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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 7. März 1944

Tageschronik Nr.: 
67
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Das Wetter:

Tagesmittel 3 Grad Wärme, nass.

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Sterbefälle:

11,

Geburten:

3 /2 w., 1 m./

Einweisungen:

1 /Frau aus Bełchatow./

Bevölkerungsstand:

78.825 /78.837 lt. Karten-Abteilg./

Tagesnachrichten.

1710 Arbeiter:

In der Nacht auf heute wurden durch den Ordnungsdienst und die Sonder-Abteilung wiederum etwa 500 Personen ausgehoben und ins Zentral-Gefängnis eingeliefert. Wiederum handelt es sich zum grössten Teil um Frauen.

Von der Gruppe, die bereits abgereist ist, ist nun tatsächlich schon eine Nachricht hier u.zw. vom Arzt Dr. Löwy, welcher seine Braut, ein Frl. Haas, anfordert, nachdem er festgestellt hat, dass die dortigen Verhältnisse günstig liegen. Diese Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer im Getto verbreitet und mildert natürlich die allgemeine Stimmung wesentlich.

Einweisung:

Die heute eingelieferte Rychlewska Perla, geb. 1901 in Bełchatow, wohnhaft bis jetzt in Bełchatow, Adolf Hitlerstrasse 14, wurde im Heim für Alleinstehende in Marysin untergebracht. Sie hat bis jetzt mit Hilfe falscher Dokumente als Polin gelebt.

Das Objekt an der Hanseatenstrasse 63, wo sich die Wohnungen des Präses, Mordche Chaim Rumkowski, dessen Bruders Josef Rumkowski, ferner der Familien Fuchs1 und Jakubowicz befinden, wird demnächst geräumt. Der Präses wird in Marysin wohnen und nimmt keine Stadtwohnung, wie wir bereits berichtet haben.2 Fräulein Fuchs bezieht eine Wohnung an der Sulzfelderstrasse 10, Josef Rumkowski bezieht eine Wohnung an der Matrosengasse 1, wo zwei Zimmer kombiniert wurden. A. Jakubowicz dürfte sich ebenfalls mit seiner Wohnung in Marysin zufriedengeben.

Das Zentralbüro der Arbeitsressorts arbeitet an der Errichtung einer allgemeinen Ausstellung der Gettoerzeugnisse. Der Plan, der schon seinerzeit ausgearbeitet wurde, wurde infolge der Aussiedlungen im September 1942 fallen gelassen. Wahrscheinlich mit Rücksicht auf die ausgezeichneten propagandistischen Resultate der Tischlerei-Ausstellung3 hat das Zentralbüro den alten Plan wieder aufgenommen. Die Ausstellung wird im Objekt an der Hanseatenstrasse 32 /ehemalige Strumpffabrik/ errichtet.4

Der Feuerwehrkommandant hat seiner Mannschaft folgendes angeordnet: Feuerwehrleute der Nachtschicht dürfen bei Tag nicht frei die Strassen passieren. Sie müssen ihre Dienstmützen und Bänder, weil nicht im Dienst stehend, abnehmen und als Zivilpersonen die Strasse passieren, freilich, soferne sie Passierscheine besitzen. Die Tagesschicht der Feuerwehr darf die Dienstplätze bei Tag nicht verlassen und die Suppen dürfen erst nach den Dienststunden abgenommen werden, das heisst, dass diese Feuerwehrmänner erst nach 8 Uhr abends ihre Suppen beziehen können.

Approvisation.

Noch immer katastrophale Hungerlage, ohne Hoffnung auf Besserung. Keine nennenswerten Einläufe. Das Getto wartet mit Sehnsucht und Sorge auf eine Kartoffelzuteilung anlässlich der kommenden Ration und die Gemüseabteilung wird mit diesbezüglichen Anfragen bestürmt. Da die Winterbevorratung mit Kohlrüben am 12.3.44. endet, hofft man auf eine weitere Gemüsezuteilung. Das Getto selbst verfügt jedoch über keine Vorräte.

Die Schilder an den Diät-Läden /Diät-Läden I-VI/ wurden abgenommen. Diese Läden werden zwar weiterhin die bisherigen Konsumenten bedienen, dürfen aber die Bezeichnung Diät-Laden nicht mehr führen.

Ressortnachrichten.

Holz-Betrieb:

Grössere Mengen Holz, rohes und schon bearbeitetes Schnittholz, kommt aus den Tischlerei-Betrieben aus Litzmannstadt ins Getto. Es heisst, dass die meisten Tischlerei-Betriebe in Litzmannstadt liquidiert werden sollen. Alle grösseren Tischlereiarbeiten sollen in Zukunft von den Gettobetrieben durchgeführt werden.5

Der ehemalige Beamte der Getto-Verwaltung und Fachmann für die Tischlereibetriebe, Köller, soll wiederum in seiner früheren Eigenschaft ins Getto zurückkehren. Köller hat nach seinem Abgang aus der Getto-Verwaltung einen eigenen Betrieb in Litzmannstadt geführt.

