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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Dienstag, den 9. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
297

Das Wetter:

Tagesmittel 5-7 Grad, bewölkt, neblig

Sterbefälle:

4,

Geburten:

2 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes 4

Bevölkerungsstand:

83,442

Tagesnachrichten.

Eine Kommission trifft im Getto ein:

Die Kommission besuchte die wichtigsten Ressorts, vor allem Metall-Abteilung, Holz- und Tischlereibetriebe. Es handelt sich um Herren aus Berlin, allem Anschein nach vom S.D.1 Die Besichtigung fiel in allen Punkten befriedigend aus. Diese Kommission hätte wohl auch das Meldebüro besichtigen sollen, kam aber nicht dazu. Rechtsanwalt Neftalin wurde auf den Baluter-Ring berufen, wo er den Herren in Gegenwart des Präses Informationen über das Meldungswesen erstattete.

Im Zusammenhange mit dem Besuche des Amtsleiters Biebow im Meldebüro und dem Referate Neftalins am Baluter-Ring schwebten durch das Getto wieder beunruhigende Gerüchte, so z.B., dass die Trommeln2 des Meldebüros versiegelt wurden und dass wieder einmal eine Aussiedlung droht. Nichts davon beruht auf Wahrheit.

Die Leiter tagen:

Nach der bereits erwähnten Besprechung beim Präses haben sich einige Leiter, wahrscheinlich über Einladung3 des Kommissars Terkeltaub von der Tischlerei Zimmerstrasse, zu einer Besprechung zusammengefunden, die heute in der Möbelausstellung Zimmerstrasse stattfindet. Hiezu ist folgendes zu bemerken:

Die sonntägliche Besprechung beim Präses verlief ziemlich dramatisch. Als erster hatte Terkeltaub versucht, zu dem ganzen Komplex der Versorgung des Gettos Stellung zu nehmen, doch der Präses liess nur eine Debatte über die Frage der B-Zuteilungen zu. So erging es auch den andern Rednern. Alle Teilnehmer der Debatte sprachen sich für die völlige Auflösung der B-Zuteilung aus, indem sie die völlige Gleichstellung mit der Bevölkerung verlangten. Eine ziemlich ungenierte Rede hielt Winograd, der Leiter der Kleinmöbelfabrik. Er hielt dem Präses vor, dass er sich vorher mit Leuten beraten hat, die nicht als Vertreter der Arbeiterschaft zu betrachten sind. Er sprach sich für die Beibehaltung des Beirates aus, ebenso wie Dawid Warszawski, der der Ansicht war, dass von den sogenannten Beirats-Zuteilungen alle jene zu eliminieren wären, die nicht kraft ihrer Funktionen bezw. Verantwortlichkeit Ansprüche darauf haben würden. Würde eine Sichtung in diesem Sinne vorgenommen werden, so wird sicherlich die Zahl der Begünstigten so zusammenschrumpfen, dass die Beibehaltung der B-Zuteilung kein nennenswertes Problem wäre. Im grossen ganzen verlief die Debatte ziemlich flach und endete ohne konkretes Resultat. Die Teilnehmer waren sichtlich unzufrieden. Aus diesem Grunde versammelten sich die meisten Leiter zu der oberwähnten Besprechung in der Möbelausstellung, wo sie sich in Gegenwart von Aron Jakubowicz und Kliger, welche Herren geladen waren, ihren Groll von der Seele sprachen, was natürlich nur einen rein akademischen Wert hat. Ueber diese Sitzung ist Näheres nicht zu erfahren, weil die Teilnehmer sich zur Diskretion verpflichtet haben.

Revision der Zuteilungen:

Der Präses hat eine Revision aller Begünstigten angeordnet. Durch das Büro Ziegelmann werden Fragebogen an alle B-Begünstigten ausgegeben. Jeder Inhaber einer B-Legitimation aller Kategorien haben in den Fragebogen anzugeben, wo die Familienangehörigen arbeiten und ob und welche Zuteilungen sie geniessen. Diese Massnahme ist an sich zu begrüssen, denn es hat sich herausgestellt, dass erstens eine Menge Leute den Beirat geniessen, ohne dass die Voraussetzungen hiefür erfüllt wären, ferner gibt es Fälle, wo in Familien mehrere Mitglieder B I-Talone haben, wodurch sie sogar wesentlich günstiger gestellt sind als der sogenannte Beirat. Der Präses will hier reinen Tisch machen.

