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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 7. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
325
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Das Wetter:

Frueh 1 Grad unter 0, mittags 2 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

9

Geburten:

1 /weiblich/

Festnahmen:

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

83.259

Tagesnachrichten.

Heute abend um 17 Uhr 50 fand die angekündigte Versammlung im ehemaligen Kulturhause statt, in welcher der Amtsleiter Biebow die Ansprache hielt. Vom Zentralbüro der Arbeitsressorts ergingen die Einladungen an die Ressortleiter, an einzelne Instruktoren, ferner an die Leiter der Abteilungen. Zirka vierhundert Personen waren versammelt, um die Rede des Amtsleiters zu hören.

Zunächst erschien der Vertreter der Kriminalpolizei, Herr Aurbach, bei dessen Eintreten sich die Anwesenden von ihren Sitzen erhoben. Der Vorstand des O.D., Rozenblat, nahm Herrn Aurbach in Empfang und geleitete ihn zu seinem Platz in der ersten Reihe.

Sodann erschien Amtsleiter Biebow mit seinem Stabe und zwar den Herren Ribbe, Meyer und Seifert. Diese Herren betreten die Bühne des Kulturhauses durch die Bühnentüre. Sofort bei Betreten der Bühne fordert der Amtsleiter den anwesenden Kripovertreter auf, auf der Bühne platzzunehmen und beginnt dann sofort mit seinen Ausführungen. Er sprach etwa eineinhalb Stunden.

Bei aller Schärfe seiner Ausführungen war der Grundton wohlwollend. Der Amtsleiter anerkannte die Verdienste des Aeltesten der Juden, Chaim Rumkowski, lobte einzelne Betriebe, umgrenzte die Kompetenzen des Aeltesten, des Leiters des Zentralbüros des Arbeitsressorts, Jakubowicz, sowie des Leiters der Sonderabteilung, Kliger. In buntem Durcheinander, so wie das Getto nun einmal ist,1 rügte er gewisse Misstände und lobte, was seiner Ansicht nach lobenswert ist. Sodann kam er auf das Hauptthema seiner Rede u.zw. auf die Neuregelung der Verpflegung zu sprechen.

Nach einer ziemlich plastischen Schilderung der Schwierigkeiten bei der Lebensmittelbeschaffung entwarf er seinen neuen Plan: die Arbeiter, die mindestens 55 Stunden ohne Unterbrechung2 arbeiten, werden als Langarbeiter bevorzugt und erhalten auf ihren Arbeitskarten das Kennzeichen „L“. Damit, so führte der Amtsleiter aus, habe er dann denen im Getto den Kampf angesagt, die die Rolle der Drohnen spielen. In Hinkunft würden nur die wirklich Schaffenden auch im Genusse einer besseren Verpflegung stehen. Er gab den Leitern strenge Weisungen bezüglich der Ausstellung der „L“-Arbeiter-Listen und drohte für einen Missbrauch mit Todesstrafe. Schliesslich bemerkte er, dass, wenn auch das Talonsystem endgültig liquidiert ist, dennoch drei Stellen zur Ausgabe von Talons berechtigt sein werden: 1. der Aelteste der Juden, 2. Jakubowicz mit Dr. Miller und 3. Kliger, der Leiter der Sonderabteilung. Er verlas seine Kundmachung vom 7.XI.43 und wiederholte, dass er zur Durchführung aller Ernährungsprobleme das Kollegium: Kliger, Dr. Miller und Reingold ernannt habe.

Da der Amtsleiter eine genaue stenographische Aufnahme seiner Rede verboten hatte, liegt eine wortgetreue Wiedergabe nicht vor. Eine gedächtnismässige Rekonstruktion des anwesenden Vertreters des Archivs liegt dem heutigen Tagesberichte bei.

Die Rede des Amtsleiters dürfte wohl das Tagesgespräch der nächsten Zeit sein und die Betriebsleiter werden alle Ursache haben, sich mit den von ihm ausgegebenen strengen Weisungen und Kritiken intensiv zu befassen.

Im allgemeinen kann gesagt werden, dass der Amtsleiter vor allem die Position des Präses gefestigt hat, worauf man, nach den Ereignissen vom 7. November zu schliessen, kaum noch gefasst war. Peinlich waren seine Formulierungen hinsichtlich der Kompetenzen des Leiters der Sonderabteilung. Es sei hier auf den Wortlaut der Rekonstruktion verwiesen.3

Zu bemerken ist noch, dass der Amtsleiter am Schlusse seiner Ausführungen eine Sonderration verkündete bestehend aus 200 g Mehl, 100 g Quark, 1000 g Rettich, 1000 g Möhren, 4 kg Steckrüben und 1 Dose Konservenfleisch.

Approvisation.

Das Getto erhält laufend starke Zufuhren von Steckrüben, so dass die Winterbevorratung in diesem Artikel zweifellos sichergestellt sein dürfte. Hingegen ist die Einfuhr von Kartoffeln nach wie vor unbefriedigend und man kann wohl eine Besserung der Lage in dieser Beziehung nicht erwarten. Schliesslich hat ja der Amtsleiter in seiner Rede ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auf eine zusätzliche Kartoffelausgabe nicht zu hoffen ist.

