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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 31. August 1943 

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Tageschronik Nr.: 
227

Das Wetter:

Frueh 17 Grad, bewoelkt, zeitweise Regen. Mittag 27 Grad, die Sonne bricht zeitweise durch.

Sterbefaelle:

1

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Einweisungen:

14. Juli 1943 40 Maenner aus Andreshoff,
22. Juli 1943 5 Maenner aus Friedrichshagen,1
28. Juli 1943 1 Mann aus Andreshoff,
1. Aug. 1943 4 Maenner aus Litzmannstadt,2
7. Aug. 1943 39 Maenner aus Andreshoff,3
7. Aug. 1943 6 Maenner aus Friedrichshagen,4
16. Aug. 1943 1 Mann zur Verfuegung der Gestapo,
19. Aug. 1943 16 Maenner aus Waldhorst,5
31. Aug. 1943 11 Maenner aus Waldhorst,6
insgesamt 123 Maenner  

Bevoelkerungsstand:

84.140

Tagesnachrichten.

Waehrend der Vormittag noch absolut ruhig verlief, gab es um die Mittagsstunde schon begruendete Unruhe. Zunaechst wurden gegen Mittag eine Anzahl von alleinstehenden Maennern und Personen, die aus verschiedenen Arbeitslagern ausserhalb des Gettos in der letzten Zeit rueckgesiedelt wurden, vom Ordnungs-Dienst sichergestellt. Es verbreitete sich sofort das Geruecht, dass wieder eine grosse Anzahl von Maennern zur Arbeit ausserhalb des Gettos angefordert wurden. Alle in Frage kommenden Personen wurden ins Zentral-Gefaengnis eingeliefert. Andererseits wurden wieder die aus den Arbeitslagern Zurueckgekehrten aus dem Zentral-Gefaengnis entlassen. In den Abendstunden steigerte sich die Unruhe im Getto rapid. Es verlautete, dass nicht nur Leute aus dem Zentral-Gefaengnis ausgesiedelt werden sollen, sondern auch Kranke aus den Spitaelern an der Dworska und Mickiewicza. Es hiess, dass aus ersterem Spital unheilbare Patienten weggeschafft werden sollen. Man sieht, dass die Sensibilitaet des Gettos unfehlbar ist. Es wittert Unheil aus der Luft.

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung.

Kartoffelabnahme bis 1. September:

Die Abnahme der letzten 6 kg Kartoffelration wurde auf den 1. September begrenzt. Wie immer in solchen Faellen glaubt das Getto, daraus den Schluss ziehen zu koennen, dass die Abnahme der Ration beschleunigt wurde, um fuer weitere Rationen Platz zu schaffen. Leider ist das ein Trugschluss. Die Gemueseabteilung hat ein lebhaftes Interesse daran, dass die Kartoffeln raschest in die Haende der Konsumenten gelangen. Natuerlich liegt dieses Interesse auch auf Seiten der Konsumenten. Nun aber hat die Sache einen Haken. Die letzt ausgegebenen Kartoffeln sind nicht von erster Guete. Sie waren bereits einmal eingelagert, kamen also nicht direkt von den Produktionsstaetten. Da diese Kartoffeln eine solche Manipulation bereits mitgemacht haben, sind sie zum groessten Teil beschaedigt und wie man weiss, faulen beschaedigte Kartoffeln sehr rasch. Ausserdem greifen die faulenden Kartoffeln die gesunden an. Begreiflicherweise kann nun auf den Gemueseplaetzen eine Sortierung nicht durchgefuehrt werden und so verstehen wir das Interesse der Gemueseabteilung, die Kartoffeln moeglichst schnell zum Konsumenten zu bringen. Der Konsument aber sagt sich: „Was brauch ich schlechte Ware zu nehmen, wenn doch in den naechsten Tagen gesunde Kartoffel kommen. Mein Anspruch geht ja nicht verloren, ich warte also lieber auf die naechsten Zufuhren.“ Inzwischen aber wuerden doch die Kartoffeln auf den Gemueseplaetzen zur Gaenze verderben. Der Gemueseabteilung bleibt also nichts anderes uebrig, als die Gueltigkeitsdauer der Assignaten fuer einen kurzen Termin auszustellen, bzw. nachtraeglich zu dekretieren. Obige Ausfuehrungen widerlegen ein fuer alle mal die Legende, die sich an die Tatsache knuepft, dass die Kartoffelabnahme auf kurze Frist festgesetzt wird.

Reorganisation:

Die Leiter der Approvisations-Abteilung, die Herren Szcześliwy und Reingold, haben heute die Brotverteilungsstellen besichtigt und die Moeglichkeiten einer Verlegung in die Kolonialwaren-Verteilungsstellen studiert. Wie wir bereits gemeldet haben,7 war die Verlegung der Brotverteilungsstellen in die Milchlaeden geplant.

In den letzten Tagen wurde das Personal der sogenannten Milchlaeden um etwa 50% reduziert.

