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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 1. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
152

Das Wetter:

Tagesmittel 20-34 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

26,

Geburten:

2 /1 m., 1 w. Totgeburt /

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

76.701.1 Ab heute geben wir den Bevölkerungsstand lt. Angabe der Statistischen Abteilung an.

Tagesnachrichten.

Die Unterbringung der Mädchengruppe im Leder- und Sattler-Ressort, von der wir im Bericht vom 30.5. gesprochen haben, ist nunmehr eine beschlossene Sache. Der Präses hat das VI. Heim raschest für diesen Zweck überholen lassen und die Mädchen werden unmittelbar nach der Rationsausgabe, also Sonntag, den 4. ds.Mts. bereits ihre „Kaserne“ beziehen. Cirka 50 Mädchen haben sich bereits registrieren lassen.

Im Zusammenhang damit wird behauptet, der Präses hätte sich geäussert, dass er auf diese Weise diese seine Schützlinge vor der Tuberkulose bewahren möchte. Ueber diese angebliche Aeusserung herrscht eine begreifliche Erbitterung. Es ist aber nicht richtig, dass der Präses eine solche Aeusserung getan hätte, das ändert allerdings nichts an der Tatsache selbst. Wenn er diese Mädchen unter besonders günstigen Verhältnissen unterbringt, so ist dies tatsächlich der Versuch, diesen Nachwuchs nach Möglichkeit vor Krankheit zu schützen. Unter den gegebenen Verhältnissen gibt es keine Möglichkeit, allen Menschen im Getto zu helfen. So wie er einmal da, einmal dort mit einem Talon hilft, oder diesen oder jenen Patienten ein paar Dekagramm Tran bewilligt, so wie er fallweise Einzelpersonen in seine besondere Obhut nimmt, so ist es auch mit dieser Mädchengruppe. Gäbe es eine Möglichkeit, durch eine gleichmässige Verteilung aller Hilfsmittel allen Menschen zu helfen, so würde dies zweifellos geschehen. Das Heim VI ist frei, etwa 80 Personen können dort untergebracht werden und wenn es nun etwa 2-3000 Mädchen im gleichen Alter gibt, so können eben nur 80 untergebracht werden. So ist eben das Getto.

Approvisation.

Es kamen heute 43.100 kg Kartoffeln, 530 kg Rote Beete, 1990 konserv. Rote Beete, 830 kg Spinat und 7.000 kg Radieschen. Fleisch kam heute 1850 kg. Es ist erstaunlich, dass so wenig grünes Gemüse hereinkommt, da in der Stadt zweifellos Spinat, Salat und junge Rote Rüben im Ueberfluss vorhanden ist2. Die Gettoproduktion an Gemüse ist infolge der späten Landaufteilung noch sehr zurück und vor 2-3 Wochen ist mit einer reicheren inneren Ernte kaum zu rechnen. Ein paar Gartenbesitzer bringen schon etwas Spinat auf den Markt, doch kostet er 60 Mk das kg.

Fleisch- und Wurstzuteilung:

Als Konsequenz der reicheren Fleischeinfuhr kam heute folgende Ration heraus:

Ab Donnerstag, den 1. Juni 1944, werden auf Coupon Nr. 36 der Nahrungsmittelkarte

  • 250 Gramm Fleisch pro Kopf und

ab Freitag, den 2. Juni 1944, auf Coupon Nr. 51 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 Gramm Wurst pro Kopf herausgegeben.

Litzmannstadt-G., den 1.6.1944.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

18 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 5 Herzkrankheiten, 1 Totgeburt.

1

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „/lt. Statistik/“.

2

So in HK, LK*, JFK*.