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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 6. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
157

Das Wetter:

Tagesmittel 20-32 Grad, in den Nachmittagstunden heftiger Regen.

Sterbefälle:

17 /12 M., 5 Fr./,

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Einweisung:

1 Frau aus Kalisch

Bevölkerungsstand:

76.638

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Im Zentral-Gefängnis traf heute eine dreigliedrige Kommission, unter Führung des Gestapo-Kommissars Müller, ein, der zu den dort bereitstehenden Reservemannschaften, die für die Arbeiten ausserhalb des Gettos in Frage kommen, einige Worte sprach: Kommissar Müller führte aus, dass diese Gruppe beim Torfstechen eingesetzt wird, dass sie jedoch wesentlich besser als im Getto verpflegt sein werden und dass sie einmal im Monat an die nächsten Blutsverwandten schreiben können.1 Er betonte, dass möglichst wenig Handgepäck mitgenommen werden soll, da die Unterkunftsräume recht beschränkt seien. Nach Beendigung dieser Saisonarbeit würden die Arbeiter wieder ins Getto zurückkehren. Wer sich zwischenzeitig bei dieser Arbeit nicht bewähren sollte, kommt zur Verfügung der Gestapo ins Zentral-Gefängnis des Gettos zurück.

Die erforderliche Anzahl ist hauptsächlich durch freiwillige Meldungen gedeckt. Der Tag der Ausreise ist nicht bekannt.

Im Getto herrscht heute allgemein Nervosität. Dies hängt wohl mit verschiedenen Nachrichten zusammen, die durch die Drähte ins Getto dringen.2

Suppen-Streiks:

Die im Getto leider häufigen Suppenstreiks reissen nicht ab. Es gab gestern einen solchen Streik im Metall II und heute in der Trikotagen-Abteilung / Zbar/. Der Präses traf sofort ein und mit der Uhr in der Hand befahl er den jugendlichen Streikenden, innerhalb 5 Minuten die Suppen abzunehmen. Vor Ablauf dieser 5 Minuten waren die Suppen in den Töpfen. In Räumen, die der Präses noch nicht betreten hatte, hat die blosse Tatsache, dass der Präses im Ressort ist, schon gewirkt, alles lief nach der Suppe. Der Präses ist sich allerdings im klaren darüber, dass er zwar jedesmal bei persönlichem Auftreten einen solchen Streik ersticken könne, dass aber damit das Problem an sich keinesfalls gelöst ist. Er griff diesmal zu einer ziemlich drakonischen Massnahme und liess einige Rädelsführer, insgesamt 16 junge Leute, ins Zentral-Gefängnis einliefern, wobei er überdies, für den Fall einer Wiederholung, den Angehörigen dieser jungen Leute mit der Blockierung der Lebensmittelkarten drohte.

Man sollte meinen, dass diese Jugendlichen unter einer einheitlich unterirdischen Leitung stünden, dass die sogenannten „Roten“, eine legendäre Partei im Getto,3 alles dirigiere. Das ist aber unrichtig. Die Streiks sind wild. Es gibt nur innerhalb der Ressorts und von Ressort zu Ressort Solidaritäts-Demonstrationen. Der Präses muss unter allen Umständen für Ruhe und Ordnung im Getto sorgen und mitunter zu scharfen Massnahmen greifen, denn er haftet nicht nur mit seiner Person für die Aufrechterhaltung der Ordnung, sondern er haftet auch der jüdischen Bevölkerung dafür, dass durch solche Demonstrationen nicht durch das Eingreifen der deutschen Behörden Krisen hervorgerufen werden. Er kann keine Politik machen, er muss Ruhe schaffen und das um jeden Preis.

Approvisation.

Der heutige Tag brachte 9.660 kg Kartoffeln, 3730 kg Salat /zum ersten Mal in dieser Saison/, 10.370 kg Radieschen, 9.150 kg Mairettich und schliesslich ca 10.000 kg konserv. Rote Beete. Man sieht, dass sich4 die Belieferung mit Frischgemüse, soweit es sich um grobe Sorten handelt, bessert. An Fleisch erhielt das Getto heute 2.260 kg. Sonst kamen Erbsen, Suppenpulver, Salz und nach längerer Zeit wieder 75 kg Hefe.

