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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 4. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
185

Das Wetter:

Tagesmittel 28-34 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

25,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Diebstahl: 2,

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:1

Mord:

Am 3.7.1944 wurde die Leiche des ermordeten Frydman Szmul Lajb, geb. 1.4.1900, wohnhaft Basarg. 9, in einem Brunnenschacht bei der Zimmerstrasse 33 aufgefunden. Die Staatl. Kriminalpolizei wurde benachrichtigt. Die Nachforschungen sind im Gange.

Tagesnachrichten.

Trauungen:

Am heutigen Tage nahm der Präses 19 Trauungen vor. Der Zweck dieser aussertourlichen2 Trauungen war wohl der, gewisse Personen, durch die Heirat mit absolut geschützten Personen, vor der Aussiedlung zu bewahren.

Sitzung beim Präses:

Der Präses hielt heute von 5-8 Uhr abends eine Besprechung mit allen Leitern ab.

Die Sitzung fand in der Halle der Metallabteilung I, Hanseatenstr. 63, statt. Das Resultat sind neuerliche Listen, da sich die Situation von Tag zu Tag verschärft. Bisher hat der Präses von Razzien bei Nacht und bei Tag Abstand genommen, weil das Kontingent doch noch einigermassen ohne besonderen Zwang zustande gekommen ist. Jetzt aber wird die Lage immer angestrengter.

Unterredungen mit deutschen Stellen

/ Gestapo/ zeigen, dass diese Stellen die Lage im Getto durchaus nicht verstehen. Die deutsche Behörde versteht einfach nicht, wie es möglich ist, dass jemand auf die Aufforderung, sich zur Ausreise zu stellen, nicht erscheine. In der Stadt sei soetwas ausgeschlossen. Schon die blosse Verspätung ziehe harte Strafen nach sich. An sich würden auch die Juden den3 deutschen Gestellungsbefehl sofort entsprechen, aber der Unterschied ist ein sehr grosser. In der Stadt wussten und wissen die Menschen, die zur Arbeit ausserhalb ihres Wohnortes anzutreten hätten, dass es tatsächlich auf Arbeit geht und wohin.

Das Getto jedoch glaubt, andere Erfahrungen zu haben, obwohl keine Beweise vorliegen. Das Bild der Septembersperre schwebt jedem vor und die Angst vor der Behandlung ausserhalb des Gettos treibt die Menschen zu den verzweifelnsten4 Versuchen, sich vor der Aussiedlung zu bewahren.

Die jüdische Polizei hat für diese Lage volles Verständnis, wenn sie auch gezwungen ist, den Auftrag der deutschen Behörde durchzuführen, so weiss sie doch die Lage der Betroffenen einzuschätzen.5

Approvisation.

Noch immer keine Spur von Besserung. Heute liefen 15,500 kg Kohlrabi ein, sonst keinerlei Gemüse, keine Kartoffeln, buchstäblich nichts.

Etwas mehr Fleisch kam heute u.zw. alles zusammen 3,350 kg.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

14 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. anderer Organe, 1 Lungenentzündung, 6 Herzkrankheiten, 2 Dickdarmkatarrh.

1

HK, LK**, JK**, JFK*: Keine Angabe.

2

aussertourlich ‚außerhalb der Reihenfolge, zusätzlich‘; zu frz. tour; österr.

3

So in HK, LK**, JK**, JFK*.

4

So in HK, LK**, JK**, JFK*.

5

In einem Tagebucheintrag vom 4. Juli 1944 berichtet Jakub Hiller aber auch von Übergriffen jüdischer Polizisten: Eine Gettobewohnerin sei zu ihm gekommen und habe berichtet, dass jüdische Polizisten jungen Mädchen, die im „Zentralgefängnis“ auf ihre Deportation warteten, versprochen hätten, sie zu befreien, sie aber statt dessen vergewaltigt hätten (AŻIH, 302/10, Bl. 16).