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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 30. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
318

Das Wetter:

Tagesmittel 4-5 Grad, es regnet.

Sterbefaelle:

5

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Ausweisungen:

30 Maenner zur Arbeit2 nach ausserhalb des Gettos.3

Bevoelkerungsstand:

83.302

Tagesnachrichten.

Mit Ruecksicht darauf, dass der Amtsleiter Biebow bereits in seinem neuen Kabinett amtiert und sich nun den groessten Teil des Tages am Baluter-Ring bzw. im Getto aufhaelt, hat der Praeses angeordnet, dass der Gehsteig am Baluter-Ring, von der Ecke Inselstrasse bis zur Dworska /Matrosenstrasse/ von 9-17 Uhr fuer den Passantenverkehr zu sperren ist. Die Hauptursache duerfte darin liegen, dass sich trotz aller Ermahnungen des Praeses der Strassenverkehr noch immer nicht vermindert hat und zuviel Leute diesen empfindlichen Teil des Gettos passieren. Der Fussgaengerverkehr wickelt sich demnach von der Hanseatenstrasse Ecke Inselstr. durch die Hoefe von der Inselstrasse in die Dworska ab.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Von denjenigen Personen, welche in Czarnieckiego zur Verfuegung der Gestapo bzw. der Getto-Verwaltung gehalten wurden, haben 304 Maenner, gesund und arbeitsfaehig, Dienstag, den 30. November 1943, das Getto verlassen, um ihre Arbeitsplaetze ausserhalb des Gettos zu beziehen.5

Auf Veranlassung des Praeses hat das Strickerei-Ressort /Lublinski/ fuer die ausreisenden Arbeiter 306 Wintergarniture7 ins Zentralgefaengnis geliefert. Jede Garnitur besteht aus: 1 Paar Ohrenschuetzer, 1 Pullover /Golf/, 1 Paar gestrickte Wollhandschuhe und 1 Paar warme Socken. Ausserdem erhielt jeder Mann 1 1/2 Laib Brot und 25 dkg Wurst auf den Weg.8

Approvisation.

Waehrend die Einfuhr von Kohlrueben unvermindert anhaelt, ist heute die Zufuhr von Kartoffeln wieder stark gesunken. Es kamen heute nur 96.000 kg Kartoffeln herein, hingegen 181.000 kg Kohlrueben und 18.000 kg sonstiges Gemuese. Fleischzufuhr befriedigend. Man kann also heute schon eine grosse Kohlruebenration als gesichert annehmen, umsomehr als weiter starke Kohlruebenzufuhren erwartet werden. Lediglich auf Kartoffeln werden keine allzu grossen Hoffnungen gesetzt.

Fleisch- und Wurst-Zuteilung:

Ab Mittwoch, den 1.12.1943, werden auf Coupon Nr. 10 der neuen Nahrungsmittelkarten

  • 200 g Fleisch

und ab Freitag, den 3.12.1943, auf Coupon Nr. 1 der neuen Nahrungsmittelkarten

  • 200 g Wurst herausgegeben.

Ressortnachrichten.

Amtsleiter Biebow im Holzbetrieb:

Heute besuchte der Amtsleiter den Holzbetrieb, Zimmerstrasse 12, anschliessend daran besuchte er den Juwelierbetrieb der Bank am Bleicherweg.

Das Kabinett des Amtsleiters:

Das Kabinett des Amtsleiters wird als eine erstklassige Arbeit der beteiligten Betriebe angesehen. Es ist in jeder Beziehung vorzueglich ausgestattet. An der Stirnwand befindet sich ein kunstvoll angelegter Orientierungsplan des Gettos mit allen Betrieben.

Bauplatten in Marysin:

Die Chausseearbeiten auf dem Gelaende in Marysin, wo die Bauplatten-Erzeugung aufgenommen werden soll, sind in vollem Gange. Merkwuerdigerweise steht es dabei noch gar nicht fest, wo eigentlich die Produktionswerkstaetten stehen werden. Auf dieser Chaussee laesst sich also eine Fahrt ins Blaue unternehmen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus, 1 Paratyphus, 4 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten.9

1

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: „den“ fehlt in der Kopfzeile; offenbar ein Versehen.

2

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: „zur Arbeit“ jeweils von Hand hinzugefügt.

3

Eine vom „Zentralgefängnis“ erstellte Namenliste der genannten 30 Arbeiter ist in den Beständen des „Meldebüros“ erhalten (APŁ, 278/995, Bl. 11). Laut Jakub Poznański wurden diese 30 Männer vom „Zentralgefängnis“ aus zur Arbeit auf Höfe geschickt, wo man evakuierte Personen aus Berlin und anderen Orten untergebracht hatte (Poznański 2002, S. 135).

4

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: Ursprünglich „40“; von Hand ersetzt.

5

HK: Letzter Absatz von Hand durch Umklammerung und Ausrufezeichen hervorgehoben. LKV/a**: Absatz seitlich von Hand durch Schlangenlinie markiert.

6

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: Ursprünglich „40“; von Hand ersetzt.

7

So in HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**

8

LKV/b**, JFK**: Am Rand des Absatzes von Hand ein Fragezeichen hinzugefügt.

9

Zum Monat November 1943 vgl. auch Oskar Rosenfelds Monatsübersicht „Das Gesicht des Monats November 1943“ (Supplemente, Bd. 5).