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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 26. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
283
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Das Wetter:

Früh 9 Grad, bewölkt, neblig, mittags 20 Grad, sonnig warm.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

3 /männlich/.

Festnahmen:

Verschiedenes 3,

Diebstahl 1

Bevölkerungsstand:

83,515

Brand:

Am 26.10. wurde die Feuerwehr um 5 Uhr 50 nach dem Baluter-Ring alarmiert, wo die Decke einer Baracke in Brand geraten war. Die Feuerwehr konnte mit einer Kübelspritze und durch das Einhauen des Brandteiles das Feuer rasch im Keime ersticken. Die Rückkehr der Feuerwehr erfolgte um 6 Uhr 50.

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Der Einlauf von Kartoffeln geht weiterhin schleppend vor sich. Das Getto sieht den kommenden Tagen mit grosser Besorgnis entgegen. Grössere Mengen von Konservenfleisch sind eingelaufen, weitere sind avisiert. Alles in allem soll das Getto 200,000 Dosen Konserven erhalten.

Da die letzte Tomaten-Ration nicht voll eingelöst werden konnte, hat die Gemüse-Abteilung anstatt der 2 kg Tomaten 6 kg Kürbisse zur Ausgabe freigegeben. Leider reichen auch diese nicht zur vollen Honorierung der ausgegebenen Assignate, sodass die Gemüse-Abteilung letztens anstatt der 2 kg Tomaten bezw. 6 kg Kürbisse nunmehr 4 kg Rettiche ausgibt. Rettiche sind augenblicklich die Hauptnahrung des Gettos.

Ressortnachrichten.

Die Zentralbuchhaltung

wird bis zum 1. Januar liquidiert werden. Die Ressorts und Abteilungen werden künftig ihre Buchhaltungen nach einem neuen System im eigenen Wirkungskreise führen, wobei der FUKR nur die Kontrolle ausüben wird.

Totale Holzsperre:

Heute besuchte Amtsleiter Biebow den Holzbetrieb an der Bazarna, wo er mit dem Leiter Winograd die Erzeugung von Kinderspielzeug für Weihnachten besprach. Der Leiter verwies auf den Mangel an Holzabfällen, die für diese Produktion erforderlich wären. Amtsleiter Biebow war darüber sehr ungehalten und verfügte, jegliche Ausgabe von Holzabfällen in allen Holzbetrieben mit sofortiger Wirkung einzustellen. Er bemerkte, dass für den Hausbrand nur das Holz verwendet werden dürfe, welches aus den Demolierungen anfällt und fügte hinzu, er werde jeden Juden, der Abfälle von Holz aus den Betrieben wegtragen werde, erschiessen. Im Zusammenhang mit dieser Verfügung hielt gestern der Leiter des Zentralbüros der Arbeitsressorts A. Jakubowicz mit allen Leitern der Holzbetriebe eine Besprechung ab, in der die neuentstandene Situation erörtert wurde. Jakubowicz verfügte auch seinerseits eine strenge Ausgabesperre für Holzabfälle, Säge- und Hobelspäne. Die ohnehin äusserst kritische Lage des Gettos wird durch diese Verfügung noch wesentlich verschärft. Die Holzpreise stiegen sofort rapid an. Es kostet heute Holz bereits 4 bis 5 Mark pro Kilo im Freihandel. Ein weiterer hierdurch bedingter Umstand ist das Ansteigen der Frequenz in den Gaskochstellen.

Fürsorgewesen.

Eröffnung einer neuen Kräftigungsküche:

An der Flisacka wurde heute die neue Kräftigungsküche um 2 Uhr nachmittag eröffnet. Unter Führung von Mosze Karo kamen die ersten Gruppen jugendlicher Arbeiter an die Abfütterung. Vom Strohressort kamen 51 Mädchen, vom Kürschner-Ressort 54 jugendliche Arbeiter und 37 verschiedene jugendliche Konsumenten, die aussertourliche Kräftigungsmittage durch die Umschichtungskommission erhalten haben. Von 31 bis 4 Uhr speisten 145 jugendliche Arbeiter der Schneiderabteilung Hanseaten 37. In den Abendstunden kamen dann die Erwachsenen.

Um etwa 6 Uhr erschien der Präses, besichtigte die Einrichtungen der Küche, sprach mit einigen Konsumenten und verliess nach kurzem Aufenthalt die Küche. Alles spielte sich klaglos ab. Die in Frage kommenden Funktionäre verfügen ja bereits über die entsprechende Erfahrung, sodass man nicht den Eindruck hatte, als ginge es um die Eröffnung einer neuen Küche. Die Küche an der Flisacka verfügt über 2 Speisesäle, im Parterre und 1. Stock, in welchen die Speisen mittels eines Handaufzuges befördert werden. Die augenblickliche Frequenz ist 500 pro Tag, doch dürfte sie gleichfalls auf 1200 gesteigert werden. Leiter dieser Küche ist Rotsztajn, unterstützt von Frau Goldberger. Die Aufsicht hat auch hier Kommissar Kohn und Frau Gonikowa.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

4 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 2 Tuberkulose anderer Organe, 2 Schädelbasisbrüche, 1 Typhus.

1

HK, JFK*: „33“. LK**: Ursprünglich „33“; erste 3 von Hand gestrichen.