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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 28. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
88

Das Wetter:

2 Grad, zeitweise Schneegestöber.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.736

Tagesnachrichten.

Die durch den Amtsleiter Biebow eingeleitete und durch den Präses fortgesetzte Umschichtung nähert sich ihrem Ende. Lediglich aus den Küchen werden noch überflüssige Hilfskräfte ausgeschieden. Jedenfalls hat der Sturm sich beschwichtigt und das Getto kommt allmählich wieder zur Ruhe.

Approvisation.

Am heutigen Tage erhielt das Getto wieder seit langer Zeit eine Kleinigkeit an Kartoffeln u.zw. 14.240 kg und 23.000 kg Rote Beete. Die Kartoffeln gehen natürlich in die Küchen, während die Roten Rüben für eine demnächst zu erwartende Ration in die Verteilungsstellen gelangen. Freilich können diese minimalen Quantitäten an der Hungerlage nichts ändern.

Mazzot:

Die Erzeugung von Mazzot wurde nun auch in einer zweiten Bäckerei aufgenommen. Die Anmeldungen für Mazzot statt Brot sind im Gange. Es ist unmöglich, entsprechende Mengen für die ganze Bevölkerung zu erzeugen, weil dies einerseits technisch undurchführbar ist und andererseits der Amtsleiter eine Versorgung für die Gesamtbevölkerung nicht bewilligt hat. Es ist anzunehmen, dass der Präses einen Teil der Mazzotproduktion für Talonzwecke reservieren wird. Ueberhaupt spricht das Getto von bevorstehenden Zuteilungen zu den Pessachfeiertagen. Die Hoffnungen sind sehr hoch geschraubt, doch kann man sich, angesichts der Lage über Bevorratung, ungefähr ein Bild machen, wie wenig von all den Hoffnungen sich erfüllen wird. Da der Präses im grossen und ganzen nur über 2% der Approvisation frei verfügt, kann man grosse Zuteilungen nicht erwarten. Das Gerede, dass der Präses die Absicht habe, die Zuteilungen B, BI, BII usw. zu rekonstruieren, hat keine Unterlagen. Es fehlt auch jede gesetzliche Handhabe den deutschen Ernährungsbehörden gegenüber, die eine bevorzugte Ernährung nur den physischen Arbeitern zubilligen. Es kann also der Präses nur aus seinen eigenen Reserven Talone bestimmen.

Das Verhältnis von Mazzot zu Brot ist 1 kg 20 Mazzot für 2 kg Brot.

Die Delegierung von Ressortarbeitern und Beamten in die Mazzotbäckereien gilt jetzt für die Dauer der Produktion, das ist auf 10 Tage.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 1 Bauchfelltuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 Brustfellentzündung.