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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 22. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
53

Das Wetter:

2 Grad unter 0, leichter Schneefall.

Sterbefälle:

11

Geburten:

3 /männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

79.678 1

Brand:

Am 22.2.44 wurde die Feuerwehr um 11,32 Uhr nach dem Holzbetrieb I, Zimmerstrasse 12, alarmiert, wo aus dem Fussboden des II. Stockwerkes Rauchschwaden, die aus einem undichten Kamin drangen, entstiegen. Die Bauabteilung wurde angewiesen, die notwendigen Reparaturarbeiten sofort vorzunehmen.

Tagesnachrichten.

Die 1600 Arbeiter:

Die Aktion zur Sicherstellung der 1600 Arbeiter für den auswärtigen Arbeitseinsatz ist noch immer nicht abgeschlossen. Die erforderliche Zahl ist noch nicht vorhanden.

Da die Behörde dem Aeltesten freigestellt hat, im Rahmen der Entsendung von 1600 Arbeitern eventuell auch 235 Frauenspersonen zu stellen, dürfte sich also die Auswahl nunmehr auf Frauen erstrecken. In welcher Weise die technische Durchführung erfolgen soll, steht noch nicht fest. Nach den Erfahrungen jedoch, die die Kommission bisher mit den männlichen Arbeitern gehabt hat, wird wohl eine schlagartige Aktion erfolgen müssen, um die erforderliche Zahl geeigneter Frauenspersonen sicherzustellen. Da das Getto jedoch von der bevorstehenden Musterung von Frauen Kenntnis hat, werden sich jetzt natürlich alle in Frage kommenden Frauenspersonen verstecken und die Jagd nach diesen Menschen wird beginnen.

Der Aelteste hat einige von ihm befreite Personen aus den Abteilungen, in denen sie bisher gearbeitet haben, hauptsächlich Kolonial- und Gemüseabteilung, zu den Abbrucharbeiten befohlen. Es handelt sich um etwa 18 jüngere Leute, die noch heute der Abbruchstelle zugewiesen wurden.2

Einführung von 5 Mk-Hartgeld:

Heute erschien die nachfolgende Bekanntmachung:

Bekanntmachung Nr. 412

Betr.: Einführung von Hartgeld /Fünf-Mark-Quittungen/.

Die Gettobevölkerung wird hierdurch darauf hingewiesen, dass

ab Mittwoch, den 23. Februar 1944,

HARTGELD IM WERTE von FUENF-MARK-

QUITTUNGEN

im Umlauf3 gesetzt wird.

Neben diesem Hartgeld /Fünf-Mark-Quittungen/ behalten die Fünf-Mark-Quittungen in Papier auch weiterhin ihre Gültigkeit.

Litzmannstadt-G., den 22. Februar 1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden

in Litzmannstadt.4

Obwohl die Hauptkasse über 1 Million 10 Mk-Münzen im Umlauf gesetzt hat, zeigen sich diese Stücke nur selten im Verkehr. An 5 Mk Hartgeld-Stücken wurden zirka 600.000 Stück geprägt. Auch diese Gettomünzen werden wahrscheinlich wieder verschwinden. Die Ursache dürfte wohl darin zu suchen sein, dass die meisten Menschen die ersten in Umlauf gesetzten Stücke aufbewahren.

Zur Grusspflicht:

Der Präses liess heute die Bekanntmachung Nr. 410 vom 16.2.44 neuerdings anschlagen u.zw. diesmal auch wieder in deutscher und jiddischer Sprache. Allem Anscheine nach laufen immer wieder Beschwerden von deutschen Beamten in Zivil ein. Es ist keinesfalls anzunehmen, dass die Gettobevölkerung der Grusspflicht nicht entsprechen will, sondern kommt es häufig vor, dass der deutsche Beamte in Zivil gewöhnlich zu spät als solcher erkannt wird, da die Passanten nicht immer darauf achten können, ob der ihnen entgegenkommende Mann den Judenstern trägt oder nicht.

Abgabe von Gold- und Silber-Ringen u. anderen Schmuckstücken:

Auf Grund der Bekanntmachung vom 12.2.44, Nr. 408, übernimmt die Sonder-Abteilung die Gegenstände aus Silber und Gold. Der Einlauf ist jedoch äusserst gering. In Frage kommen fast nur die letzten Gold-Eheringe, Schmuck besassen ja die wenigsten Personen. Was die Gettobevölkerung besessen hat, ist ja längst über das System der Kripo eingezogen worden.

Das Objekt der Sonderabteilung:

Wir haben das Gerücht verzeichnet, dass die deutsche Behörde die Absicht habe, das von der Sonder-Abteilung genützte Objekt an der Hohensteiner 96 zu kassieren. Diese Nachricht hat sich als haltlos erwiesen. Die Leitung der Sonder-Abteilung hat von einer solchen Verfügung oder einer bevorstehenden Massnahme keinerlei Kenntnis. Hingegen ist es sicher, dass das Objekt Hanseaten 63, wo sich die Wohnungen des Präses Rumkowski, des Direktors Jozef Rumkowski, von Familie A. Jakubowicz und Fuchs befinden, bis 15. März 1944 geräumt sein muss.

Approvisation.

Keine Aenderungen. Es kamen insgesamt 5710 kg Kartoffeln und 10,600 kg Kohlrüben herein. Diese geringen Quantitäten werden den Küchen zugeführt. Sonstige Lebensmitteleinfuhr kontingentmässig.

Ressortnachrichten.

Auch heute sind wieder grössere Partien von Maschinen ins Getto gekommen u.zw. hauptsächlich Maschinen für die Metall-Abteilung I /neue Halle/.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: Keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 1 Gehirnhauttuberkulose, 1 eitrige Gehirnhautentzündung, 1 Lungenentzündung, 1 Schizophrenie, 1 Lebensunfähigkeit nach der Geburt, 1 Frühgeburt.

Todesfall:

Heute verstarb hier der Arzt Dr. Zdzisław Swider, geb. 1896. Dr. Swider war seinerzeit in Warschau und übersiedelte im Sommer 1941 nach Pabjanice-Getto, wo er als einer der 3 dort praktizierenden Aerzte bis zur Aussiedlung nach Litzmannstadt-Getto lebte. In Pabjanice erwarb er sich grosse Verdienste bei der Bekämpfung ansteckender Krankheiten, zumal die sanitären Verhältnisse in diesem Getto auch sehr im Argen lagen. Er kam mit dem Transport im Mai 1942 nach Litzmannstadt-Getto, wo er sich in Aerztekreisen und auch unter der Bevölkerung, dank seiner aufopfernden Arbeit, grosser Beliebtheit erfreute. Eine wahrscheinlich in Ausübung seiner Tätigkeit erworbene Lungentuberkulose streckte ihn nieder.

1

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „79.658“; „5“ jeweils von Hand korrigiert.

2

HK: Am Rand von Hand ein vom letzten Eintrag aus nach unten weisender Pfeil.

3

In der Originalbekanntmachung: „in Umlauf“.

4

Mit einer geringen Abweichung (im Original „ Litzmannstadt /Getto statt „ Litzmannstadt-G.“) wird der Wortlaut der Bekanntmachung vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/1073, Bl. 120: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 412, 22.2.1944.