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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 4. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
95

Das Wetter:

Tagesmittel 2-12 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

6 /4 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.656

Brand:

Am 3.4.44 wurde die Feuerwehr um 17 Uhr 40 Min. nach der Inselstr. 32, wo in einer Wohnung auf dem II. Stockwerke ein Fussbodenbrand entstand, alarmiert. Das Feuer konnte rasch mit einer Kübelspritze gelöscht werden.

Tagesnachrichten.

Darlehenskassa:

Die im Liquidierungszustande befindliche Darlehenskassa wird in der allernächsten Zeit ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Die Arbeitsstunden sind für die Zeit von 5 Uhr ab, nach Schliessung der Ressorts und Abteilungen, festgesetzt und werden in diesem Falle täglich von 5-10 Uhr abends dauern. Es werden nach wie vor, in der Art wie bisher, Darlehen ausgegeben werden. Der Leiter der Abteilung, Dr. Jozef Klementenowski, dürfte eine neue Aufgabe erhalten u.zw. soll er die Leitung des Büros für Zusatzkarten übernehmen.

Die Sonder-Zuteilungen:

Es steht nunmehr fest, wer was zu Pessach vom Präses an Talons zugeteilt erhält. Die Listen sind zum grössten Teil fertig, vom Präses durchgesehen und genehmigt und dem R-Laden bereits übergeben.

Weitere Listen sind in Arbeit. Die Kategorien sind:

I./ Für die adoptierten Kinder: 20 dkg Erbsen, 15 dkg Mazzemehl, 15 dkg Schmalz, 20 dkg Marmelade, 10 dkg Zucker, 1/2 kg Mazzot, 10 dkg Käse, 15 dkg Sauerkraut, 25 dkg Fleisch.

II./ Für die Chassidim: 20 dkg Erbsen, 20 dkg Zucker, 25 dkg Sago, 10 dkg Kartoffelgraupen, 10 dkg Margarine, 1 kg Mazzot, 1 kg Rote Rüben, 25 dkg Zwiebeln, 1/4 l Wein, 10 dkg Mazzemehl.1

III./ Für die Polizei: 10 dkg Erbsen, 10 dkg Zucker, 10 dkg Sago, 10 dkg Mazzemehl, 5 dkg Kartoffelgraupen, 50 dkg Mazzot, 1/2 kg Kartoffeln, 1/2 kg Rote Rüben, 10 dkg Margarine.

IV./ Für die ehemaligen B-Talon-Inhaber: 20 dkg Erbsen, 15 dkg Zucker, 10 dkg Margarine, 15 dkg Marmelade, 20 dkg Käse, 10 dkg Mazzemehl, 25 dkg Zwiebeln, 1 kg Kartoffeln, 1 kg Rote Rüben, 1 Dose S-Fleischkonserve.

V./ Für B I2:10 dkg Erbsen, 10 dkg Mazzemehl, 10 dkg Margarine, 10 dkg Marmelade, 10 dkg Zucker, 10 dkg Käse, 1 kg Kartoffeln, 1/2 Dose S-Fleischkonserve.

Teilabtrennung vom Getto:

Der Aelteste hat von der deutschen Behörde den Auftrag erhalten, den Teil des Gettos von der Holzstrasse bis Am Bach niederzureissen. Es ist ein böser Schlag für das Getto, denn in diesem Gettoteil werden an die 2000 Wohnungsinhaber betroffen, für die nun im übrigen Teil des Gettos Wohnungen aufgetrieben werden müssen.3 Es heisst, dass der Präses für diese Arbeiten eine Kolonne von 500 Menschen aufbringen muss. Besonders in beiden Strassen, Holzstrasse und Am Bach, gibt es eine Reihe Objekte, die in ausgezeichnetem Zustande sind und wo eine grosse Anzahl bevorzugter Personen /hauptsächlich Aerzte/ wohnen. Man hofft, dass der Abbruch in einem gemässigten Tempo vor sich gehen wird, um die Umsiedlung der betroffenen Personen in verhältnismässiger Ruhe durchführen zu können. Jedenfalls trübt schon diese Nachricht gar zu sehr die Feiertagsstimmung, vor allem der Personen, die wenigstens diesmal auf eine Sonderzuteilung seitens des Präses hoffen dürfen.

Approvisation.

Nach wie vor geringfügiger Einlauf, 1 Rollwagen Kartoffeln mit 1460 kg, ein paar Fass Sauerkraut und konservierte Rote Beete und wieder ca 3600 kg Fruchtfüllstoff, sonst nichts. An Fleisch ca 2.000 kg.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 12 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 8 Lungentuberkulose, 7 Herzkrankheiten, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Totgeburt.

1

Die Chassidim (hebr. ‚Fromme‘) sind Anhänger des Chassidismus, der größten und wichtigsten jüdisch-orthodoxen Bewegung der Neuzeit, die von Rabbi Israel Baal Schem Tow im 18. Jahrhundert ausging. Die Anhängerschaft der verschiedenen chassidischen Gruppierungen, die besonders in Osteuropa Verbreitung fanden, belief sich auf einige Millionen Menschen. Im Zentrum des Interesses stehen weniger das Studium und der intellektuelle Aspekt der Religion, sondern vielmehr die Fröhlichkeit beim Gottesdienst, das Tanzen und Singen, wodurch man in die mystische Welt zu Gott vordringt. Dadurch kann jeder Gläubige in eine enge Beziehung zu Gott treten, welche vorher allein der gebildeten Elite durch das Studium der Schriften vorbehalten war. Vgl. RGG 1998-2005, Bd. 2 (1999), S. 123-125.

2

HK, JFK*: „Für B I“ am Seitenrand von Hand hinzugefügt.

3

Am 29. März 1944 hatten der Polizeipräsident, der Regierungspräsident sowie der Leiter der <a href="/de/institut/geheime-staatspolizei-gestapo">Gestapo</a> das Getto besucht und daraufhin den südwestlichen Teil des Gettos zur Abtrennung und die Häuser in diesem Gebiet zum Abbruch bestimmt. Allerdings erging das entsprechende Schreiben des Polizeipräsidenten erst am 6. April 1944 an die Gettoverwaltung (APŁ, GV 31306, Bl. 22). Bei dieser Verkleinerung ging es v.a. um die Gewinnung von Rohmaterial. So ermahnt Biebow am 22. April 1944 Rumkowski, „daß Sie die Abbrüche in diesem Gebiet mit aller Gewalt voranzutreiben haben, da erstens die Freilegung dieses Stückes aus besonderen Gründen sehr vordringlich ist und zweitens das gewonnene Altmaterial notwendig in der Stadt für Luftschutzmaßnahmen erforderlich ist“ (ebd., Bl. 6). Zur Entwicklung der Abtrennungspläne in der Folgezeit vgl. den Eintrag „Abtrennung von weiteren Gettoteilen“ in der Tageschronik vom 22. Juni 1944.