Ressortnachrichten.

Tischlerei Zimmerstrasse:

Dieser Betrieb hat bekanntlich einen der wichtigsten Wehrmachtsaufträge im Getto auszuführen. Es handelt sich um die Munitionskisten. Der Auftrag langte Ende September ein und es hätten im Verlaufe der ersten drei Monate 15,000 Kisten geliefert werden sollen. Die Tischlerei hat tatsächlich mit viel Phantasie und Energie ein Laufendes Band4 geschaffen, das einen solchen Ausstoss sichergestellt hätte. Während jedoch das Laufende Band produktionsbereit dastand und die Kisten zugeschnitten fristgerecht vorlagen, fehlte es plötzlich, wie schon oft erwähnt, an Leim. Und als man diesen heranschaffte, fehlte es an den notwendigen Schrauben. Die fristgerechte Lieferung war also in Frage gestellt. Die Tischlerei entschloss sich, anstatt der Schrauben Nägel zu verwenden. Eine fachmännische Militärkommission prüfte die Festigkeit der genagelten Kisten und stellte fest, dass sie entsprechen. Darauf erteilte die Kommission die Genehmigung, Nägel statt Schrauben zu verwenden. Die Nagelung betrifft den Boden der Kisten.

Bei der Ausfertigung der Kisten zeigte sich ein neuer Mangel: es fehlte an Schrauben für die Beschläge. Die Tischlerei stellte den Antrag, statt Schrauben Nieten zu verwenden. Dann fehlte es natürlich wieder an Nieten. Schliesslich gelang es, in Litzmannstadt eine Fabrik ausfindig zu machen, die die erforderlichen Nieten herstellte. Nun musste wieder am Laufenden Band eine Aenderung vorgenommen werden, die mit dieser Aenderung in der Produktion verbunden war.

Während man die Schrauben mit automatischen Schraubendrehern befestigte, musste nun ein ganz anderer Vorgang für das Hämmern der Nieten eingerichtet werden. Jetzt endlich klappte die Produktion und die erste Kiste dürfte mit entsprechender Verspätung abgeliefert werden.

Nun aber heisst es – auch das erwähnte Amtsleiter Biebow in seiner Rede –, dass eine Umstellung in der Munition vorgenommen werden musste, so dass dieser Auftrag wahrscheinlich überhaupt nicht im ursprünglichen Ausmasse ausgeführt werden dürfte.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heute gemeldeten Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenembolie, 2 Tuberkulose anderer Organe, 1 Erstickung.

[Beilage]5

Die Rede des Amtsleiters Biebow

vom 7. Dezember 1943

Gehalten im ehemaligen KULTURHAUSE Schneidergasse 1.

Zutritt hatten nur die geladenen Leiter und Leiter-Stellvertreter sowie die Instruktoren der Betriebe und die leitenden Beamten der Abteilungen. Es waren etwa vierhundert Personen anwesend.

Als erster erschien der Vertreter der Kripo, Herr AURBACH, bei dessen Eintritt in den Saal sich die Versammelten von ihren Plätzen erhoben. Er wurde vom Vorsteher des Ordnungsdienstes, ROZENBLAT, empfangen, der ihm einen Platz in der ersten Reihe zuwies.

Sodann erschien Amtsleiter Biebow mit seinem Stab und zwar den Herren RIBBE, MEYER und SEIFERT.

Sofort bei Betreten der Bühne forderte der Amtsleiter den anwesenden Beamten der Kripo auf, auf der Bühne platzzunehmen, sodann begann er seine Rede. Mit Rücksicht auf die einleitenden Worte des Amtsleiters kann nicht der genaue Wortlaut seiner Ausführungen wiedergegeben werden, sondern nur eine gedächtnismässige Rekonstruktion.

Arbeiter, Instruktoren, Leiter der Fabriken und Beamte der inneren Verwaltung!6

Schon seit längerer Zeit hatte ich die Absicht, zu Ihnen zu sprechen, aber gewisse Schwierigkeiten haben dies bisher verhindert. Ich werde langsam und deutlich sprechen, damit diejenigen, die die deutsche Sprache nicht vollkommen verstehen, mir folgen können, bezw. sich bei solchen, die die deutsche Sprache beherrschen, Erklärungen holen können. Ich verbiete jegliche Anfrage und Diskussion. Ich verbiete eine genaue stenographische Aufzeichnung meiner Rede und erlaube nur das Notieren von Schlagwörtern zur besseren Orientierung der Leiter, damit sie meine Ausführungen ihren Leuten wiedergeben können.

