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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 5. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
262
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Das Wetter:

Tagesmittel 14-27 Grad, sonnig, warm.

Sterbefaelle:

4

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 5

Bevoelkerungsstand:

83.658

Tagesnachrichten.

Der Praeses erliess heute mit Bekanntmachung Nr. 400 genaue Vorschriften zum Brandschutz im Getto sowie zum Strassenverkehr beim Herannahen der Feuerwehr /Siehe Sammlung der Bekanntmachungen/.1

Luftschutz im Getto:

In der letzten Zeit tauchen immer wieder neue Geruechte ueber bevorstehende Luftschutzvorkehrungen fuer die Bevoelkerung auf. Neuerdings ist das Projekt Marysin aktuell, es sollen jedoch auch im Innern des Gettos Luftschutzraeume errichtet werden. Der Praeses hat die Vermessung des Areals an der Ecke Drukarska-Putziger angeordnet, dort sollen Luftschutzraeume oder Laufgraeben gebaut werden.

Besondere Fleischzuteilung:

Wie wir bereits gemeldet haben,2 hat der Praeses die Sonderzuteilungen von Knochen und Adern und fallweise Fleisch sistiert. Nunmehr wurde eine neue Liste aufgestellt, und die Mehrzahl der bisher Beguenstigten bekommen weiter diese Zuteilungen.3 Die Zuteilungen an Leiter wurden um 50% reduziert. Insgesamt erhalten augenblicklich 411 Personen laufend Zuteilungen, entweder woechentlich oder 2 woechentlich.

Zuteilung von Buechsenfleisch:

Aus Anlass der Rosch-Haschanah-Feiertage hat der Praeses saemtlichen Leitern je 1 Dose Buechsenfleisch zugeteilt.

Approvisation.

Die Kartoffelzufuhren haben sich auch wieder gebessert. Das Getto erhaelt auch laufend weitere Kuerbiszufuhren.

Die Bevoelkerung ist in Erwartung der neuen Ration, die anlaesslich des kommenden Jom-Kippur4 diesmal um einen oder zwei Tage frueher herauskommen duerfte. Hoffnungen auf eine wesentliche Verbesserung duerften enttaeuscht werden. Lediglich eine bessere Kartoffelration ist zu erwarten.

Ressortnachrichten.

Tapezierer feiern 3 Jahre:

Am vergangenen Sonntag, den 3.10., feierten die Tapezierer das dreijaehrige Bestandsjubilaeum des Ressorts. In einem der Arbeitssaele versammelte sich die ganze Belegschaft sowie die inzwischen ausgeschiedenen und in anderen Ressorts beschaeftigten ehemaligen Mitglieder der Belegschaft. Offizielle Persoenlichkeiten waren nicht geladen. Mehrere Redner ruehmten mit herzlichen Worten die Verdienste ihres Leiters Max Farber, dem die Arbeiter insbesondere fuer die erprobte Fuersorglichkeit und Anhaenglichkeit mit aufrichtigen Worten dankten. Ein Abendessen, das die Belegschaft aus eigenen Mitteln aufbrachte, vereinigte die Angehoerigen des Ressorts mehrere Stunden in gemuetlichem Beisammensein.

Strohschuhe:

Wir haben oefter bemerkt,5 dass die Lager des Strohschuh-Ressorts mit Fertigware ueberfuellt sind. Nunmehr kann man beobachten, dass seit Samstag, den 2. ds., die fertigen Strohschuhe aus dem Getto abtransportiert werden. Da ca 180.000 Paar vorliegen, duerfte der Abtransport noch einige Tage dauern.

Maschinenhalle im Metall-Ressort I:

Die grosse Maschinenhalle fuer das Metall-Ressort I an der Hanseatenstrasse 63 geht nun im raschen Tempo ihrer Vollendung entgegen. Da fuer die Maurerarbeiten nicht genuegend juedische Fachleute aufzutreiben waren, zog die Getto-Verwaltung fuer diesen Zweck einige polnische Maurer heran.6

Finanzwesen.

Zigarettenpreise gestiegen:

Der Praeses ordnete fuer die von seinem Monopol ausgegebenen belgischen Zigarettensorten eine Preiserhoehung von 5 Pfennig je Stueck an. Diese Massnahme hat lediglich fiskalischen Charakter, da die Hauptkassa andauernd unter einer empfindlichen Bargeldknappheit leidet.

Diese Knappheit aeussert sich nicht nur in einer unregelmaessigen und schleppenden Auszahlung der Loehne und etatmaessigen Gehaelter, sondern auch in der Auszahlung von Geldunterstuetzungen.

Das Sekretariat Wołkowna hat Betraege, die anfangs September angewiesen wurden, noch immer nicht zur Gaenze auszahlen koennen, da auch die Post-Abteilung nicht ueber die erforderlichen Barmittel verfuegt.

Sanitaetswesen.

Medikamente und Injektionen:

Vorige Woche kamen grosse Mengen von Medikamenten und Injektionen herein. Darunter befand sich auch ein Posten Calcium-Injektionen, die, angesichts der im Getto grassierenden Tuberkulose, am meisten benoetigt wird.7Natuerlich sind diese Injektionen sofort vergriffen. Leider kann der Bedarf an diesen Medikamenten auch nicht annaehernd gedeckt werden. Die Aerzte verschreiben zumeist eine Serie von 10 Injektionen, der Patient jedoch kann unter Schwierigkeiten hoechstens 2 erhalten. Begreiflicherweise stieg der Preis fuer solche Injektionen, soweit sie unter der Hand zu haben sind. Waehrend noch vor einem halben Jahre Calcium-Injektionen 7 Mk das Stueck kosteten, vor 1 Monat noch etwa 18 Mk, verlangt man heute bereits 24 Mk fuer eine einzige Injektion.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

10 Bauchtyphus, 2 Fleckfieber, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten.

1

Sammlungen von Bekanntmachungen des Judenältesten werden im Staatsarchiv Łódź (APŁ, 278/163-172) und im YIVO-Institut New York (YIVO, RG 241/579-709) aufbewahrt. Zur genannten Bekanntmachung vgl. APŁ, 278/169, Bl. 223: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 400, 1.10.1943.

2

Vgl. den Eintrag „Die Zuteilung von Knochen und Adern eingestellt“ in der Tageschronik vom 30. August 1943.

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

Der Versöhnungstag Jom Kippur wird mit Gebet und Fasten begangen und ist der höchste Feiertag im jüdischen Ritus, der zur völligen Reinigung von Sünden und Verfehlungen dient. Sowohl die Aussöhnung mit den Mitmenschen als auch die Umkehr zu Gott und seinen Geboten ist Ziel dieses Festtages. Vgl. de Vries 2003 S. 80-103; Schoeps 2000, S. 407f. und 711f.

5

Vgl. etwa den Eintrag „Beratungen beim Praeses“ in der Tageschronik vom 11. Juli 1943.

6

Mit dem Hinweis auf die Beschäftigung polnischer Maurer wird einmal mehr deutlich, dass es im Getto Litzmannstadt durchaus zu Kontakten zwischen jüdischer und polnischer Bevölkerung kommen konnte.

7

So in HK, LK*, JFK*.