Auch grössere Fournierbestände kamen ins Getto und wurden direkt in die Magazine der Betriebe abgeliefert.

Posamenten-Betrieb:

In diesem Betrieb war seit der Eröffnung bis jetzt eine Gruppe von 4 deutschen Fachleuten, Frauen und Männer, beschäftigt. Es bleiben jetzt nur noch zwei Instruktoren. Es ist interessant, dass zwar vor dem Kriege in Łodz unter den Juden die Posamenten-Erzeugung als Heimarbeit ziemlich verbreitet, ja sogar auch gut entwickelt war, doch gibt es heute in dieser Branche nur sehr wenig Fachleute. Die erforderlichen Fachkräfte werden jedoch im Zuge der Zeit, wie in allen anderen Betrieben hier, herangebildet werden.

Metall-Abteilung III, Rauchgasse 44:

In diesem neuen Betrieb ist man noch immer mit der Aufstellung der aus dem General-Gouvernement eingetroffenen und noch eintreffenden Maschinen beschäftigt. Es wird noch einige Tage dauern, ehe dieser Betrieb laufen wird.

Behelfs-Häuschen:

Am Bahnhof Radegast werden mit Hilfe von polnischen Arbeitern /Fachleute/ neue Baracken gebaut, die für die Erzeugung der Bauplatten für die Behelfshäuser benötigt werden.

Elektrizitäts-Abteilung:

Eine grössere Anzahl alter elektrischer Motoren aus der Stadt wurde der Elektrizitäts-Abteilung eingeliefert.

Getto-Humor.

Im Getto sagt man: Es gibt zwei Kaufmans im Getto, einen für Feuer und einen für Wasser /die Leiter der Feuerwehr und der Küchen-Abteilung heissen Kaufman/.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 4 Lungentuberkulose, 1 Bauchfelltuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 3 Herzkrankheiten, 1 Herzschwäche.

3

Mit Familie Fuchs sind die Geschwister Bernhard Fuchs und Dora Fuchs gemeint.

1

Vgl. den Eintrag „Die Wohnung des Präses“ in der Tageschronik vom 29. Februar 1944.

2

Die Tischlerei-Ausstellung war im Juli/August 1943 als Demonstration jüdischer Leistungsfähigkeit konzipiert worden und galt in diesem Sinne als „Erfolg“. Sie Tischlerei-Ausstellung wurde, wie aus der Tageschronik hervorgeht, als besonders wichtiges Ereignis im Getto betrachtet. Nach intensiven Vorbereitungen (vgl. die Einträge in den Tageschroniken vom Juli/August 1943) kam es am 21. August 1943 zur offiziellen Eröffnung der Ausstellung (vgl. dazu den Eintrag „Moebel-Ausstellung in der Zimmerstrasse“ in der Tageschronik vom 21. August 1943). Oskar Singer schreibt in der Getto-Enzyklopädie über die Tischlerei-Ausstellung: „Diese Ausstellung erwies sich als ein ausgezeichnetes Propagandamittel für das Getto und wurde als Prunkstück des Gettos so ziemlich jeder Kommission, die ins Getto kam, gezeigt“ (AŻIH, 205/311, Bl. 21).

3

Die geplante Gesamtausstellung aller Gettoprodukte wird in der Getto-Chronik immer wieder thematisiert.Pläne für eine solche Gesamtausstellung gab es seit geraumer Zeit (vgl. etwa den Eintrag ‚Vorbereitung einer Ausstellung‘ in der Tageschronik vom 14. April 1941 und die Beilage zur Tageschronik Nr. 9 vom Februar 1942 sowie die entsprechenden Anmerkungen). Oskar Singer schreibt in einem Eintrag der Getto-Enzyklopädie: „Der Plan einer Ausstellung der gesamten Gettoproduktion wurde vom Präses Rumkowski verschiedentlich ventiliert“; infolge der „Sperre“ im September 1942 sei er zurückgestellt worden (AŻIH, 205/311, Bl. 20f.). Dennoch gab es im Herbst 1942 konkrete Absichten, an die bestehenden Pläne anzuknüpfen (vgl. den Eintrag „Gettoausstellung“ in der Tageschronik vom 3. November 1942). In Berlin wurde eine solche „Kultschau“, wie es in einem Schreiben aus dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda vom Januar 1943 hieß, strikt abgelehnt (APŁ, GV 31254, Bl. 1; vgl. dazu auch die entsprechende Anmerkung zur Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 13. April 1943). Im Frühjahr 1944 wurde der Plan wieder aufgegriffen.

4

Kleinere Fabriken und Werkstätten in Litzmannstadt wurden in dieser Zeit geschlossen, da die deutschen und die „volksdeutschen“ Inhaber und Arbeitskräfte in der Stadt zur Wehrmacht eingezogen wurden. In diesen Fällen wurden die Aufträge in das Getto verlagert.