Sie leben jetzt schon vier Jahre hinter Stacheldrähten, und wir stehen im fünften Jahre des Krieges. Es ist selbstverständlich, dass in erster Linie die Ernährung für das deutsche Volk gesichert wird, dann für das übrige Europa und in letzter Linie für die Juden.7

Als ich vor dreieinhalb Jahren die Gettoverwaltung übernahm, hatte ich lediglich die Aufgabe, für die Ernährung des Gettos zu sorgen, und ich muss anerkennen, dass es die einzige und richtige Theorie des Aeltesten der Juden war, dass die Existenz des Gettos sich nur durch intensive Arbeit im Getto sicherstellen lässt. Ich muss bei dieser Gelegenheit die grossen Verdienste des Aeltesten anerkennen. Ich erkläre hier öffentlich, dass zwischen der Gettoverwaltung und den Behörden, wie Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei8, ein freundschaftliches Zusammenarbeiten besteht. Das Getto selbst ist eine polizeiliche Angelegenheit, und ich hatte lediglich die Aufgabe, mich um die Verwaltung des Gettos bezw. die Ernährung zu kümmern.

Nicht politisieren.

In den Fabriken soll nicht politisiert werden. Das ganze Politisieren hat doch schliesslich auch gar keinen Sinn, denn Sie leben hinter Stacheldraht und können an Ihrer Lage nichts ändern. Die9 Politik, die Sie betreiben können, ist Leistung!

Ich mache die Leiter dafür verantwortlich, was ihnen von den Behörden auferlegt wird.

Abgrenzung der Kompetenzen.

Der Aelteste der Juden ist für die genaue Durchführung der ihm von den Behörden auferlegten Befehle verantwortlich: für den klaglosen Arbeitseinsatz, ferner obliegt ihm die Kontrolle der inneren Verwaltung der Fabriken, in die ich mich nicht eingemengt habe und auch weiterhin nicht einmengen werde. Schliesslich ist der Aelteste der Juden für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Getto verantwortlich mit Hilfe des Ordnungsdienstes.

Jakubowicz ist das Sprachrohr der Fabriken.

Alles, was diese Betriebe betrifft, muss durch ihn, bezw. sein Büro, an die Gettoverwaltung geleitet werden. Es geht nicht an, dass einzelne Leiter sich direkt an die Gettoverwaltung, bezw. einen meiner Vertreter oder Mitarbeiter, wenden. Alle Bedarfsanforderungen sind in der vorgeschriebenen Weise durch Vermittlung des Frl. Walfisch bezw. Daun an die Gettoverwaltung zu leiten.

Die Schwierigkeiten der Arbeitsbeschaffung.

Niemand im Getto bilde sich ein, dass er schon Grosses geleistet habe, wenn er die ihm zugewiesenen Arbeiten ausführt. Sie haben keine Vorstellung von den Schwierigkeiten, die ich habe, um die Aufträge hereinzubringen und das erforderliche Material heranzuschaffen. Die Leistungen der Tischlereibetriebe oder die für Gettoverhältnisse imposante neuerrichtete Maschinenhalle der Metallabteilung – wie hätten Sie diese Arbeiten ohne Hilfe der Gettoverwaltung schaffen können! Sie wissen nicht, woher wir für diese Halle den Zement beschafft haben, woher wir uns dieses Material ausborgen mussten, ohne zu wissen, wie wir es den betreffenden Stellen zurückerstatten könnten. Wir haben immer neue Schwierigkeiten. So läuft z.B. der grosse Auftrag am 12. Dezember ab, den die Tischlerei eben ausführt. Durch die Umstellung in der Munition werden diese Kisten, für die wir in der Tischlerei das Laufende Band eingerichtet haben, nicht mehr gebraucht werden.

5000 Arbeiter für Behelfshäuser.

Wir werden jetzt fünftausend Arbeiter brauchen zur Durchführung der Arbeiten, die wir durch das Ministerium Speer hereinbekommen haben. Wir werden in den Betrieben die für diese Behelfshäuser notwendigen Heraklitplatten herstellen müssen, und da dann und wann doch deutsche Zeitungen in Ihre Hände gelangen, werden Sie wohl wissen, worum es sich hier handelt. Es müssen jedoch fünftausend gesunde, arbeitsfähige Menschen sein, damit nicht etwa die Leistung von nur viertausend Arbeitern erreicht wird. Der Amtsleiter erwähnte bei dieser Gelegenheit, dass das Judenlager in Theresienstadt mit 48,000 Juden bei einem Auftrage, der von 5000 Arbeitern hätte fertiggestellt werden können, vollkommen versagt hat durch die Unfähigkeit der dortigen jüdischen Leitung.

Mustergetreue Arbeit.