B-Zuteilung der letzten Dekade:

Wir haben berichtet, dass der Präses durch Anschlag die B-Zuteilung ab 10. November zeitweilig eingestellt hat. Die Zuteilung der laufenden Dekade bis zum 10.11. wurde inzwischen am 7.XI. wie folgt ausgegeben. Was in der zweiten Dekade geschehen wird, ist noch unbekannt. /Zuteilungen sind am Schluss des Berichtes angeführt./

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung. Die Einläufe schwanken. Während z.B. am 2.XI. 336,000 kg Kartoffeln hereinkamen, gab es am 3.XI. überhaupt keine Kartoffelzufuhr. Am 4. langten wieder 383,000 kg ein, am 5. und 6. wieder nichts. Am 7.XI. nur 10,000 kg und am 8.XI. 34,000 kg. Diese Mengen decken gerade knapp den Küchenbedarf. Auch Gemüse kam nur spärlich ins Getto, insgesamt vom 3. bis einschliesslich 8.XI. 536,500 kg /Möhren, Rettich, Tomaten, Petersilie etc./, Fleischzufuhren wesentlich gebessert. In der Berichtszeit kamen 30,000 kg herein. Erfreulich ist, dass am 2.XI. 115,050 Dosen Konservenfleisch und am 4.XI. etwa 43,000 kg ins Getto kamen.

Hingegen ist die Versorgung mit Heizmaterial nach wie vor sehr schwach. Die Einfuhr deckt kaum den Bedarf der Fabriken.

Kartoffelschalen für die Salaterzeugung:

Durch ein Rundschreiben an sämtliche Küchen wird angeordnet, dass Kartoffelschalen nicht mehr an Private ausgegeben werden dürfen. Dieses Abfallprodukt soll der Salaterzeugung zugeführt werden. Schon lange seit der allgemeinen Kartoffelnot stehen die Menschen an den Küchen Schlange und warten, bis aus den Schälereien die Kartoffelschalen herausgetragen werden. Wer bei den hohen Persönlichkeiten, die diese Abfälle auf den Kehrrichthaufen werfen sollten, Protektion hat, konnte ein paar Kilo ergattern. Nunmehr ist auch diese Quelle versiegt. Das Getto wird die Kartoffelschalen als Gemüsesalat serviert bekommen.

Personalreduktion in den Küchen:

Infolge der verminderten Suppenproduktion wird das Personal in den Küchen wesentlich reduziert werden. Der Leiter des Arbeitsamtes, Bernhard Fuchs, führt eine Sichtung des Personals in den einzelnen Küchen durch. Ueberschüssiges Personal oder solches, das keine Produktion hat,4 wird abgebaut und über das Arbeitsamt den Ressorts zugeführt.

Sanitätswesen.

Heute keine Meldungen in ansteckenden Krankheiten.

Beilage zur Tageschronik Nr. 297 von Dienstag, den 9. November 19435

B-Zuteilung:

B L Ph
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker, br.
  • 150 g Erbsen
  • 100 g Butter
  • 1/2 Dose Fleischkons. S
  • Mk 3.80
  • 100 St Zigaretten pro Fam. Mk 15.-
B I, B II,
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 1/2 Dose Fleischkonserve S
  • Mk 2.90
B II, Pol., B III, CP,
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 100 g Schmalz
  • 1/2 Dose Fleischkons. R
  • Mk 4.40
Faekalisten
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 4 kg Kartoffeln
  • 2 kg Briketts
  • 40 St Zigaretten
  • 1/2 Dose Fleischkons. B.W.
  • Mk 11.10
1

S.D.“ steht für „Sicherheitsdienst“. Durch Vereinigung der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) hatte Heinrich Himmler am 27. September 1939 das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) geschaffen.

2

Im „Meldebüro“ gab es ein besonderes System der Führung der Meldekartei, das „ADREMA“ genannt wurde. An einer beweglichen Trommel waren, alphabetisch geordnet, Karteien der Bewohner befestigt. Um die Meldekarte einer Person zu finden, musste man den richtigen Buchstaben wählen, indem man die Trommel drehte.

3

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „Einleitung“; von Hand ersetzt.

4

So in HK, LK**, JFK**. Möglicherweise ist „Protektion“ gemeint.

5

HK, LK**, JFK**: Die Beilage ist irrtümlich auf den 6. November 1943 datiert.