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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 30. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
150
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Das Wetter:

Tagesmittel 24-32 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

18.

Geburten:

2 / 1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Ausweisungen:

60 /Mann zur Arbeit ausserhalb des Gettos/.

Bevölkerungsstand:

76.770

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute um 1/2 9 Uhr früh sind wieder 60 Mann, über Baluter-Ring, zur Arbeit ausserhalb des Gettos abgegangen.1 Die meisten haben eigene Kleider und Wäsche mitgenommen. Jeder erhielt 4 kg Brot, 125 Gramm Quark, 20 dkg Salamiwurst, 25 dkg Zucker. Von den 4 kg Brot wurde ihnen die Differenz von 25 dkg auf 60 dkg Brot, die sie im Zentralgefängnis täglich erhielten, abgezogen.

Heute erschien eine weitere Kundmachung mit folgendem Wortlaut:

ACHTUNG!!!

Betr.: Registrierung von Freiwilligen zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos.

Freiwillige können sich weiterhin zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos

im Arbeitsamt-Getto täglich in der Zeit von:

17 Uhr 30 bis 20 Uhr registrieren.

Litzmannstadt-Getto, den 30. Mai 1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.2

Es hat den Anschein, als ob es sich hier nicht um industrielle, sondern um landwirtschaftliche Kräfte handelt, die jetzt in der Anbausaison auf kleinen Gütern gebraucht werden. Die Leute müssen sich ganz in der Nähe befinden, denn die Gettoverwaltung verständigte das Büro des Aeltesten, dass diese kleinen Gruppen im Verpflegsstand des Gettos verbleiben. Das allerdings besagt noch nicht, dass die Arbeiter dort nicht eine zusätzliche Verpflegung erhalten. Da keine Nachrichten eintreffen, lässt sich darüber etwas bestimmtes3 nicht sagen.

Approvisation.

Der Kartoffeleinlauf ist heute etwas schwächer mit 37.550 kg. 4420 kg Radieschen komplettieren die Menge soweit, dass eine Ration ausgegeben werden kann. 930 kg Heringsalat, den das Getto noch niemals erhalten hat, wird wohl zur Not für Talonempfänger reichen.

Das Suppenmenu:

Die Küchen haben das Menu bereits geändert, es soll ab morgen abwechselnd eine Kartoffelsuppe bzw. eine Kolonialwarensuppe ausgegeben werden u.zw. die Kartoffelsuppe mit 20 dkg Kartoffeln brutto und 3 1/2 dkg Kolonial, die andere Suppe 7 1/2 dkg Kolonial und 2 dkg geriebene Kartoffel.

Ressortnachrichten.

Leder- und Sattlerabteilung:

Dieses Ressort ist augenblicklich nicht voll beschäftigt. Es werden daher von dort weibliche Arbeitskräfte für Radegast ausgemustert. In diesem Ressort hat bekanntlich4 der Präses die Kellnerinnen und Registratorinnen seiner Kräftigungsküchen als geschlossene Gruppe untergebracht. Nunmehr beabsichtigt der Präses, diese seine besonderen Schützlinge aus diesem Ressort herauszuziehen und sie ebenfalls in die Produktion, auf Baugelände Radegast, einzugliedern. Allerdings will sie der Präses nach Möglichkeit günstiger stellen, indem er diese Mädchen im ehemaligen VI. Erholungsheim geschlossen unterbringen will. Der Plan birgt also auch eine gewisse Rekreation in sich und soll schon mit der nächsten Ration, d.i. spätestens Sonnabend, den 3. ds.Mts., verwirklicht werden. Offiziell ist im Leder- und Sattlerressort noch nichts bekannt. Bei diesen Mädchen handelt es sich zumeist um Absolventinnen der Rumkowski-Mittelschule und es ist begreiflich, dass der Präses diesen Intelligenznachwuchs nach Möglichkeit schonen möchte.

Kleiner Getto-Spiegel.

Zu Schewuoth ein Kartoffel5:

Kartoffel sind rar im Getto. Hie und da einer in der ärmlichen Ressortsuppe. Aber doch gelingt es ein paar Menschen, die man an den Fingern einer Hand abzählen kann, die Schewuoth-Mahlzeit durch einen Kartoffel feiertäglich zu gestalten. Aber das ist nicht so einfach, das kostet Kräfte und erfordert ausserordentlich viel Geschicklichkeit, die nur von Jungens aufgebracht werden kann. Ein Wagen Kartoffeln rattert voll beladen über die belebte Hanseatenstrasse, Richtung Gemüseplatz. Aller Augen kriechen aus den Höhlen, denn man hat schon lange nicht vollbeladene Kartoffelwagen gesehen. Hinter dem Wagen trottet ein Trupp von Jungens her. Es ist doch nicht ausgeschlossen, dass das holprige Strassenpflaster zu Schewuoth funktionieren wird; und wirklich kollern ein paar Kartoffeln vom Wagen und rollen dem Rinnstein entgegen. Hoch oben thront der Ordnungsdienstmann der Sonderabteilung. Er kann aber den entwichenen Kartoffeln nicht nachspringen, denn verliesse er für einen Augenblick den Wagen, so wäre es um die Ladung geschehen. Er muss die Kollernden kollern lassen. Mit einem Satz springen die Jungens auf die hüpfenden Kartoffeln zu, bevor diese noch den stinkenden Rinnstein erreicht haben und weiter geht es im Trapp hinter dem Wagen her. Vielleicht hilft Gott weiter, es ist doch heute Schewuoth! Das verpflichtet doch beide Partner, Gott und Mensch. Bis zum Gemüseplatz werden einige Kartoffelchen noch herunterfallen. Ob alle Jungens, die dieser köstlichen Frucht atemlos nachjagen, Glück haben werden?6

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 14 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

12 Tuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 4 Herzkrankheiten, 1 Schenkelhalsfraktur7.

1

Aus der Transportliste geht das Ziel nicht hervor (APŁ, 278/1223, Bl. 5f.).

2

Die Bekanntmachung wird vollständig wiedergegeben. „Betr.“ ist im Rundschreiben unterstrichen. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 68: Bekanntmachung / Betr.: Registrierung von Freiwilligen zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos, 30.5.1944.

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

Vgl. die Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 18. November 1943.

5

So in HK, LK*, JFK*; auch weiter unten.

6

Oskar Rosenfeld beschreibt unter dem Datum 28.-29. Mai 1944 die „Festtagsstimmung“ im Getto: „Schawuoth. 2ter Tag. Pfingstsonntag. Straßen voller Menschen wie an einem Feiertag in der Freiheit. Niemand außerhalb des Gettos kann sich von der Stimmung solch eines Tages eine Vorstellung machen. Man holt Rationen, Talone, Twarog, Wurst und alle noch nicht bezogenen Waren. Tausende Menschen auf den Djalkas, die Sonne brennt, man sieht bereits einige sonngebrannte Gesichter... Aber gerade das grelle Licht und das saftige Grün machen das Gemüt noch verzweifelter. […] Kommt heute ein Wort, das uns die Erlösung als nahe bevorstehend ankündigt“ (Rosenfeld 1994, S. 292).

7

Die Todesursache könnte eine Embolie gewesen sein, die eine häufige Komplikation bei einem Schenkelhalsbruch darstellt. Durch Gefäßverletzungen bildet sich ein Blutgerinnsel (Thrombus), das mit dem Blutfluss z.B. in die Lunge gespült werden kann.