Ich mache allgemein die Leiter darauf aufmerksam, dass sie es sich nach meinen heutigen Ausführungen wohl überlegen müssen, ob sie auch weiterhin auf ihren Plätzen bleiben wollen, denn sie werden sich genau an meine heutigen Ausführungen halten müssen, die für sie verpflichtend sind. Wenn einer glaubt, diese Verpflichtungen nicht auf sich nehmen zu können, dann möge er abtreten. Aber er kann sich niemals damit entschuldigen, dass er an diesem Tage gerade krank gewesen wäre, denn die ganze Verantwortlichkeit geht dann auf seinen Stellvertreter über. Ich verlange von den Leitern, dass sie strengstens darauf achten, dass die Lieferung getreu dem vorgelegten Muster entspricht. Wenn von einem Artikel hunderttausend Stück geliefert werden, so muss das hunderttausendste Stück haargenau dem ersten Stück gleichen. Denn wenn wir die ersten zehntausend Stück mustergetreu und die weiteren nachlässig liefern werden, so wird man uns vorhalten, dass die Juden das ihnen anvertraute Wehrmachtsgut oder die Materialien des Reichs vergeuden und verderben. Bei der Hereinnahme von neuen Aufträgen möge sich jeder Leiter wohl überlegen, bevor er die Verpflichtung zur Ausführung übernimmt, ob er mustergetreu und auch termingemäss der Verpflichtung nachkommen könne. Er muss die Kapazität seiner Maschinen richtig übersehen und prüfen, denn ein übernommener Termin ist unter allen Umständen einzuhalten. Nur dann, wenn wir durch die Nichteinhaltung einer Lieferungsverpflichtung einer Nebenstelle in der Produktion behindert wurden, kann ich die Nichteinhaltung eines Termines begründen.

Arbeitsstunden einhalten!

Es gibt Betriebe, in denen die Einhaltung der Arbeitszeit bezw. der Essenszeit genau den Anordnungen entspricht. Das sind jene Betriebe, die in dem Sektor liegen, der gewöhnlich den Besichtigungen von behördlichen Kommissionen ausgesetzt ist. Ich darf sagen, dass es in diesen Betrieben gut klappt. Komme ich aber einmal zufällig in einen Betrieb, der ausserhalb dieses Sektors liegt, dann bemerkt man nur ein andauerndes Wogen der Arbeiterschaft mit Suppentöpfen. Ich weiss nicht, ob diese Fabriken – wie z.B. eine Teppichfabrik – eine bessere Verpflegung haben. Ich ermahne daher auch diese Betriebe, die nicht so häufig besucht werden, in dieser Beziehung Ordnung zu schaffen.

Jeder an seinem Platz!

Es kommt leider allzu oft vor, dass wichtige Arbeiter nicht zur Stelle sind, wobei besonders in Betrieben mit Laufendem Band die Produktion leiden muss. Ich gebe dem Leiter der Fabrik die Auflage, sich mit Hilfe einer ärztlichen Kommission davon zu überzeugen, ob dieser Arbeiter berechtigt fernbleibt. Warum steht jederzeit Jakubowicz auf seinem Platz und immer zur Verfügung? Warum ist ein Chimowicz, Szwarczowski10 oder Terkeltaub immer zur Stelle? Diese Leiter müssen es auch von ihren Arbeitern verlangen, dass sie unter allen Umständen auf ihren Plätzen sind und nicht irgendeine Erkältung vorschützen.

Gegen die Gerüchte.

Ein Kapitel für sich ist die Gerüchtemacherei. Auch in dieser Beziehung mache ich die Leiter verantwortlich und erteile auch dem Ordnungsdienst die Auflage, solchen Leuten, die11 Gerüchte verbreiten, nachzuspüren. Ich habe da einmal in der Metallabteilung mit Chimowicz ein Gespräch geführt und unmittelbar darauf hörte ich, dass das haargenau Verkehrte dessen, was ich gesagt habe, kolportiert wurde. Dieser Gerüchtemacherei muss ein Ende gesetzt werden.

Die Feuerwehr ist gut.

Die Feuerwehr leistet unter der starken Hand ihres Kommandanten Kaufmann das Beste. Aber der Einsatz der Feuerwehrleute in den einzelnen Betrieben ist zu gross und könnten durch Einschränkung dieses Einsatzes produktive Kräfte frei werden. Zum Thema Feuerwehr hätte ich noch folgendes zu sagen: Der Feuerschutz ist eine der wichtigsten Sachen im Getto. Vor allem ist es Pflicht der Leiter, die Belegschaft darauf aufmerksam zu machen, dass die Reinhaltung der für Feuerlöschzwecke vorhandenen Wasserbehälter ungemein wichtig ist. Durch Verunreinigung dieser Wasserbehälter und auch der Feuerlöschteiche im Getto können im entsprechenden Augenblick die Schläuche verstopft werden und jedermann weiss, was das bedeutet.

Grusspflicht.

Wir, von der Gettoverwaltung, legen persönlich gewiss kein so grosses Gewicht auf die Grusspflicht. Trotzdem aber muss ich darauf bestehen, dass diese genauest eingehalten wird. Wenn ich mit einer Kommission einen Betrieb betrete, so muss vorschriftsmässig der Befehl: „Achtung“ erfolgen, ohne Rücksicht darauf, was da hinter mir herankommt. Es handelt sich in erster Linie darum, dass die besichtigenden Herren den besten Eindruck erhalten. Aber es zeigt sich, dass in gewissen Betrieben die Leiter sich mit dieser Frage überhaupt nicht befasst haben, und die Folge davon ist, dass es dann nicht klappt. Sie werden verstehen, wie wichtig es ist, dass die Besucher einen entsprechend guten Eindruck haben. Dasselbe gilt auch von der Grusspflicht in den Strassen.

Diebstähle.

