Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 29. Februar 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
60

Das Wetter:

Tagesmittel 5-8 Grad Wärme, zeitweise sonnig.

Sterbefälle:

11,

Geburten:

4 /3 weibl., 1 männl./

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

79.637

Tagesnachrichten.

1600 Arbeiter:

Noch immer schwebt diese Aktion wie eine gewitterschwere Wolke über dem Getto. Der erlösende Regen will nicht fallen. Das Getto ist voll von allerhand Versionen von einer Aenderung der Lage, dass nur ein geringer Teil weggehen soll, dass ca 1000 Personen morgen freigelassen werden sollen, dass die Aktion überhaupt abgeblasen ist, weil das Arbeitsamt in Posen von anderer Seite die erforderlichen jüdischen Arbeitskräfte erhalten habe, dass die Leute wohl entlassen werden, aber einen Revers unterschreiben müssen, dass sie sich bei Aufruf sofort wieder melden müssen u.s.w. Nichts von alldem wird bestätigt. In der Umgebung des Präses weiss man nichts von einer Aenderung der vorliegenden deutschen Befehle.

Kommissionen im Getto:

Die Kommission, die am Sonntag das Getto besuchte, kam von der Obersten Luftschutzbehörde des Warthegau es unter Führung von Dr. Bradfisch und dessen Stellvertreter Dr. Rosse.1

Die Kommission am Montag bestand aus höheren SS-Offizieren und es wird behauptet, dass sich darunter ein SS Oberführer aus der unmittelbaren Umgebung des Führers befand. Sein Name war nicht festzustellen.

Der Präses hat an ca 750 Arbeiter je 1/2 kg Brot ausgegeben u.zw. an alle Presser /Bügler/ der Schneider-Abteilungen, ferner an Schwerarbeiter der Metallabteilung und des Holzbetriebes, Putzigerstrasse.

Der Präses ist im Begriffe, eine Briefmarke zu 10 Pfennig für den internen Postverkehr des Gettos herauszugeben. Zwei Entwürfe liegen bereits vor. Es ist anzunehmen, dass nacheinander beide Muster ausgeführt werden. Der Präses beabsichtigt jedoch, nur eine sehr geringe Anzahl /knapp 1000 Stück/ in den Verkehr zu setzen, und nur einige wenige 1000 Stück im Ganzen drucken zu lassen. Die Ausgabe der Briefmarken wurde ihm von der deutschen Behörde genehmigt.2

Die Wohnung des Präses:

Wie bereits berichtet,3 wird der Präses seine Wohnung, an der Hanseatenstrasse 63, bis zum 15.3.44. räumen müssen. Er hat sich entschlossen, in Marysin zu wohnen und keine „Stadtwohnung“ zu beziehen.

Vom Ordnungs-Dienst:

Morgen, den 1.3.44., begeht der Ordnungsdienst sein 4-jähriges Bestandsjubiläum.

Damenpatronat4 im Zentral-Gefängnis:

Die Damen des Patronats im Zentral-Gefängnis, die die dort angehaltenen Arbeiter zu betreuen haben, sind: Frl. Kaufmann /Post/, Frl. Szpigel / Talon-Abteilung/, Frl. Rosner /Fürsorgeausschuss5/, Frl. Uryson /Fürsorgeausschuss für Jugendliche/, Frl. Gerszonowicz /Post/.6

Betrifft Lang-Arbeiter:

Die erste Zuteilung erfolgt Sonnabend, den 4.3.44., in den zuständigen Kolonial- bzw. Fleischläden u.zw. für die Woche vom 31.I. bis 6.II.44 auf Abschnitt 5 der Zusatzkarte. Die ersten 4 Abschnitte sind ungültig, die nächste Zuteilung für die Woche ab 7.2.44 erfolgt auf Abschnitt Nr. 6.

Zusatzkarten werden von den Arbeitsstellen /Ressorts, Abteilungen/ an die Bezugsberechtigten ausgefolgt und mit dem Ressort-Stempel und Unterschrift versehen.

Die Nr. 1 Z-60 Z rot /linke Kartenseite/ sind für Fleisch, 1 Z-60 Z schwarz /rechte Kartenseite/ für Kolonialwaren.7

Approvisation.

Keine Besserung der Lage. Der Präses äusserte sich, dass er die Hoffnung habe, dass sich die Lage nach dem 1.3.44. etwas entspannen werde.

In der Zeit vom 26.-28.2. kamen im Ganzen nur 56.500 kg Kohlrüben herein. Weder Kartoffeln noch sonstiges Gemüse. Das Getto erhielt dafür Saft von Roten Rüben /10.000 kg/ und 10.000 kg Fruchtsuppenextract. Das ist ein wahrscheinlich durch Schwefelung konserviertes Nebenprodukt der Weinerzeugung /konservierte Maische/. Mit etwas Sago und Zucker verkocht ergibt das eine Art Pudding.

