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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 8. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
39

Das Wetter:

Früh 1 Grad über 0, es schneit. Mittag 6 Grad, Sonnenschein.

Sterbefälle:

4

Geburten:

1

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Widerstand: 1

Bevölkerungsstand:

79.777

Tagesnachrichten.

Schwere Tage im Getto. Schon in den gestrigen Abendstunden wusste man, dass wieder eine Aussiedlung angeordnet ist. 1500 Arbeiter müssen über Aufforderung des Arbeitsamtes Posen nach ausserhalb des Gettos entsendet werden.1

Wie wir bereits gemeldet haben, hat der Präses um zwei Uhr nachmittags einige Persönlichkeiten zu sich gebeten. Nun weiss man auch warum. Folgende Herren waren geladen:

Der Präses eröffnete die Sitzung, nachdem er bekanntgab, dass wiederum schwere Stunden über das Getto gekommen seien und dass 1500 jüngere Leute zur Arbeit ausserhalb des Gettos angefordert wurden. Diesmal aber erschwere sich die Sachlage durch den Umstand, dass durch diese Aussiedlung die Ressorts, ferner die Kohlen- und Transportabteilung nicht tangiert werden dürfe. Das bedeutet also, dass nur Männer der inneren Verwaltung /der Abteilungen/ in Frage kommen. Der Präses berichtete, dass er Montag um 2 Uhr nachmittags durch Amtsleiter Biebow den Auftrag erhalten habe. Wenn auch ein Termin noch nicht gestellt wurde, so wurde ihm vom Amtsleiter aufgetragen, bis Dienstag, also heute, den 8. Februar, 8 Uhr morgens, zu berichten, ob er den Auftrag durchführen werde.

Ihr wisst, meine Freunde, so führte der Präses aus, wie schwer die Lage ist. Als wir vor einigen Tagen vor die Frage gestellt wurden, zweimal je zirka 25 Personen zur Verfügung zu stellen, hatten wir die grosse Schwierigkeit, diese Mannschaften aufzutreiben und ich fürchtete mich, wie es sein wird, wenn man 50 oder gar mehr Menschen verlangen wird. Wir haben kein Menschenmaterial, und doch müssen wir es stellen. Denn wenn wir nicht selber das Problem lösen, dann wissen Sie doch, wie so etwas praktisch aussieht.

Ich habe Sie für diese Stunde hergebeten, weil ich in der Zeit von 2-5 Uhr nachmittags schon gewisse Vorarbeiten leisten sollte. Ich habe mir eine Liste der in Frage kommenden Abteilungen zusammenstellen lassen. Ich weiss im Augenblick nicht, wie wir 1500 gesunde Männer aus den Abteilungen auftreiben sollen. Nun raten Sie mir, was man tun soll. –

Zunächst wiederholte M. Kligier den Auftrag des Amtsleiters im Wortlaut: Auch Frl. Fuchs gab eine Aufklärung über die vorliegende Anforderung. Es heisst, dass 1500 geistig und körperlich gesunde Männer ausgesiedelt werden sollen, die geeignet sind, für ein bestimmtes Fach geschult zu werden. Diese Formel zeigt, dass es sich diesmal tatsächlich um eine Massnahme handelt, die sich aus dem empfindlichen Mangel an Arbeitskräften im Reich ergibt.

Der Präses beauftragte die anwesenden Herren Rechtsanwalt Neftalin, Sienicki und Fuchs vom Arbeitsamt mit der Aufstellung entsprechender Statistiken, wobei er eine zahlenmässige Erfassung der in Frage kommenden Männer in drei Alterskategorien wünschte und zwar: die Jahrgänge 18-40, 41-45 und 46-50. Rechtsanwalt Neftalin konnte die Fertigstellung dieser Unterlagen für die frühen Morgenstunden des folgenden Tages zusagen.

Schliesslich wurde der Beschluss gefasst, die Strasse über den wahren Sachverhalt unter Bekanntgabe der tatsächlichen Formel der Anforderung zu informieren, um die technische Durchführung nicht zu erschweren, denn der Präses äusserte schwere Bedenken über die Durchführung, wobei natürlich auch diesmal die Gefahr bestehe, dass sich die aufgeforderten Personen nicht melden werden.