Ich lenke die Aufmerksamkeit der Leiter auf den Diebstahl von Material. Ich erinnere an den Fall eines Mannes, der in der Leder- und Sattlerabteilung Leder gestohlen hat. Der Mann wurde gehängt.12 Ich hoffe, dass die Leiter dafür sorgen werden, dass ein solcher Fall sich nicht wiederholen wird. Aber es handelt sich nicht nur um solche Diebstähle: jeder Missbrauch oder jeder unrichtige Gebrauch von Werkzeugen ist Diebstahl am Reich. Wenn irgendwo ein Nagel mit einer Zange eingeschlagen wird, so ist dies ein grober Missbrauch und darum auch Diebstahl am Reich. Und wenn in den Küchen Kartoffeln oder Gemüse unsachgemäss verarbeitet werden, so ist das wiederum Diebstahl an der Ernährung Ihrer eigenen Leute. Die Leiter müssen dafür sorgen, dass ihnen jeder derartige Fall gemeldet wird. Diebstahl ist auch der Missbrauch von Licht und Strom und Feuerungsmaterial.

Luftschutz und Verdunkelung.

Ich mache die Leiter darauf aufmerksam, dass sie auch in dieser Beziehung strengste Vorsicht walten lassen müssen. Sie müssen sich persönlich davon überzeugen, dass die Verdunkelungsvorschriften in ihren Betrieben genauest eingehalten werden.

Sonderabteilung.

Wir haben im Getto eine Institution: die Sonderabteilung. Wir haben früher mit Gertler sehr gut gearbeitet. Leider musste Gertler vor einiger Zeit aus dem Getto verreisen. Sein Nachfolger ist mit allen Rechten und Vollmachten Kliger. Er steht mit uns und mit der Geheimen Staatspolizei in stetem Kontakt. Das ist die Stelle, die uns über alle Vorfälle im Getto informiert. Schon seit der Zeit der Aussiedlung habe ich die Sonderabteilung mit der Kontrolle der Bäckereien, Gemüseplätze und der Fleischzentrale betraut. Wenn diese Sonderabteilung Haussuchungen vornimmt, so ist sie dazu vollkommen berechtigt, denn es liegt im Interesse des Gettos, dass alle versteckten Güter der Produktion zur Verfügung gestellt werden.

Strassenverkehr.

Die Disziplin im Strassenverkehr lässt viel zu wünschen übrig. Noch immer sieht man Leute mit Fahrrädern,13 ich weiss nicht, von wem sie diese erhalten haben, und jeden Augenblick geraten diese Radfahrer vor ein Auto. Desgleichen treiben sich Kinder in den Strassen herum ohne Aufsicht und gefährden sich und den Autofahrer. Auch dieser Unfug muss auf den fremden Besucher einen schlechten Eindruck machen. Ich verlange, dass hier energisch eingegriffen wird.

Die Fuhrwerke fahren undiszipliniert bald rechts, bald links. Dafür ist die Transportabteilung verantwortlich. Wir erhalten häufig die Beschwerde, dass mit den aus der Stadt zur Verfügung gestellten Fuhrwerken und Kraftwagen unsachgemäss umgegangen wird. Ich verbiete hiermit das Prügeln von Pferden, die mit Fuhrwerken aus der Stadt hereinkommen. Ich verlange sorgfältigste Behandlung der Fuhrwerke und Kraftwagen von den Lenkern im Getto. Die Strassenbahn ist ein Kapitel für sich. Ich erinnere daran, dass diese lediglich dem Transporte von Waren und Lebensmitteln vorbehalten ist und dass sie dazu da ist, die Arbeiter zu den Arbeitsplätzen nach Marysin zu schaffen. Ich will in Hinkunft dieses Chaos auf den Strassenbahnwagen und bei den Haltestellen nicht mehr sehen.

Anbauflächen im Getto.

Ich wurde wiederholt darauf aufmerksam gemacht, in welchem Zustande sich die Anbauflächen bezw. Gärten des Gettos nach der Ernte befinden. Ich habe, wo doch die Polen kein Saatgut erhalten haben, für die Gärten des Gettos das erforderliche Saatgut beschafft. Aber die Bebauer dieser Gärten haben sich lediglich darauf beschränkt abzuernten und haben den Boden in einem elenden Zustande zurückgelassen. Ich werde dafür sorgen, dass solchen Leuten in Hinkunft kein Saatgut zur Verfügung gestellt wird, bezw. dass sie von der Benützung der Anbauflächen und Gärten ausgeschlossen werden.

Und was ist das auch für eine Vergeudung von Eisenabfällen, die da überall herumliegen?

Ordnung in den Fabriken an Ruhetagen.

Die Leiter haben dafür zu sorgen, dass die Betriebe an den Ruhetagen in peinlicher Ordnung sind. So wie der Beamte im Kontor seinen Schreibtisch beim Verlassen des Arbeitsplatzes aufräumt, so muss jeder Arbeiter auch seinen Arbeitsplatz in den Fabriken in Ordnung bringen, und ich werde mich persönlich an den Ruhetagen davon überzeugen, ob diesem meinem Auftrage entsprochen wird.

Sauberkeit der Arbeiter.