Am 26. kam etwas Fleisch herein, insgesamt 1.100 kg, am 27. und 28. nichts. Erstmalig für diese Saison erhielt das Getto bereits eine Samenlieferung u.zw. 1000 kg Rote-Rüben-Samen und 2150 kg Spinat-Samen.

Kartoffelschalen:

Der Leiter der Küchenabteilung, Kaufman, gibt an einige wenige Petenten Anweisungen an Küchen, zwecks Ausfolgung von kleinen Quantitäten Kartoffelschalen heraus. Freilich ist mit diesem Schein noch nichts getan, denn erstens muss die Küche auch Kartoffelschalen haben und zweitens muss der Inhaber des Scheines in der Küche selbst wieder Protektion suchen. In vielen Fällen wird sich herausstellen, dass die Kartoffelschalen-Schecks nicht gedeckt sind.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der strenge Herr Provisor8:

Eine Dame gibt in der Apotheke an der Alexanderhofstrasse ein Rezept ab. Der diensthabende Provisor bestellt sie für 2 Uhr Nachmittag. Um etwa 1/2 2 Uhr kommt die gleiche Dame an der Apotheke vorüber, nachdem sie ihre Heimarbeit im Ressort abgeliefert hatte und mit leeren Händen nach Hause ging. Da sie schon unterwegs ist, tritt sie in der Apotheke ein in der Hoffnung, dass das Medikament inzwischen fertiggestellt sein könnte und in der Absicht, eventuell das 1/2 Stündchen zu warten. Der Herr Provisor empfing sie grob: „Jetzt ist nicht 2 Uhr, zur Strafe kommen Sie um 3 Uhr.“ Die Frau muss also, gezüchtigt wie ein Hund, wieder nach Hause kriechen, denn gehen kann man das wohl nicht mehr nennen. Der strenge Herr Provisor wollte wohl seinerzeit Gefängnis-Profoss9 werden, dazu reichte aber wohl seine Intelligenz nicht mehr, weshalb er, wie immer in solchen Fällen, Pharmazeut wurde.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 2 Gehirnhauttuberkulose, 1 Herzschwäche, 1 Apoplexie10.

1

Der in der Tageschronik genannte Dr. Alfons Rosse war bis zum November 1943 Vertreter des Leiters der Gestapo stelle Litzmannstadt, seit dem 10. November 1943 bis zum Ende der Besatzung bekleidete Regierungsrat und SS-Sturmbannführer Joachim Kuke dieses Amt (geb. 24. März 1908 in Kolberg). Vgl. ZstL, 203 AR-Z 161/67, Bl. 26.

2

Die Frage dieser gettoeigenen Briefmarken war bereits zwei Jahre zuvor erörtert worden. Am 30. Januar 1942 hatte Rumkowski einen Wettbewerb ausgeschrieben, um das schönste Design für Briefmarken zu finden. Es gab Geldpreise zu gewinnen. Doch aufgrund der Deportationen nach Kulmhof war dieses Projekt nicht weiter verfolgt worden. Am Ende des „ruhigen“ Jahres 1943 wurde die Frage für den „Judenältesten“ wieder aktuell und in der Druckerei wurden Briefmarken-Beispiele hergestellt. Doch ordneten die Deutschen an, die Briefmarken zurückzuziehen. So schreibt Hans Biebow am 14. März 1944 an Rumkowski: „Da ich die Notwendigkeit der Frankierung von Briefen im Getto nicht einsehe, verbiete ich Ihnen hiermit die weitere Herstellung von Marken und fordere Sie auf, sofort die bisher gefertigten Marken an meine Verwaltung zur Ablieferung zu bringen“ (zit. nach Schulze/Petriuk 1995, S. 166). Vgl. zur Herstellung von Briefmarken und dem Verbot ebd., S. 164-170. Vgl. Dobroszycki 1984, S. 464, Anm. 8.

3

Vgl. die Rubrik „Man hört, man spricht“ in der Tageschronik vom 15. Februar 1944.

4

Zum Damenkomitee, welches auch Damenpatronat genannt wurde, gehören Gerszonowicz, Kaufman, Rosner, Szpigel und Dora Uryson.

5

HK, JFK**: Ursprünglich „Sekr. Wołkowna“; von Hand ersetzt. LK**: „Sekr. Wołkowna“.

6

HK: Am Rand des Eintrags von Hand eine polnischsprachige Anmerkung ‚nur hier‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

7

So in HK, LK**, JFK**.

8

Provisor ‚approbierter, in einer Apotheke angestellter Apotheker‘; zu lat. prōvīsor ‚Vorsorger, Verwalter‘; älteres Nhd.

9

Gefängnis-Profoss, zu Profos ‚Verwalter der Militärgerichtsbarkeit‘; aus mittelnl. provoost, lat. praepositus.

10

Apoplexie‚ Schlaganfall, Gehirnschlag ‘; zu spätlat. apoplexia, grch. apoplēxia; fachspr.