Der Präses gab dem anwesenden Leiter der Gesundheitsabteilung, Dr. Miller, den Auftrag, die ärztliche Kommission zu ernennen und bestimmte die Herren für die Durchführungskommmission. Noch mit Schreiben vom 7. Februar 1944 wurde diese Kommission ernannt. Folgende Herren erhielten das tieferstehende Nominierungsschreiben2:

Neftalin Henryk, Kommissar Kol, Kommandant Reingold, Kommandant Rozenblat, Fuchs Bernard, Siennicki Akiba, Kligier Marek.3

Tgb. Nr. 91 /br/44/Pal.  Februar 1944.

Betr.: Entsendung von 1500 Arbeitern nach ausserhalb des Gettos.

Zur Entsendung der oben bezeichneten 1500 Arbeiter habe ich Sie zum

Mitglied

der hierfür bestimmten Kommission ernannt.

Bemerkung: Herr Kommandant Rozenblat Leon wurde zum

Vorsitzenden

der Kommission ernannt.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmst.

Es liegt uns auch schon die Abschrift der Aktennotiz vor, durch welche die Entsendung der 1500 Arbeiter durch den Amtsleiter angeordnet wurde. Sie lautet:

Akten-Notiz

lt. Verständigung mit Herrn Amtsleiter Biebow, vom 7.II.1944.

Betr.: Entsendung von 1500 Arbeitern nach ausserhalb des Gettos.

Es sollen 1500 gesunde Arbeiter nach ausserhalb des Gettos entsandt werden.

Dieselben sollen körperlich und geistig so beschaffen sein, dass sie für besondere Zwecke angelernt und eingeschult werden können. Grosses Gepäck soll nicht mitgenommen werden, die Arbeiter sollen lediglich mit heilem Schuhzeug und Winterbekleidung ausgerüstet sein.

Der Transport soll wahrscheinlich in 2 Gruppen von

je 750 Arbeitern

gehen.

Am Dienstag, den 8.2.44, soll der Aelteste der Juden berichten, ob und wann die Entsendung der Arbeiter möglich ist.

Herr Amtsleiter Biebow betonte ausdrücklich, dass keine Arbeiter aus den Gewerbebetrieben und keine physischen Arbeiter entsandt werden dürfen, da dieselben im Getto selbst benötigt werden. –

Heute kam noch eine Zusatz-Notiz, durch welche drei weitere Abteilungen ausgenommen wurden. Diese Notiz lautet:

Akten-Notiz

laut Verständigung mit Herrn Amtsleiter Biebow vom 8.2.1944

Betr.: Entsendung von 1500 Arbeitern nach ausserhalb des Gettos.

Nach der vorliegenden Aufstellung über den Einsatz von Arbeitskräften ausserhalb des Gettos sind folgende aus der Liste hervorgehenden Abteilungen nicht heranzuziehen:

  1. Chemische Reinigungs- und Waschanstalt,
  2. Gas-Abteilung,
  3. Leergut-Abteilung.

Es ist bei der Ermittlung der Leute genauestens vorher festzustellen, ob sie ein Handwerk erlernt haben. Diejenigen, die einen handwerklichen Beruf beherrschen, sind mir listenmässig vorzulegen und ich werde dann bestimmen, ob der Betreffende zum auswärtigen Arbeitsplatz in Frage kommt oder nicht.

gez. Biebow

/Amtsleiter/.

Die Kommission ist noch gestern zusammengetreten und hat sofort alle erforderlichen Massnahmen angeordnet.

In den Abendstunden konferierte der Präses mit Dr. Miller von der Gesundheits-Abteilung, sodann mit der Kommission im Arbeitsamt. Ab morgen, Mittwoch, wird die Kommission bereits mit der ärztlichen Kommission am Ambulatorium in der Hamburgerstrasse 40 arbeiten.