Die Leiter der Fabriken haben darauf zu achten, dass die Arbeiter selbst persönlich absolut sauber sind. Es hat in einzelnen Betrieben, die es sehr gut wissen werden, Fälle gegeben, wo mit der fertigen Ware Läuse und Wanzen exportiert wurden. Wir hatten die grösste Mühe, diese peinliche Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Aber auch wir, die wir uns hier unter ihnen befinden und selbst Kinder haben, laufen dadurch immer Gefahr, infiziert zu werden. Soviel ich weiss, hat der Aelteste der Juden Badeanstalten eingerichtet, so dass diesem Uebel abgeholfen werden könnte.

Strassenzustand.

Ganz kläglich ist der Zustand der Gettostrassen. Vor Jahren hat mir der Aelteste ein Projekt zur baulichen Verbesserung der Strassen vorgelegt. Die Sache ist im Sande verlaufen. Für diesen Sektor ist, soviel ich weiss, Praszker verantwortlich. Auch hierin ist ein Grund der Minderung der Leistungsfähigkeit der Gettobevölkerung zu sehen. Man stelle sich nur vor, unter welchen Schwierigkeiten die Fäkalisten zu arbeiten haben. Auch habe ich es noch nicht gesehen, dass – wie dies bei uns üblich ist – Passanten zugegriffen hätten, wenn einmal ein Fuhrwerk steckenbleibt. Ich selbst habe einmal bei einem Wagen angehalten und mitgeholfen, weil mir die Leute leid getan haben.

Intervention bei der Kripo.

Es ist verschiedentlich vorgekommen, dass Leiter von Fabriken zur Kripo vorgeladen wurden. Wir mussten intervenieren, um diese Leute freizubekommen, weil sonst die Produktion gestockt hätte. Letzthin haben wir wieder versucht, einen solchen Leiter herauszuholen, und man sagte uns, es wäre im Augenblick nicht möglich, weil der Betreffende nach Angabe des Versteckes mit Beamten der Kripo in die Stadt gefahren ist, um die versteckten Sachen abzuliefern. So geht es natürlich nicht: ein Leiter, der angesichts der Not des Gettos Waren und Wertgegenstände versteckt hält, kann nicht länger Leiter bleiben. Es ist doch eine Niedertracht gegenüber allen anderen, die freiwillig dem Aeltesten ihre verborgenen Waren herausgegeben haben. Wir haben erst kürzlich in einem Orte der Umgebung aus einem Versteck 6000 Meter Textilwaren herausgeholt. Kliger selbst hat diese Ware hereingebracht. Mit Hilfe dieser Waren konnte erst ein Auftrag eines Schneidereibetriebes, dem gerade solches Material gefehlt hat, fertiggestellt werden. Es ist daher Pflicht, alle versteckten Gegenstände dem Getto unverzüglich zur Verfügung zu stellen. Ich habe oft genug diese Angelegenheit mit dem Aeltesten durchberaten, der auch entsprechende Bekanntmachungen herausgegeben hat. Das Getto muss diese Sachen erhalten, weil es sie in seiner finanziellen Lage dringend braucht. Das Reichsfinanzministerium stellt keinen Pfennig für das Getto zur Verfügung. Ueberdies geniesst das Getto völlige Steuerfreiheit gegenüber allen anderen Unternehmungen. Sie werden verstehen, dass ich unter solchen Umständen keine Freunde in der Kommunalverwaltung habe.

Schmuggel von Medikamenten.

Es kommt leider noch immer vor, dass Medikamente durch die Drähte geschmuggelt werden. Ich warne davor! Abgesehen davon, dass dadurch Deutsche und Polen in der Stadt in Lebensgefahr kommen, erhält der Gettoarbeiter für den Erlös seiner letzten Habe zumeist nur wertlose oder längst überholte Präparate. Ich habe dafür gesorgt, dass genügend Mengen von Medikamenten ins Getto gelangen, und der Arbeiter, der dringend ein Medikament braucht, mag sich das Notwendige bei der Gesundheitsabteilung beschaffen. Gerade jetzt ist wieder ein grosser Transport von Medikamenten unterwegs.14

Gerichtswesen.

Auch ein Kapitel, das ich berühren möchte, ist das Gerichtswesen im Getto. Es wird häufig Klage darüber geführt, dass Arbeiter als Beklagte oder Zeugen vor Gericht erscheinen müssen, wobei sie sich zu diesem Zwecke von der Arbeit befreien lassen müssen. Ich selbst war Zeuge einer Verhandlung, in welcher eine Vorkriegsschuld gegen einen Dentisten des Langen und Breiten im Getto verhandelt wurde. Ich verlange in Zivilsachen ein kurzes Verfahren mit bindendem Urteil. Anders ist es natürlich in Strafsachen. Wenn der Vorsitzende des Gerichtes nicht entsprechend energisch ist, um diesen meinen Anordnungen zu entsprechen, werde ich ihn durch eine andere Person ersetzen.15

Der Amtsleiter führte sodann aus, dass er eben eine Rechnung für die Bewachung des Gettos in der Höhe von 1 Million Mark erhalten habe und ging dann über zum Hauptthema seines Vortrages zur Ernährungsfrage bezw. Leistungssteigerung.

