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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 28. September 1943

Tageschronik Nr.: 
255
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Das Wetter:

Tagesmittel 11-15 Grad, bewoelkt, nachdem es die ganze Nacht geregnet hat.

Sterbefaelle:

8

Geburten:

7 /3 maennlich, 4 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.719

Tagesnachrichten.

Der Praeses betreibt mit der ihm eigenen Energie die Eroeffnung der IV. Kraeftigungs-Kueche an der Masarska /Storchengasse/. Heute besichtigte er persoenlich die Arbeiten und bestimmte bereits das komplette Personal fuer diese Kueche.

Die Oberleitung ueber die Kuechen /Wirtschaft/ hat Frau Helena Rumkowska uebernommen.

Der Praeses besuchte heute die Tischlerei, Zimmerstrasse 12 /Siehe darueber den morgigen Bericht/.

Baluter-Ring abends gesperrt:

Laut Befehl des VI. Polizei-Reviers muss das Tor am Baluter-Ring von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens geschlossen bleiben.

Approvisation.

Die Einfuhr von Lebensmitteln, insbesondere von Kartoffeln und Gemuese, ist nach wie vor sehr unbefriedigend. An Kartoffeln kamen ca 98000 kg, an Gemuese ca 11.000 kg, so dass die Lage ungemein prekaer ist. Auch die Einfuhr von Fleisch ist rapid gesunken, es kamen heute insgesamt nur 120 kg Freibankfleisch herein. Alle uebrigen Lebensmittel im Rahmen des Kontingents.

Erzeugung von Gemuesesalat:

Die Molkerei-Abteilung /Gemuesesalat-Fabrik/ erzeugt jetzt jeden zweiten Tag Gemuesesalat. Diese Abteilung erwartet nunmehr laufend Zufuhren von Kuerbissen, der sich fuer die Zwecke der Salaterzeugung besonders gut eignet.1

Ressortnachrichten.

Schneiderei-Betrieb, Alexanderhofstrasse 252:

Die Schneiderei-Abteilung, Alexanderhofstrasse 253, ist schon teilweise in Betrieb. Auch die Fachschule, die in diesem Betrieb besonders gross ist, unter persoenlicher Leitung des Leiters Goldsztajn, hat bereits ihre Taetigkeit aufgenommen. Adm. Leiter4 dieses Ressorts ist Herr Szwarc, der ehemalige Leiter der Karten-Abteilung.

Strohpantoffel-Produktion:

Da die Zufuhr von Langstroh augenblicklich befriedigend ist, haben alle strohverarbeitenden Betriebe ihre Produktion voll aufgenommen. Insbesondere können nun auch die Hausschuh-Betriebe ihre Belegschaft vollauf beschaeftigen.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Berufungsstrafverhandlung vom 24. September 1943. Binsztok, Feygl, Wojdisławski, Prok.: Liske.

Bei der heutigen Verhandlung wurde die Berufung des Ordinans Sender verhandelt, welcher – wegen Schaendung angeklagt – gegen das Urteil vom 18.8.1943, durch welches er zu 8 Monaten Gefaengnis verurteilt worden war, Berufung eingelegt hatte. Der Angeklagte verantwortete sich wie in erster Instanz und stellte jegliche Schuld in Abrede. Der Zeuge O.D.-Mann Stein gab an, die Geschaedigte Goldstajn Cyrla habe ihm nach der erstinstanzlichen Verhandlung gesagt, der Angeklagte tue ihr jetzt leid, sie sei zur Erstattung der Anzeige verleitet worden. Ueber diesen Umstand wurde dann auch die Goldstajn vernommen, die diesen Umstand nicht in Abrede stellte. Das zweitinstanzliche Gericht konnte sich dabei einen Eindruck ueber die Wahrheitsliebe dieser Zeugin machen. In den Plaidoyers plaidierte5 der Staatsanwalt auf Aufrechterhaltung des erstinstanzlichen Urteiles, die Verteidigung schlug Freispruch vor. Frau Rumkowska verteidigte auf lebhafte und dabei sachliche Art, sie beleuchtete hauptsaechlich den faktischen Tatbestand und wies auf die psychologischen Momente der Sache hin. Aus der Rede kam die Ueberzeugung der Verteidigerin ueber die Unschuld ihres Mandanten ueberzeugend zum Ausdruck. Trotzdem war der Berufungssenat anderer Ansicht und bestaetigte das erstinstanzliche Urteil, sowohl hinsichtlich der Schuld, als auch hinsichtlich des Strafausmasses.

Der Verteidiger Goldkorn wurde in dieser Kausa von der Gattin des Praeses Frau Regina Rumkowska in der Verteidigung unterstuetzt. Wiewohl die Verteidigung anerkanntermassen fluessig und sachlich war, gelang es ihr nicht, das erstinstanzliche Urteil umzustossen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Ruhr, 4 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

4 Lungentuberkulose, 2 Typhus, 1 Rippenfellentzuendung, 1 Tub. Gehirnhautentzuendung.

1

So in HK, LK**, JFK*.

2

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „27“, von Hand korrigiert. Die richtige Adresse lautet Alexanderhofstr. 25 (hier war früher der Sitz des Kollektivs Wien IV).

3

„25“ nur in LK; dort von ursprünglich „27“ von Hand korrigiert. HK, JFK*: Irrtümlich „27“.

4

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „Bueroleiter“; jeweils von Hand ersetzt.

5

So in HK, LK**, JFK*.