Die ersten Vorladungen, etwa 300 Stück, werden noch in den frühen Morgenstunden von 1/2 5 Uhr an ausgefertigt sein, so dass die Betreffenden bei Dienstantritt die Vorladung bereits vorfinden werden. Am Mittwochnachmittag sollen dann weitere 600 Personen antreten. –

Das Getto ist natürlich wieder in einer panischen Stimmung. Obwohl man schon weiss, dass es sich tatsächlich um einen Arbeiter-Transport handelt, können die Menschen das Bild der letzten Aussiedlung nicht vergessen und vor allem auch nicht den Zustand der wenigen ins Getto zurückgekehrten, seinerzeit nach ausserhalb des Gettos zur Arbeit entsandten Arbeiter. Da das Reservoir, aus welchem diesmal geschöpft werden kann, sehr klein ist, und da tatsächlich nur Abteilungen4 in Frage kommen, besteht die Gefahr, dass das Getto durch diese Aktion des grössten Teiles der jüngeren Intelligenz beraubt wird. Ob das Getto die angeforderte Anzahl von 1500 tauglichen Menschen aus diesem kleinen Reservoir wird auftreiben können, ist durchaus nicht sicher. Wenn es auch anfänglich hiess, dass nur Männer von 18-40 Jahren in Frage kommen, dürfte sich das Problem dieses Zeitraumes kaum lösen lassen. Der Präses bezw. die Kommission wird nolens volens5 bis an die Grenze von 50 Jahren herankommen müssen.

Wir erfahren, dass der Präses zunächst versucht hat, dieses neue Unglück für das Getto dadurch abzuwenden, dass er dem Amtsleiter mitteilte, er habe in den Abteilungen nicht genügend Menschen der angeforderten Qualität, wenn Kohlen-, Transport-, Leergut-, Gas-Abteilung und die Chem.Wasch- u. Reinigungsanstalten ausgenommen werden. Der Amtsleiter soll geantwortet haben, er wünsche dies schriftlich, damit er diesen Bescheid dem Oberbürgermeister und Chef der Gestapo, Dr. Bradfisch, vorlegen könne. Man versteht, was diese Antwort bedeutet.

Es zeigt sich, dass selbst der furchtbare Hunger, der im Getto herrscht, den Schrecken einer Aussiedlung auf Arbeit a.G. nicht mindert. Wiewohl sich viele sagen, dass sie bei einem Arbeitsverhältnisse irgendwo im Reich bessere Ernährung erhoffen können, will doch niemand in diesen kritischesten Zeiten dieses Krieges von seiner Familie getrennt werden. Die nächsten Stunden sind überaus schwer. Man wird die Lage erst gegen Ende der Woche überblicken können, wenn man wissen wird, ob und wie viele der Gemusterten sich zum Abtransport gestellt haben werden.

Kommission im Getto:

Heute erschien wieder eine Kommission im Getto, die in Begleitung des Amtsleiters einige Ressorts besichtigte.

Neue Gestapo:

Die neue Gestapoleitung im Getto hat nicht, wie berichtet wurde, Dr. Horn und ein Herr Konrad inne, sondern zwei andere Herren, von denen der Eine Sauter heisst.6

Approvisation.

Unverändert schlechte Lage. Nur etwas Mohrrüben kommen herein.

Zuteilung für O.D.:

Die letzte Zuteilung für die O.D.-Männer besteht aus 1 1/2 kg Mehl und 20 dkg Zucker je Monat.

Die am Draht diensthabenden O.D.-Leute haben eine zeitlang 15 dkg Brot und 5 dkg Wurst erhalten. Die Wurstzuteilung wurde dann durch verschiedene Aufteilungen innerhalb des O.D. auf 3 dkg herabgemindert und jetzt erhalten diese O.D.-Leute nur mehr Brot ohne Wurst.

Disziplinierung einer Küchen-Leitung:

Die Leitung der Küche Jakuba 10 wurde vom Präses suspendiert, weil zum Schaden der Konsumenten statt 0,70 lt. nur 0,50 lt. ausgegeben wurde.

Kartoffelschalen:

Die Lage im Getto charakterisiert sich am besten durch den Preis, den Kartoffelschalen erzielen: 60 Mk das kg.

Abfälle von Steckrüben: 20-25 Mk.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

13 Flecktyphus, 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

2 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Herzschwäche.

