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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Dienstag, den 9. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
129

Das Wetter:

Tagesmittel 6-10 Grad, kalter Wind, bewölkt.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.148 1

Tagesnachrichten.

Postsperre aufgehoben:

Das grosse Ereignis des Tages ist die Nachricht von der Aufhebung der Postsperre. Der Verbindungsmann der Post zum VI. Polizei-Revier brachte die Nachricht in den Vormittagsstunden ins Getto und im Nu wusste es jedermann. Das Getto wird wieder schreiben und Post empfangen dürfen. Es sind fast 2 1/2 Jahre vergangen, seit das Getto von der Aussenwelt vollkommen abgeschlossen ist und nun sollen die Insassen dieser gefangenen Stadt wieder mit ihren Angehörigen in Verbindung treten können. Zuerst hiess es, man wird alles schreiben können, in Briefen und auf Karten. Man wird Pakete anfordern und nach Angehörigen recherchieren können. Das Getto ist überglücklich. Freilich gibt es viele, die diese Nachricht mit gemischten Gefühlen aufnehmen. Die einzigen, die einen verhältnismässig ständigen Kontakt mit Angehörigen ausserhalb des Gettos hatten, sind eigentlich nur noch etwa 250-300 Eingesiedelte aus Prag, die jetzt noch immer Lebensmittelsendungen aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, vornehmlich aus Prag, erhalten. Dort sind es augenscheinlich nur arisch versippte Juden, die das Glück hatten, in ihrer Heimat bleiben zu können. Sie denken an ihre Angehörigen im Getto und senden auf gut Glück Pakete. An wen aber sollen die anderen schreiben? An die aus Łodz seinerzeit geflüchteten Angehörigen? Wer weiss, ob sie leben, wo sie sind? An die aus dem Getto ausgesiedelten Väter, Mütter oder Kinder? Wer weiss, ob sie atmen und wo sie sind? Auch die aus dem Altreich und Wien hier eingesiedelten Menschen haben wenig Hoffnung, mit ihren Leuten in Kontakt zu kommen, da auch sie keine Ahnung von deren Verbleib haben. Ja, wenn alle Juden im Reich, im Protektorat Böhmen und Mähren und im General-Gouvernement erfahren werden, dass die Postsperre aufgehoben ist und wenn sie sich daraufhin selbst melden, dann könnte wieder eine Verbindung hergestellt werden. Viele, leider zuviele, haben Angst vor dieser Verbindung, weil sie nur Schlimmes erfahren können.

Erst in den Abendstunden, nach 5 Uhr, setzt der Sturm auf die Postabteilung am Kirchplatz 4 ein. Hauptsächlich sind es Eingesiedelte, die nunmehr hoffen, mit ihren Leuten in Verbindung zu kommen und endlich auch Pakete zu erhalten. Aber die Post nimmt heute noch nicht an. Es sind noch keine klaren Weisungen eingelangt, was und wohin geschrieben werden darf. Die Nachricht, man wird von hier ins Altreich, nach Böhmen und Mähren, ins General-Gouvernement, in den besetzten Gebieten und sogar ins neutrale Ausland schreiben dürfen, erscheint wohl auf den ersten Augenblick viel zu weitgehend und optimistisch.

Jedenfalls ist das ganze Getto in heller Aufregung und an allen Ecken und Enden sieht man Gruppen, die dieses Thema diskutieren. Ein Massenansturm ist für die nächsten Tage schon deshalb nicht zu erwarten, weil die Postabteilung augenblicklich überhaupt nicht über Postkarten und Briefmarken verfügt. Es ist im Augenblick garnicht anzunehmen, dass Briefe erlaubt sein werden, denn da es nicht einmal gestattet war, Briefmarken auf Postkarten zu kleben, kommt wohl ein geschlossener Brief überhaupt nicht in Frage. Erst morgen wird man Näheres erfahren.2

Approvisation.

Der Einlauf ist nach wie vor minimal. Hingegen verdichtet sich das Gerücht, dass dem Getto schon für die nächsten Tage Kartoffellieferungen in Aussicht gestellt wurden. Ferner will man erfahren haben, dass eine grössere Partie Erbsen hereinkommen sollen.3

Am heutigen Tage wurden in den Verteilungsläden

  • 6 dkg Petersilie zum Preise von Mk. 0.50 pro Kopf ausgegeben.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 17 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 1 tuberk. Bauchfellentzündung, 2 Lungenkrankheiten, 5 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung.

1

So in HK, LK*, JFK*. Rechnerisch ergibt sich ein Bevölkerungsstand von 77156. Die Chronik geht weiter von der Zahl 77148 aus.

2

Oskar Rosenfeld spricht in Zusammenhang mit der Aufhebung der Postsperre von einer Sensation: „Sensation des 9. Mai 1944. Seit Ende Dezember 1941, das ist seit 2 ½ Jahren Briefsperre. Jetzt endlich soll der Briefmarkenverkehr wieder gestattet sein... ab Mittwoch, den 10. Mai... Offene Korrespondenzkarten in die deutschen und okkupierten Gebiete. Ein Strahl der Hoffnung für diejenigen, die draußen Verwandte oder Freunde haben, mit denen sie wieder in Kontakt kommen und gegebenenfalls ‚Päckchen‘ erwarten können“ (Rosenfeld 1994, S. 286f.).

3

So in HK, LK*, JFK*.