kamen im Rahmen des Kontingents. An Fleisch kam heute 3.100 kg herein.

Kleiner Getto-Spiegel.

Kurzgespräch auf der Strasse:

Zwei Jungen, Drei-Käsehoch, führen folgendes Gespräch: „A./ Hast Du schon Dein Mittagessen getrunken? B./ Nein, ich habe erst Kaffee gegessen!“ Frage und Antwort charakterisieren die Lage im Getto. Das Mittagessen besteht aus der mehr oder weniger dünnen Suppe. Die wenigen Kartoffeln, die sich in der trüben Flüssigkeit am Boden des Gefässes verbergen, bieten den Zähnen wenig Gelegenheit zur Betätigung. Es gibt wirklich nicht viel zu essen, sondern nur etwas zum trinken. Aus Kaffee hingegen werden die „Lofix“ gemacht, Kaffeeplätzchen auf der Pfanne gedörrt, die einzige Beschäftigung für die Zähne.3

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 1 Herzschlag, 1 Apoplektischer Hirnblutausguss.4

1

Oskar Rosenfeld berichtet über die eintreffenden Nachrichten. Er schreibt am 1. April 1944 in sein Tagebuch: „Hoffnungsschimmer. [...] Man erzählte im Getto: Aus Czenstochau kommen Berichte der vor kurzem dorthin gebrachten jüdischen Arbeiter, daß es ihnen gut geht: zwei gute Suppen, sogar etwas Fleisch, arbeitend in einer Metallfabrik etc. Dort wurden auch einige Personen angetroffen, welche vor Jahren ausgesiedelt worden sind. Es gibt also noch außerhalb des Gettos im Warthegau lebende Juden. Das läßt etwas Hoffnung zu“ (Rosenfeld 1994, S. 281f.). Am 28.-29. Mai 1944 vermerkt Rosenfeld in seinem Tagebuch: „Noch immer Aussiedlungsstimmung. Eine Korrespondenzkarte aus Czenstochau. Vom Bruder zum Bruder: ‚Komm wenn Du kannst; hier besser als anderswo. Nirgends leichter den Krieg zu überleben.‘ Aber Furcht so tief eingegraben, daß niemand glauben will“ (Rosenfeld 1994, S. 292).

2

In einem 1962 verfassten Brief an einen Bekannten in Japan berichtet Wilhelm König von diesen Änderungen im Frühjahr 1944: „Es gab keine ausserordentlichen Ereignisse welche ich weiter zu vermerken hätte, wahrscheinlich sind mir auch viele schon entfallen. Deswegen will ich auch gleich mit dem Frühjahr 1944 beginnen, welches viel Abwechslung in unser Leben brachte. Es wurde nämlich auf einmal verlautet, dass es erlaubt ist zu schreiben, und dass jedem, welcher sich darum bewirbt, eine Korrespondenzkarte ausgegeben wird. So eilten wir jeden Tag nach der Arbeit auf das Postamt, welches nun eröffnet wurde, um uns dort um eine Karte anzustellen, welche wir auch meistens bekamen. Nur war jetzt ein weiteres Problem zu lösen. Wer wird noch dort sein /in Böhmen und Mähren/ und wer wird die Möglichkeit haben, uns vielleicht etwas zu senden. Wir waren der richtigen Annahme, dass Familien, welche in sogenannter Mischehe waren /eine Ehehälfte jüdischer Abstammung/ noch nicht hinter Stacheldraht geschickt worden waren. Nach einigen Wochen, anfangs Mai 1944, bekamen wir wirklich die ersten Lebensmittelpakete zugesandt. Geschrieben durfte uns nicht werden. Ungefähr 10 verschiedene Familien waren es, welche uns in der Zeit bis zum 10. August insgesamt ueber 30 Pakete sandten. Der Inhalt der Pakete war hauptsächlich Brot, welches wir als das allerwichtigste Nahrungsmittel betrachteten. Auch bekamen wir Kunsthonig, Hülsenfrüchte und Marmelade und sogar zweimal eine Dauersalami. Da die Pakete sehr lange unterwegs waren, kam es auch manchmal vor, dass das Brot total ungeniessbar /verschimmelt/ ankam. Trotzdem waren diese Pakete für uns eine unglaublich grosse Hilfe, denn wir konnten uns jetzt besser ernähren“ (APMO, Ośw. 113, Bl. 195f.).

3

Oskar Rosenfeld schreibt unter dem Titel „Humor“ am 17. März 1944 in sein Tagebuch: „Die Suppe trinkt man, den Kaffee ißt man, den Tee raucht man, im Ressort schläft man, zu Hause arbeitet man...“ (Rosenfeld 1994, S. 279).

4

Apoplektischer Hirnblutausguss: Blutung im Schädel infolge eines Schlaganfalls.