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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 27. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
178

Das Wetter:

Tagesmittel 22-34 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

20,

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

76,313

Tagesnachrichten.

Der Präses ist soweit hergestellt, dass er wieder im Amt erscheinen kann. Er hat sofort die Geschäfte übernommen und greift mit der alten Energie in die Aktion ein.

Gestern fand eine Konferenz beim Präses statt, an der die Herren A. Jakubowicz, Kliger, Rechtsanwalt Neftalin und Tröger /von der Sonderabteilung/ teilnahmen. Es wurden die Einzelheiten der Lebensmittelkarten-Blockierung durchbesprochen. Das System klappt vorläufig noch nicht. Insbesondere geht es mit den Deblockierungen ziemlich schleppend. Das Kontrollsystem wird vereinfacht, sodass es ab 30.6. schon recht gut klappen wird.

Die Kartenstelle arbeitet fieberhaft Tag und Nacht.

L.S.-Kommission:

Heute besuchte bereits um 7 Uhr morgens eine Luftschutz-Kommission das Getto und besichtigte alle wichtigen Punkte.

Verhaftung:

Der Leiter der Schneidereien, Dawid Warszawski, wurde nach einer Hausdurchsuchung mit seiner ganzen Familie von der Kripo verhaftet und ins Kripo-Gebäude eingeliefert.

Einzelne behaupten, dass man bei ihm zwei goldene Uhren gefunden hätte, andere wieder wollen wissen, dass man nichts gefunden hätte und dass es sich nicht um eine übliche Gettofestnahme handle, sondern um eine Angelegenheit grösseren Stiles, die jedoch jahrelang zurückliegt und in der Stadt behandelt wird. Diese Verhaftung hat, obwohl das Getto jetzt andere Sorgen hat, dennoch grosses Aufsehen erregt.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Der morgen abgehende Transport ist bereits sichergestellt.

Was die Eingesiedelten betrifft, so hat das Zwischen-Ressort-Komitee ebensowenig wie die Kommission im Zentralgefängnis irgendwelche besonderen Richtlinien ausgegeben.

Wie dies bei solchen Anlässen üblich ist, sucht die grössere Zahl der betroffenen Eingesiedelten bei Dr. Oskar Singer Schutz, von dem sie glauben, dass er durch seine Beziehungen helfen könne. Dr. Singer hat zunächst während der Krankheit des Präses mit Kliger Fühlung genommen, um wenigstens einen Teil der Intelligenz sicherzustellen. Er fand volles Verständnis und es ist ihm gelungen, eine gewisse Zahl von graduierten Personen sowie besonders wertvollen und verdienten1 Menschen vor der Aussiedlung zu schützen. Ein grosser Teil der eingesiedelten Intelligenz arbeitet in den Abteilungen des Rechtsanwalts Neftalin, der ebenfalls volles Verständnis für diese Frage beweist.

Aussenlisten – Innenlisten:

Die Ressortleiter helfen sich so gut sie können mit kleineren und grösseren Schwindeleien. Die Menschen müssen sich schliesslich stellen. Wie wird das nun gemacht, um Betriebsrevolutionen zu vermeiden? Man setzt auch die Protektionskinder auf die Listen und die misera plebs ist wenigstens beruhigt. Das sind freilich die sogenannten Aussenlisten. Die Innenlisten, das sind die, die dem Zwischen-Ressort-Komitee überreicht werden, sehen dann schon etwas anders aus. Katastrophal wirkt sich die prozentuale Anforderung auf gewisse Abteilungen aus. So eine Abteilung hat z.B. 60 Menschen in Evidenz, davon sind 20 wirklich krank, 30 haben besondere Beziehungen und 10 arbeiten wirklich. Von diesen 10 haben 5 womöglich kleine Kinder. Nun soll so ein Amt 25% seines Personals aufgeben, wie bringt man also 15 Menschen auf? Man bringt sie eben nicht auf, oder man setzt einfach die Kranken und absolut geschützten Protektionskinder auf die Liste. So sieht es in den meisten Abteilungen aus.

Approvisation.

Heute erhielt das Getto 1680 kg Kohlrabi, 4000 kg Salat und 7600 kg Sauerkraut. Fleisch etwas gebessert mit ca 2700 kg.

Gemüsesalatzuteilung für die gesamte Gettobevölkerung:

Ab Dienstag, den 27.6.44, werden an alle auf Coupon Nr. 33 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 Gramm Gemüsesalat für den Betrag von Mk 0.50 ausgegeben.

Litzmannstadt, den 27.6.1944

Kleiner Getto-Spiegel.

Das verlorene Bett:

In dieser Zeit der Aussiedlung ist der Hof der Zentraleinkaufstelle am Kirchplatz 4 einer der interessantesten Punkte des Gettos. Mitten im Hof türmen sich berghoch Federbetten in ihren meist grellroten Ueberzügen, gleich einem Korallenriff, um das herum trübe und farblos die Masse der anonymen Auszusiedelnden brandet. Diese Menschen sind hergekommen, um ihre letzte Habe zu Geld zu machen, um sich mit diesem, wenigstens die ersten Stunden ihrer ganz ungewissen, unbekannten Zukunft ausserhalb der beengenden, andererseits aber seelischen Schutz gewährenden, Drähte des Gettos zu verbessern. Was ihrer wartet, sie wissen es nicht, und wer könnte es ihnen sagen? Was sie verloren haben, wissen sie: Hier liegt es aufgetürmt eines am andern, das Letzte des Armen, das ihnen sicher war: das eigene Bett.

So gewinnt das Aussehen des Hofes der Zentraleinkaufstelle in diesen sorgenvollen Tagen geradezu symbolische Bedeutung.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 24 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

14 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten, Lungenentzündung2, 1 Rückenmarkentzündung.

1

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „verdienstvollen“; von Hand zu „verdienten“ korrigiert.

2

HK, LK**, JFK**: Angabe vor „Lungenentzündung“ fehlt.