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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 7. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
234

Das Wetter:

Tagesmittel 20-35 Grad, sonnig, sehr warm.

Sterbefaelle:

13

Geburten:

3 /2 maennlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevoelkerungsstand: 83.867

Tagesnachrichten.

Suppen-Streik:

Vergangenen Sonnabend gab es im Schustereibetrieb, Marysin /Leitung Iźbicki, Gutreiman/ eine kleine Streikszene. Bei der Ausgabe der Suppe, in Anwesenheit des Kommissars Iźbicki, beschwerte sich ein Arbeiter ueber die auffallend schlechte Qualität der Suppe. Iźbicki beantwortete diese Reklamation mit einer Ohrfeige. Daraufhin beschlossen die Schuster ueberhaupt keine Suppen abzunehmen. Iźbicki begab sich in einen Betriebsblock und fragte einen Schuster, ob er die Suppe abgenommen habe. Auf dessen verneinende Antwort versetzte er auch diesem Arbeiter eine Ohrfeige. Diesmal aber kam er an den Unrechten, denn der Mann schlug zurueck. Tief gekraenkt ueber diese Majestaetsbeleidigung rief Iźbicki den Baluter-Ring an und schlug Alarm wegen Streik. Das Sonder-Kommando wurde verstaendigt und entsandte ein Peleton2 nach Marysin, wo man in dem Betrieb 5 Schuster festnahm. Der Praeses griff sofort ein und bereinigte diese Angelegenheit in ruhiger Weise.3

Man kann diese Episode nicht niederschreiben, ohne einmal zu der ueblen Gettositte des Schlagens Stellung zu nehmen. Wenn es auch haeufig vorkommt, dass der Praeses seiner Empoerung auf diese Weise Luft macht oder einen Widerspenstigen zuechtigt, kurzum wenn der Praeses schlaegt, so kann man das zwar auch nicht gutheissen, aber es ist immerhin eine Zuechtigung durch das Oberhaupt des Gettos. Man kann dies noch unter dem Gesichtspunkt einer patriarchalischen Verfassungsform verstehen. Aber dass schon jeder Kierownik oder O.D.-Mann, vom Kommandanten angefangen, ueber alle Offiziere bis zum letzten Milizianten, die Gewohnheit angenommen hat zu schlagen, kann nicht nachdruecklich genug geruegt werden. „Quod licet Jovi, non licet bovi.“4 Diese Art sich durchzusetzen macht dem Getto wenig Ehre und beweist die schiefe Auffassung der Lage auf Seiten dieser hemmungslosen Imitatoren. Mag sein, dass ein Stockhieb noch immer eine mildere Strafe ist als der Entzug einer Suppe – denn auch diese Strafmethode ist im Getto nicht selten – dennoch muss man schon sagen, dass beide Strafen ungehoerig sind. Die eine verletzt die letzten Reste der Menschenwuerde, die andere greift schon ans Leben. Wenn, wie im vorliegenden Falle Iźbicki, der Schlaeger, richtig verpruegelt worden ist, wird vielleicht von selbst diese ueble Gewohnheit aufhoeren. Dies ist im Interesse unserer eigenen Wuerde mehr als wuenschenswert.5

Approvisation.

Die Kartoffelzufuhren bessern sich allmaehlich. Es kamen doch schon am 3. ds. ca 31.000 kg, am 4./ 27.000 kg, am 5./ 10.000 kg, am 6./ 50.000 kg und schliesslich am heutigen Tage 83.000 kg, also zusammen 201.000 kg Kartoffeln herein. Das wird schon immerhin die Ausgabe einer Kartoffelration ermoeglichen. Freilich wird es sehr schwer sein, bis zum 13. durchzuhalten, denn das sind noch immer 6 furchtbare Hungertage. Es ist auch schwer anzunehmen, dass eine Kartoffelration noch vor der allgemeinen Ration herauskommen koennte. Auch die Gemuesezufuhr bessert sich allmaehlich. An Frischgemuese kamen herein: am 3./ 1000 kg Kohlrabi, 10.000 kg Rettich, am 4./ 7000 kg Rettich, am 5./ 5000 kg Rettich und 1200 kg Kohlrabi, am 6./ 1000 kg Kohlrabi und am 7./ 5000 kg Kohlrabi und 3000 kg Rettich, zusammen also 33.200 kg Frischgemuese. Dazu kommt taeglich etwas Petersilie und vor allem Sauerkraut vom 3.-7., zusammen 360 Fass, sodass wenigstens die Kuechen saure Suppen kochen koennen. Hingegen kann man die Einfuhr von Roggenmehl als befriedigend bezeichnen. Es kamen herein vom 3.-7. 159.680 kg Roggenmehl, sodass das Getto fuer einige Zeit Reserven haben duerfte. Dagegen ist die Zufuhr von Fleisch sehr unbefriedigend u.z. vom 3.-7. zusammen 8.830 kg. Dieses Quantum reicht, wenn man den Bedarf der Kraeftigungskuechen und Spitaeler beruecksichtigt, nicht mehr fuer eine Fleischration aus. Es wird hoechstens eine Wurstration herausschauen.