An die Ressorts und Abteilungen wurde folgende Bekanntmachung über Auftrag des Präses versendet:

Zur Beachtung!

Bei Abnahme der nächsten Lebensmittelzuteilung Nr. 4 im Laden, Steinmetzgasse 10, muss jeder Abnehmer ein Gefäss für 1/4 Ltr. Inhalt mitbringen.

Litzmannstadt-Getto, den 6.6.1944.5

Was bei der nächsten Lebensmittelzuteilung ausgegeben wird, ist vorläufig unbekannt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

12 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Lungenentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Embolie.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Die Nachricht von der Landung der Alliierten in der Normandie, die an diesem Tag erfolgte („D-Day“), verbreitete sich auch im Getto rasch. Quelle für diese Nachrichten waren illegal abgehörte Radiosendungen.
Ein unbekannter Autor schreibt zwischen dem 6. und 9. Juni 1944 in sein Tagebuch: „Heute kam die Nachricht von ... ins Getto. Wer weiß?“ Am 7. Juni 1944: „Es stimmt, es ist bestätigt, aber werden wir überleben, ist es möglich, aus solch unvorstellbarer Tiefe, solch bodenlosem Abgrund emporzusteigen?“ Am 9. Juni 1944: „Wir haben keine Ahnung, was vor sich geht, nur Raunen und Gerüchte. [...] Die Gerüchte über die Eroberung, die am [6.] 6/1944 begonnen hat, haben sich bewahrheitet. Wir haben keine Kraft mehr, zu erwarten und zu warten oder zu hoffen, weil sich kein Mensch eine solche Möglichkeit ausmalen kann, die Möglichkeit einer Befreiung und Erleichterung für uns. Die Begebenheiten? ... Mir fehlen die Worte, unsere Lage zu beschreiben. Ist es möglich? Kann es sein? Wird die Sache wirklich werden? Werden wir zu Menschen werden? Werden sie uns nicht töten, wie sie all unsere Verwandten und Bekannten getötet haben. Werden sie uns nicht im letzten Moment vernichten? Gebe Gott, daß dies sein wird, und glücklich ist, der daran glaubt!“ (Loewy/Bodek 1997, S. 41f.).
Ben Abraham schreibt in seinen Erinnerungen: „We longed for the end of the war. The Soviet army was advancing more and more. We were following the developments and were very happy to learn on the sixth of June that Normandy had been invaded. The news arrived in the ghetto through people who had some contact with Germans and Poles“ (Abraham 1996, S. 68). – Auch Yankl Nirenberg berichtet über Nachrichten, die das Getto erreichen: „On June 6, 1944, there was a celebration in the ghetto. In the early morning, as the workers were on their way to work, we knew that the long awaited invasion had begun. The news descended on us like an avalanche. People kissed one another in the streets and at work. We sat at the machines but did not work. Instead we talked among ourselves, trying to figure out how long the war would last. The main question was whether we would be liberated. Would the Germans liberate us if they were defeated? Every few hours new communications arrived. Morale was high. There was a small flame, a glimmer of hope“ (Nirenberg 2003, S. 81). Vgl. auch Biderman 1995, S. 163.

3

Mit den „Roten“ ist die „Antifaschistische Organisation – Linke Verbindung“ gemeint, die immer wieder Protestaktionen gegen die Politik von Rumkowski und Sabotageakte in den „Ressorts“ organisierte. Vor allem seit dem Frühjahr 1943 gewann diese Verbindung an Mitgliedern und Einfluss. Vgl. Löw 2006a, S. 132f. und 328-333.

4

HK, LK**, JFK**: „sich“ von Hand hinzugefügt.

5

Der Wortlaut der Bekanntmachung wird vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/165, Bl. 472, 6.6.1944.