1

Dieses Mal wurden die Menschen tatsächlich als Arbeitskräfte angefordert. Am 4. März 1944 wurden die ersten 750 Arbeiter deportiert, am 10. März 1944 verließ der zweite Transport mit 850 Arbeitern das Getto. Beide Gruppen wurden in die Rüstungswerke in Skarzysko-Kamienna bei Tschenstochau gebracht. Vgl. zahlreiche Einträge in den Tageschroniken bis zum 10. März 1944; weiter Alberti 2006, S. 480; Baranowski 1996b, S. 48; Trunk 2006, S. 253f. – Oskar Rosenfeld schreibt am 8. und 9. Februar 1944 zur Stimmung im Getto: „8.II. Erregung im Getto, Aussiedlungsstimmung. Die Gettoverwaltung verlangt 1 500 Menschen, von 18 bis 40, gesund und zum Auslernen irgend eines Gewerbes geeignet... Beratung beim Alten. Listen werden angefertigt. Zur Arbeit? Wohin? Ist es günstig? Oder steckt etwas dahinter? Die Vernunft sagt, daß es draußen in irgend einem deutschen Betrieb besser sein wird als hier, weil dort ein fixes wohlüberdachtes System und Ordnung betreffs Arbeit und Nahrung. Oder ist das der Beginn einer großzügigen Evakuierung?
‚Man weiß nicht was gut ist! Soll man jung sein, alt sein? Krank sein, gesund sein... Zum Schluß alles schlecht. Wir sind Gefangene. Verbannt, vogelfrei...‘ Alles bestürzt. Jeder, der weggeht, hinterläßt Familie oder Freunde etc. Wann wird diese Pein enden? [...].
9.II. Hunger und Schrecken. [...] 1 500 sollen weg. Wohin? Durch die Hirne eilen die Vorstellungen vom Schicksal der anderen, über die man nichts gehört hat. Väter verlassen Kinder. Männer lassen die Frauen zurück... Sie wollen bleiben, wollen nicht nach dem Westen. Sie lieben die polnische Erde, die öden Horizonte und die trostlosen Ebenen, die düsteren Höfe und feuchten Stufen. Obwohl der Pole sie malträtiert, beleidigt, peinigt und entwürdigt, lebt in ihnen ein polnischer Patriotismus! Daher Angst. Sie stellen sich nur zögernd der Kommission. Was wird werden? Wird man die Renitenten aus den Betten holen?
Anschlag: Niemand darf Menschen, die sich verbergen wollen, aufnehmen bei höchster Strafe.
Es ist 5 Uhr. Alles geht aus den Ressorts und Abteilungen. Einer blickt den anderen an: Morgen gehst Du, übermorgen ich.
Bei den einflußreichen Personen drängen sich Menschen um Intervention. Für den Sohn, Bruder, den Freund, den Chawer [hebr. ‚Freund, Genosse‘]... Er zuckt die Achseln: ‚Ich kann nichts helfen, hab keine Möglichkeit...‘ Lebt wohl, sagt der, dem kein Trost gegeben wurde, lebt wohl, geht ab‘...
Stimmung wie vor einer Schechita [hebr. ‚Schächtung, rituelle Schlachtung‘]...
Ist das der Beginn der Gettoliquidierung?
Es gibt keinen Anhaltspunkt. Die Pathologie dieses Handwerks läßt sich nicht ergründen.
Weiter! Erregung wächst, da niemand glaubt, daß tatsächlich zur Arbeit. In der Nacht nach Czarnieckiego aus den Betten geholt diejenigen, die der Einladung zur Stellung nicht nachgekommen sind. Verzweiflung, da viele schon größten Teil der Familie verloren haben und mit dem Rest zusammenbleiben oder untergehen wollen. Versuch, beim Alten die Befreiung einzelner Chawerim durchzusetzen. Geringe Hoffnung, da das Reservoir sehr klein und 1 500 aufgebracht werden müssen.
Alles zittert. Kundmachung des Ältesten, daß strengste Strafe denjenigen, welche bei sich Freunde oder Verwandte nächtigen lassen, das sind solche, die nicht antreten und sich verbergen. [...]
Weiter. Mann mit Frau und Kind verläßt die Wohnung, um sich zu verbergen. Polizei nachts kommt ihn holen. Schlägt versperrte Tür ein. Niemand... Klebt Zettel an wieder von ihr vermachte Tür: ‚Wohnung darf nicht betreten werden.‘ Schon am frühen Morgen Jammer, Weinen, Schluchzen. Kein Schreck mehr, sondern Verzweiflung. Man kommt zu Boruch: ‚Ich kann nichts tun, nicht helfen.‘ Mütter schreien wie angeschossene Tiere, brüllen... Wir sind gegenüber diesen Tränen ohnmächtig. ‚Jetzt sagen die Menschen, nachdem wir vier Jahre durchgelitten haben, wo es zu Ende geht, jetzt den Kopf hinhalten? Nein, lieber im Getto krepieren.‘
Wenn nämlich ein Assentierter nicht an der Sammelstelle (Czarnickiego ) erscheint, werden seine und seiner Familie Lebensmittelkarten gesperrt. [...]