Ressortnachrichten.

Strickereibetrieb gut beschaeftigt:

Die Strickerei-Fabrik /Lublinski/ hat einen neuen Auftrag auf 1 Million Stueck Ohrenschuetzer erhalten, obwohl in den letzten Tagen ca 500.000 Stueck geliefert wurden.

Holzbetrieb, Putziger 9:

In diesem Betrieb werden 2 neue Kinderklappsessel hergestellt u.z. aus Abfaellen. Die eigene Konstruktion dieser Kleinmoebel fand lebhaften Anklang, sodass ein6 Auftrag auf mehrere 100.000 Stueck erteilt wurde.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

12 Bauchtyphus, 1 Paratyphus, 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

10 Lungentuberkulose, 1 Hirnhauttuberkulose, 2 Herzkrankheiten.

1

HK, LK**, JFK*: „den“ fehlt in der Kopfzeile; offenbar ein Versehen.

2

Peloton, Peleton ‚Abteilung Soldaten‘; aus frz. peloton, auch in engl. peloton, platoon; fachspr.

3

Oskar Rosenfeld beschreibt den Fall wie folgt: „Pikanterie. Schlechte Suppe im Ressort! Ein Arbeiter refusiert sie, lauter Wasser. Die anderen nehmen sie nicht aus Solidarität. Kierownik interpelliert. Erster Arbeiter-Konflikt. Kierownik schlägt, dieser schlägt zurück. Alle solidarisch, Streik. Praeses interveniert, nützt nichts. Strafe: eine Stunde länger arbeiten, nachdem ‚Sonder‘ drei verhaftet und sie wieder freigeben muß“ (Rosenfeld 1994, S. 221). Vgl. auch Checinski 2001, S. 160f.

4

Die lateinische Redewendung „Quod licet Jovi, non licet bovi“ (‚Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt‘) findet sich bei Terenz.

5

Oskar Singer rügt das Verhalten der Vorgesetzten. Er schreibt am 29. Mai 1942: „Der Kierownik patscht. An und für sich ist eine ‚Patsch‘ noch lange kein Thema für den Chronisten. Aber eine jüdische Patsch verabreicht an Juden im Getto von Litzmannstadt ist schon einer Erwähnung wert, sie ist doch ein Beitrag zur Psychologie des Gettomenschen und das gehört schon her. In die Strohschuhabteilung [...] ist ein neuer Leiter eingezogen. Der mächtige Mann heisst Lewin. Wenn ein Arbeiter in irgendeinem Belange seine persönliche Unzufriedenheit erregt, honoriert der gewaltige sofort mit Maulschellen. Schaut eine Arbeiterin einen Augenblick durch das Fenster, Patsch. Eine Patsch macht noch kein Begräbnis. Das ist wohl wahr. Aber so eine Patsch von einem Kierownik ist von ganz besonderer Art. Sie zeigt zunächst, dass sich der Kierownik in die Gedankenwelt seiner Umwelt eingelebt hat. Die Frage ist nur, ob mit Recht. Ich sage mit Unrecht. Körperliche Züchtigungen von Untergebenen sind an und für sich ein Zeichen geringen Persönlichkeitswertes. Man kann eine Horde widerspenstiger Arbeiter und Angestellter mit Blicken bändigen. Aber in einer Zeit, in der wir Juden hinreichend gepatscht sind, sollte der Herr Kierownik gerade das vermeiden. Wenn der Schupo einen Juden patscht, so ist das eine Äusserung der Staatsraison. Der Jude ist nun einmal kein gleichwertiger Mensch und es ist nur recht und billig, wenn man ihn schlägt. Aber würde der Deutsche die Hand gegen einen Deutschen erheben? Nein, niemals, denn da achtet er den Menschen. Wir Juden achten einander nicht mehr. Wir leben in Untermiete bei fremden Gedanken. Wir haben unsere eigene Würde verloren, wir schlagen einander“ (Singer 2002, S. 59f.).

6

HK, JFK*: Nachfolgend von Hand gestrichen „namhafter“.