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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 23. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
143
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Das Wetter:

Tagesmittel 8-12 Grad, bewölkt, kalter Wind.

Sterbefälle:

14,

Geburten:

3 /2 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.966

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Es melden sich auch heute Freiwillige für die Arbeit nach ausserhalb des Gettos. Es heisst, dass 60 Personen am 30. Mai abreisen sollen und dass die Anzahl inzwischen erhöht wurde, dass insgesamt 140 Personen gebraucht werden. Etwa 30 Männer stehen bereits zur Verfügung.

Approvisation.

Das erste Frischgemüse /vom ersten Frühspinat abgesehen/ ist eingetroffen, 2.960 kg Radieschen. Es kamen ferner 7.210 kg Kartoffeln und 8760 kg kons. Rote Beete. Letztere von minderwertiger Qualität, die ganz bitter schmeckt. Fleisch 1460 kg.

Von der Post.

Die ersten Postkarten, die nach der Aufhebung der Postsperre bei den Schaltern abgegeben worden sind, sind abgegangen. Ueber die Sonderabteilung wurden ca 3.000 Postkarten den deutschen Behörden übergeben und man erwartet die Antwort im Laufe der nächsten Woche. Man weiss noch immer nicht, ob die Karten direkt oder über die Sammelzensurstelle in Berlin1 abgehen werden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der Schlager heisst: „Vigantol“!

Wer die Kulturkuriosa des Gettos einer Betrachtung unterzieht, wird an den Krankheiten und deren Therapie nicht vorbeigehen dürfen. Die Tatsache, dass eine ganze Stadt Jahre hindurch, ohne Pause, sich in einem dauernden Hungerzustand befand, kann allein schon als Unikum in der Kulturgeschichte der Völker gewertet werden. Und da es keine Abhilfe gegen den Hunger gab, versuchte man die Folgen dieses Hungers, d.i. die dem Hunger folgenden Krankheiten, zu mildern.

Im Frühjahr 1943 tritt massenweise Knochenerweichung, Knochenentkalkung auf, aus Mangel an Vitaminosen2. Die Aerzte verschreiben das synthetisch hergestellte D-Vitamin Vigantol. Man bekommt es in den Apotheken. Das Mittel wirkt. Viele Kranke erklären, dass nach dem Einnehmen von 10 ccm die Schmerzen in den Knochen /das klarste Symptom der Krankheit/ geschwunden seien. Einige erklären sogar: „Wir fühlen uns wie neugeboren!“

Vigantol hat geholfen. Man beginnt, Vigantol zu schätzen, für Vigantol zu schwärmen. Die Apotheken können der Nachfrage nicht mehr entsprechen. Die Sonderabteilung des Ordnungsdienstes richtet eine Arzneiverteilungsstelle ein, die damit betraut wird, gewisse rare Medikamente auf Grund ärztlicher Rezepte auszugeben. Spekulanten verschaffen sich Vigantol, führen es dem Schwarzhandel zu. Ein Fläschchen Vigantol kostet im Frühjahr 1943 bereits 35 Mk. Die Kostbarkeit der Arznei ruft das Bedürfnis danach auch dort hervor, wo es nicht am Platz ist.

Vigantol wird ein Wundermittel. Ein Mittel gegen alle Folgen des Hungers; gegen Schwäche, Müdigkeit, Schwellungen in den Beinen ... Der Preis steigt.

Wie auf das einzige, letzte Rettungsmittel stürzen sich tausende Gettobewohner auf Vigantol. Man verkauft Schuhe, Brot, Oel, man verkauft die wertvollsten Teile der Ration, um sich das Wunderelixier Vigantol zu verschaffen. Man spart sich den Bissen vom Mund ab, um den Nächsten mit Vigantol retten zu können. Der Preis steigt.

Bis eines Tages, man schreibt Mai 1944, auch zum Preise von 300 Mk für 10 ccm Vigantol nicht mehr zu haben ist. Sogar der Schwarzhandel versagt. Nicht einmal Winawer, der Star der Schwarzen Börse für Drogen und Gewürze, vermag Vigantol aufzutreiben.

Vigantol! Vigantol! lautet der Ruf des an Avitaminose erkrankten Gettomenschen. Verschaff mir Vigantol, du rettest mein Leben.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

8 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Frühgeburt /Lebensunfähig/.

1

Falls die Karten wirklich weitergeschickt wurden, hat man sie sicher zensiert. Indes ist nicht ersichtlich, warum die Nationalsozialisten sich die Mühe gemacht haben sollten, diese Karten in einer „Sammelzensurstelle in Berlin“ durchzusehen und weiterzuleiten.

2

Vitaminose, eigentlich ‚Vitaminmangel‘; zu Vitamin, aus engl. vitamin zu lat. vita und engl. amine.