Heute Beirat-Zuteilung:

B.L.Ph.
  • 150 g Honig
  • 200 g Zucker br.
  • 150 g Erbsen
  • 100 g Butter p
  • 2 kg Kartoffeln
  • Mk. 3.30
  • 100 St Zigaretten
  • pro Familie Mk. 15.-
B I, B II.
  • 150 g Honig
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 100 g Butter t
  • 3 kg Kartoffeln
  • 125 g Kaese
  • 200 g Rindswurst
  • Mk. 6.-
B III.
  • 150 g Honig
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 100 g Oel
  • 3 kg Kartoffeln
  • 200 g Rindswurst
  • Mk. 5.30
C.P.
  • 150 g Honig
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 100 g Oel
  • 4 kg Kartoff.
  • 200 g Rindswurst
  • Mk. 5.80
Faekalisten
  • 150 g Honig
  • 200 g Zucker
  • 300 g Erbsen
  • 100 g Butter t
  • 4 kg Kartoffeln
  • 2 kg Kohle
  • 200 g Rindswurst
  • 40 St Zigaretten
  • Mk. 10.80

Waren-Eingang

vom 30. August 1943.

1./ Lebensmittel: 41.570 kg Kartoffeln, 5606 kg Kohlrabi, 5630 kg Weisskohl, 7084 kg Rettich, 1950 kg Petersilie, 24.000 kg Roggenmehl, 6664 kg Senf, 988 kg Butter /Landbutter 588 kg, Schmelzbutter 400 kg/, 1575 kg Rossfleisch, 305 kg Rindfleisch.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 1 Schleifmaschine, 1 Schweisstaster8, 29.900 kg Gasstaubkohle, 50.000 St Kroat. Zigaretten, 70 Gluehlampen, 320 Gr. Kartons.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

11 Bauchtyphus.

Die Todesursache des heutigen Sterbefalles:

Sepsis typhona9.

Waren-Eingang

vom 31. August 1943.

1./ Lebensmittel: 395 kg Schmelzkaese, 85.750 kg Kartoffeln, 1990 kg Kohlrabi, 3090 kg Weisskohl, 3060 kg Speiseoel, 1650 kg Salattunke, 1220 kg Rossfleisch.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 8990 kg Gasstaubkohle, 14.300 kg Stueckkalk10, 221 m Bandsaegen.11

1

Friedrichshagen war der damalige deutsche Name des Stadtteils Widzew im Osten von Łódź.

2

Bei den vier Männern, die aus Litzmannstadt eingewiesen wurden, handelt es sich vermutlich um Bruno Olesinski (geb. 1890), Jakub Mrozek (geb. 1886), Leopold Mozelsio (geb. 1910) und Izrael Mozelsio (geb. 1885), die schon am 30. Juli 1943 aus Litzmannstadt in das Getto gebracht wurden (APŁ, 278/995, Bl. 52: Rumkowski an Meldebüro, 31.7.1943).

3

Eine Namenliste der aus Andreshof (Andrzejow) kommenden Männer ist in den Akten des „Meldebüros“ erhalten (APŁ, 278/995, Bl. 64f.).

4

Bei den sechs aus Friedrichshagen eingewiesenen Männern handelt es sich um Jakób Berkowicz (geb. 1900), Szyja Krymalowski (geb. 1909) und Jakób Piła (geb. 1917), die ursprünglich aus Zełow stammten, sowie Henoch Joskowicz (geb. 1924), Aron Lewkowicz (geb. 1920) und Sucher Przedborski (geb. 1903) aus Bełchatow (APŁ, 278/995, Bl. 66).

5

Eine Namenliste der 16 am 19. August 1943 eingewiesenen Männer liegt in den Akten des „Meldebüros“ vor. Die Eingesiedelten wurden am 20. August 1943 aus dem „Zentralgefängnis“ entlassen (APŁ, 278/995, Bl. 61).

6

Eine Namenliste der am 31. August 1943 eingewiesenen Männer liegt in den Akten des „Meldebüros“ vor (APŁ, 278/995, Bl. 59).

7

Vgl. den Eintrag „Neue Brotverteilungsstellen“ in der Tageschronik vom 18. August 1943.

8

Schweißtaster: Schweißzange zum Punktschweißen; mitunter sind mit diesem Ausdruck auch nur die (meist aus Kohle gefertigten) Spitzen der Zange gemeint.

9

„Sepsis typhona“: Offenbar meinen die Chronisten hier „Sepsis typhosa“ – eine durch Typhusbakterien (Salmonella typhi) ausgelöste Sepsis. Mit Sepsis (Blutvergiftung) wird eine krankhafte und fatale Reaktionsweise des Organismus auf eine unkontrollierbare Infektion bezeichnet, die darauf beruht, dass sich Krankheitserreger aus einem örtlichen, infektiösen Fokus (z.B. einer Wunde) durch den Blutkreislauf auf den ganzen Körper ausbreiten.

10

Stückkalk ist die gängige Bezeichnung für „gebrannten Kalk“ bzw. Branntkalk. Aus „gebranntem Kalk“ lässt sich leicht „gelöschter Kalk“ herstellen, der von alters her durch Beimischung von Sand zur Herstellung von Mörtel, zum Binden von Pigmenten in Farben oder als Anstrich beim Weißtünchen eingesetzt wird. Ferner findet Kalk u.a. als Düngemittel, bei der Gewinnung von Metallen und in der Glasfabrikation Verwendung.

11

Zum Monat August 1943 vgl. auch Oskar Rosenfelds Monatsübersicht „Die Getto-Ereignisse August 1943“ (Supplemente, Bd. 5).