Ernährungsfrage.

Wenn ich mir bei einem Rundgang durch die Schäftefabrik die Arbeiter ansah, so fiel mir der wesentlich schlechtere Zustand dieser Arbeiter gegenüber den Leuten in den Abteilungen und den vielen Protektionskindern auf. Ich habe mich daher entschlossen, dem Gauleiter Greiser die Bitte vorzulegen, die Langarbeiter im Getto besser zu ernähren. Wer mindestens 55 Stunden im Getto arbeitet, bekommt auf seiner Karte die Bezeichnung „L“ = Langarbeiter. Und damit ist sozusagen den Drohnen im Getto der Kampf angesagt. Es geht nicht an, dass im Getto die Schwerarbeiter für diese Drohnen arbeiten. Freilich ist eine Verbesserung der Lebensmittelzuweisung nur durch eine entsprechende Steigerung der Produktion zu erreichen. Ich habe auch dem Landesbauernführer16 das Versprechen gegeben, dass ich wirklich nur für Langarbeiter die zusätzliche Ernährung verlange. So mögen sich die Leute, die heute noch in den Büros sitzen, wohl überlegen, dass sie noch eine letzte Chance haben. Den Langarbeitern gleichgestellt sind die Leiter, Leiter-Stellvertreter und die Instruktoren. Aber wehe dem Leiter, der mir in die Listen Personen einsetzt, die nicht Langarbeiter sind. Ein solcher Leiter würde etwas erleben, woran er nicht im Traume denkt: er würde nämlich von der Bühne des Lebens abtreten müssen!

Wir, die Gettoverwaltung, setzen alles daran, um die Arbeit zu beschaffen, und von den Schwierigkeiten, die diese Herren auf ihren Fahrten haben, können sie sich keine Vorstellung machen.

Die Neuregelung.

Der Amtsleiter fährt bei der Besprechung der Ernährungslage in seinen Ausführungen weiter fort, indem er seine letzte Bekanntmachung vom 7.12.43 verliest und führt weiter aus: Ich habe mich entschlossen, mit der Regelung des Ernährungsproblems, bezw. mit der Durchführung meiner Anordnungen, ein Kollegium zu betrauen, bestehend aus den Herren Kliger, Dr. Müller und Reingold. Sie werden bemerkt haben, dass entsprechend meiner Kundmachung die Lebensmittelzuteilung sich einigermassen gebessert hat. Eine Kürzung der allgemeinen Rationen wird nicht eintreten. Aber ich mache mit allem Nachdruck darauf aufmerksam, dass ausserhalb der dem Getto bewilligten Winterbevorratung an Steckrüben und Kartoffeln nicht ein Kilo zugeteilt werden kann. Die Bevölkerung muss selbst dazu sehen,17 dass sie mit den eben zugewiesenen Steckrüben und Kartoffeln bis zu dem angegebenen Termine auskommt. Inzwischen müssen mir die Leiter binnen 5 Tagen eine Liste der „L“-Arbeiter ihrer Betriebe vorlegen, und ich erinnere daran, was ich eingangs bezüglich der Verantwortlichkeit der Leiter gesagt habe.

Brennmaterial.

Es ist uns auch jetzt gelungen, das notwendige Brennmaterial heranzuschaffen. Einem meiner Herren gelang es in den letzten Tagen unter grossen Schwierigkeiten, 1500 Tonnen Kohlen hereinzubringen. Diese Mengen sind im Anrollen.

Rasche Entladung.

Wenn es aber schon gelingt, die erforderlichen Lebensmittel hereinzubringen, so ist es Ihre Sache, dafür zu sorgen, dass eine entsprechend rasche Entladung vorgenommen wird. Innerhalb der von der Bahn vorgeschriebenen vierstündigen Entladungsfrist müssen die in Radegast einlaufenden Wagen entladen sein. Sonst laufen wir Gefahr, dass die Bahn die nicht entleerten Waggons an einer ihr genehmen Stelle einfach selbst entlädt. Den Schaden hat dann das Getto zu tragen.

Talone.

Das bisherige Talonsystem ist endgültig verschwunden. Dennoch werden drei Stellen berechtigt sein, Talone in wichtigen Fällen zu geben und zwar: 1./ Der Aelteste der Juden, 2./ Jakubowicz mit Dr. Müller, 3./ Kliger. Diese Herren haften mir dafür, dass solche Talone in die richtigen Kanäle gelangen.

Fleisch.

Die Fleischzentrale verfügt augenblicklich über einen Vorrat von 6000 kg Fleisch. Dieses Fleisch wird nach meinen Anordnungen den Küchen zur Verfügung gestellt werden, welche für schwer arbeitende Betriebe kochen.

Sonderzuteilung.