Soweit gebracht! Vom Haus verjagt, hinein ins Getto, Namen, Haus, Vermögen, Geld, Schmuck, Pelz, Schuhe, Briefmarken, Musikinstrument, elektrische Geräte, Schreibmaschine, Fahrrad, alles abgenommen, auf Hungerration gesetzt, zu Frondienst... endlich er selbst vogelfrei... Entwürdigt, zerfetzt in Trepki, Gesicht nicht mehr kenntlich, Familie verloren, gestorben, vergiftet, ausgesiedelt. Rohe Kartoffeln fressend, zum Dieb geworden, Typhus, Lungentuberkulose und gleichzeitig Schreck der Aussiedlung, wer hat da noch die Nerven behalten? Das kann niemand glauben. In solche Tiefen des Schreckens kann kein Menschenkind hinabsteigen.
Dostojewskis Figuren besitzen noch einen Schimmer religiöser Verzückung. Hier auch das erstorben“ (Rosenfeld 1994, S. 264-266).
Auch Yankl Nirenberg berichtet von der bevorstehenden Aussiedlung: „In February of 1944 Rumkowski received an Order to assemble 1,000 men and 500 women for work, but on condition that these people were in good health. They had to undergo a medical examination and be taken from the offices and not the factories. Under the prevailing circumstances this was a difficult task for the ghetto authorities. In the offices the majority of employees were well-connected people who periodically replaced others who were taken out of the department offices and sent to the factories.
About 500 people were employed in the department offices, but a significant number were elderly, very young or sick. All of them were sent for a medical examination. They tried to get a doctor’s certificate saying that they had tuberculosis or some other disease so as not to qualify for deportation. The Germans would come to the examinations to witness the selections. This time they really did need healthy people. Soon after the medical examinations the snatching began. Day and night the police searched for people who had failed to report. The ration cards of every member of the family were invalidated. Entire families had to hide to avoid being taken hostage.
For five weeks the struggle with the police continued. Many people were not able to hold out and had to report. When the deadline for the deportation came, the ghetto authorities had to go to the factories and workshops to find more workers to deport.
The first contingent, consisting of 750 people, left at the beginning of March. They were given good food and clothing. The second contingent left two weeks later, half of them men, half women. This was the first case that women were forcibly sent away to work. In 1940-41 women voluntarily reported for work.
The people in charge of the labour office, who carried out this operation, reported that on this occasion the attitude of the Germans was completely different, and therefore they were convinced that the people were going to good jobs. This turned out to be true. Many of the 1,500 managed to save themselves and survive. They were sent to ammunition factories in Czestochowa and Skarzysk. Some of the people were sent for special courses. Compared to Lodz this was paradise. Letters soon arrived which, through prearranged symbols, made it clear that the senders were indeed better off. Many Jews later regretted not having left Rumkowski’s domain“ (Nirenberg 2003, S. 77f.).

2

HK, JFK*: Ursprünglich „Kommissionierungsschreiben“; „Kommissionierungs“ von Hand ersetzt. LK**: „Kommissionierungsschreiben“.

3

HK: Am Rand des Absatzes von Hand die polnischsprachige Anmerkung ‚II nicht‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

4

Mit „Abteilungen“ sind die Büroabteilungen gemeint, die nicht in die Produktion eingebunden waren.

5

nolens volens ‚wohl oder übel‘; lat., eigentl. ‚nicht wollend wollend‘; bildungsspr.

6

Seit Januar 1944 leitete Kriminaloberassistent Gerhard Müllerdie Gestapo stelle im Getto (das Referat IV B 4). Zu den biographischen Daten vgl. die Anmerkung zum Eintrag „Uebersicht über die behördlichen Kommissionen seit 1.7.1943“ in der Tageschronik vom 16. Februar 1944. Letzter Stellvertreter war Kriminalobersekretär Franz Walden, geb. am 28. April 1890 in Usch/Colmar. Vgl. BAB, ehem. BDC: Master-File; ZstL, 203 AR-Z 161/67, Bl. 27 und 29; Galiński 1988, S. 43.