Man soll zwar nicht ein Geschäft mit Kredit beginnen, aber ich möchte doch die zu erwartende Produktionssteigerung bevorschussen. Ich habe mich daher entschlossen, ausserhalb der bereits erteilten Ration folgende Zuteilung zur Ration nach dem 19. Dezember zu bewilligen und zwar für alle:

  • 200 g Mehl, 100 g Quark, 1000 g Mohrrüben. 1000 g Rettich,
  • 4 kg Steckrüben, die nicht zur Winterbevorratung gehören, sowie
  • 1 Dose Konservenfleisch.

Und nun mögen Sie sich, meine Herren, noch einmal das Gesagte wohl überlegen, ob Sie alle Verpflichtungen auf sich nehmen wollen.

Die Rede des Amtsleiters dauerte eineinhalb Stunden.

Rekonstruktion: Dr. O.S.18

1

HK, LKVa**, LKV/b**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „rühmte“.

2

LKV/b**: „ohne Unterbrechung“ von Hand durch „wöchentlich“ ersetzt.

3

Oskar Rosenfeld kommentiert die Rede Biebows: „Historischer Tag. Heute spricht Amtsleiter Biebow zum erstenmal öffentlich zu Juden. 6 Uhr abends im Kulturhaus. Hier in letzter Zeit Federn und Daunenressort Dr. Glaser, Biebows Günstling. Alles geräumt, Rednerpult aufgestellt. Eingeladen Kierowniki, Abteilungsleiter und Vertreter der Arbeiterschaft. [...] Angeblich Getto kriegswichtiger Betrieb, daher Nahrung, Verpflegung u.a. über den Winter. Außerdem geschützt vor Aussiedlung, beziehungsweise Translokation des ganzen Gettos. Es hat den Anschein, daß Biebow die Gettos erhalten will bis zu Ende. Schwierige Situation, da durch die Bombardierung Deutschlands dort viele Betriebe vernichtet, daher Bestellungen dort gar nicht oder nur spärlich einlaufen. Biebow selbst in Sorge um seine Zukunft. Macht sich Gewissensbisse wegen seiner früheren Untaten (Zdunska Wola !) und möchte sie jetzt gutmachen. Dieser Umstand kann sich günstig für ihn und für uns auswirken. Denn: ich sehe voraus unerhörte Kämpfe und Explosionen vor Zusammenbruch. Alle Mittel, Brand, Gas, Ausrufung des Bolschewismus. Ganz Deutschland ein Berg von Leichen und Blut und Schreck. ‚Das ist der Nibelungen Not‘“ (Rosenfeld 1994, S. 252). Eine kurze Zusammenfassung der Rede Biebows findet sich bei Nirenberg 2003, S. 74-76, dort irrtümlich datiert auf den Oktober 1943. Er urteilt: „The speech was an important event. The morale of the Jews improved“ (Nirenberg 2003, S. 75). Auch Jakub Poznański kommentiert die Rede in seinem Tagebuch (Poznański 2002, S. 136f.). Vgl. zudem Dobroszycki 1984, S. 414, Anm. 45.

4

Bandsysteme waren – gemäß der Tageschronik vom 24. Dezember 1942 (Eintrag „Jubiläumsfeier der Ressorten“) – zuerst in der Schneiderei eingeführt worden. Zum Einsatz von Förderbändern im Getto vgl. auch die Tageschroniken vom 25. Juni 1942 (Eintrag ‚Reorganisation der Arbeit in der Abteilung für Lumpen und Abfälle /Altmaterialienabteilung/‘) und 9. August 1942 (Eintrag ‚Ein neues Ressort‘).

5

Beilage nur in LK; dort mit diversen Markierungen von Hand am Rand der Absätze.

6

LK: Unterstreichung von Hand, über „Leiter“ drei Kreuze von Hand.

7

Oskar Rosenfeld kommentiert: „Biebow sagte: ‚Die ihr seit vier Jahren hinter Stacheldraht lebt...‘ Welche Erkenntnis“ (Rosenfeld 1994, S. 253).

8

LK: Unterstreichung von Hand.

9

LK: Nachfolgend ein Wort unleserlich.

10

LK: Ursprünglich „Swarszowski“ (Lesung unsicher); von Hand korrigiert.

11

LK: Nachfolgend gestrichen „falsche“.

12

Die „Erinnerung“ bezieht sich auf die Hinrichtung Izek Bekermans. Vgl. den Eintrag „Der Fall Bekerman“ in der Tageschronik vom 13. September 1943.

13

Seit Mitte Juni 1943 war der Besitz von Fahrrädern im Getto Litzmannstadt verboten. Vgl. den Eintrag „Ablieferung von Fahrrädern“ in der Tageschronik vom 4. Juni 1943.

14

Die Bemerkung über die Medikamentenversorgung entsprach nicht der Wahrheit. Während der gesamten Existenz des Gettos gab es niemals ausreichend Medikamente.

15

LK: Nachfolgend Überschrift „Leistungssteigerung“ gestrichen.

16

Der Landesbauernführer im Reichsgau Wartheland war Dr. Hans Kohnert. Vgl. Alberti 2006, S. 308.

17

So in LK.

18

Zusätzlich zu der wiedergegebenen Beilage ist in LK ein kürzerer, polnischsprachiger Einzelbericht über die Rede Biebows überliefert (vgl. Supplemente, Bd. 5).