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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 11. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
131

Das Wetter:

Tagesmittel 12-22 Grad, bewölkt, dann sonnig.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.120

Tagesnachrichten.

Sekretariat Wółkowna:

Der Präses besichtigte die Haupträumlichkeiten der Hauptkassa, da im Anschlusse an diese das Büro Wołkowna eröffnet werden soll. Da die in Frage kommenden Lokale augenblicklich von der Statistischen-Abteilung verwendet werden, und vor allem die vollkommen eingerichtete Dunkelkammer dieser Abteilung ohne grosse Kosten nicht übertragen werden kann, konnte der Präses nicht sofort einen Entschluss fassen. Jedenfalls besteht die Absicht, das Sekretariat so schnell als möglich im Rahmen der Hauptkassa zu rekonstruieren. Noch immer arbeitet Frl. Wołk mit den früheren Angestellten ihrer Abteilung ehrenamtlich an Sonntagen, eine an sich zwar lobenswerte Leistung, die aber im Hinblick auf die Bedürfnisse der Lage ganz und gar unzureichend ist.

Approvisation.

In der Zeit vom 9.5. bis zum heutigen Tage einschl. kamen folgende frische Lebensmittel ins Getto: Spinat 13.250 kg, Petersilie 6.900 kg, Rote Beete 22.700 kg, konserv. Rote Beete 14.980 kg und nicht ein kg Kartoffeln. Es heisst, dass die ersten Kartoffeln zu Beginn der kommenden Woche eintreffen sollen. Hingegen erhält das Getto jetzt grössere Quantitäten von Erbsen 1. Qualität. Am 10.5. kamen 15.000 kg und heute 30.000 kg. Es heisst, dass insgesamt 140.000 kg Erbsen eingeliefert werden sollen, sozusagen als Ersatz für die fehlenden Kartoffeln. Auch die Fleischzufuhr ist nicht sehr befriedigend. Während am 9.5. nichts kam, erhielt das Getto am 10. und 11.5. zusammen ca 5.500 kg. Eine Ration von 20 dkg wird erwartet, doch muss das Getto damit rechnen, dass diese Ration nur allmählich nach Massgabe des Einlaufes honoriert werden wird.

Zuteilung von konserv. Roten Rüben für die gesamte Gettobevölkerung:

Ab Donnerstag, den 11. Mai 1944, werden auf Coupon Nr. 54 der Gemüsekarte

500 Gramm konserv. Rote Rüben pro Kopf für den Betrag von Mk. 1.- herausgegeben.

Quark-Zuteilung:

Ab Donnerstag, den 11.5.44, werden auf Coupon Nr. 68 der Nahrungsmittelkarte

125 Gramm Quark pro Kopf für den Betrag von Mk. 0.50 zur Verteilung gebracht.

Kleiner Getto-Spiegel.

Auf der schwarzen Börse:

„Bei Mojsche Minz bekommen Sie alles, was Ihr Herz und Ihr Magen begehrt“, sagte mir ein Sachverständiger in Getto-Angelegenheiten, als ich ihn fragte, ob man sich ein Dekagramm Knoblauch beschaffen könne.

Der Name „Mojsche Minz“ war mir bereits als Firma bekannt. Er war im Getto zunächst dadurch populär geworden, dass er Lebensmittel verkaufte, an deren Existenz ein bescheidenes Gettogehirn nicht mehr denken konnte, wie Saure-Gurken, Maggi-Suppenwürfel, Hartkäse und ähnliche Dinge, nicht zu reden von den Artikeln, die in den Rationen enthalten waren wie Zucker, Mehl, Grütze, Erbsen, Suppenpulver oder von den Gemüsen, die an die Jahreszeit gebunden waren. Die zweite Grundlage seiner Popularität war der Umstand, dass er den Kunden je nach dessen Auftreten belohnte oder bestrafte, d.h. ihm entweder die Ware einhändigte oder den Verkauf rundwegs verweigerte. Wenn Mojsche Minz den Mund zum Grinsen auftat und zwischen den ordinären wulstigen Lippen eine Reihe von Goldzähnen sehen liess, wenn seine Frau, ein kleines, unsauberes, mürrisch dreinschauendes Weibchen den Ladengast anblickte, oder wenn sein Sohn, ein etwa dreizehnjähriges keckes Bürschchen, das Geschäft des Vaters für eine gewisse Zeit übernahm, mussten alle Kunden fühlen, dass die Firma Mojsche Minz eine autoritäre Position im Getto einnahm. Andere Mitglieder der „Schwarzen Börse“, wie Glücksfeld und Tajtelbaum, verfügten zwar über dieselben Tricks wie Mojsche Minz, gehörten aber in die zweite Geschäftskategorie.

Die Preise waren in all diesen Läden die gleichen. Sie regulierten sich von selbst, obwohl sie nicht dem volkswirtschaftlichen Grundsatz von Angebot und Nachfrage entsprachen, vielmehr der Willkür der Ladenbesitzer entsprangen. Die Unmöglichkeit eines freien Warenmarktes verhinderte das natürliche Funktionieren des Marktes.

„Und der Warenbezug als solcher?“ wird man fragen. Mojsche Minz und seine Branche-Kollegen kauften, so wie sie verkauften, aus privaten Händen: Gemüse zumeist von Działka-Besitzern, die ihrerseits die Bündel Gettomark in Margarine, Brot, Mehl, Zucker u.s.w. umsetzten; von Talonbesitzern, die am Konsum des einen oder anderen Gegenstandes kein Interesse hatten; vom Mann der Strasse, der gezwungen war, Teile seiner Ration herzugeben, um sich Heilmittel, Rauchwaren, Bekleidungsgegenstände, ärztliche Behandlung anschaffen zu können. Derart gab sich im Grunde genommen der illegale Handel als Tausch-Verkehr kund.

Dieser Tauschverkehr vollzog sich im Getto, auch ohne den Weg über die Läden des schwarzen Handels zu gehen. Denn es war nicht jedermanns Sache, sich dorthin zu drängen, wo auf schmutzigen, fliegenbedeckten Pulten, in staubigen Fensternischen auf klebrigem Zeitungspapier die Waren offen dalagen. Die Waage starrte von Schmutz, Warenresten und Insektenaas. Der Verkaufsraum selbst war nichts anderes als ein Teil des Wohnzimmers oder der Küche des Händlers, durch einen Vorhang von diesen Räumen abgetrennt, sodass jederzeit, bei drohender Gefahr, der alte Zustand wiederhergestellt werden konnte.

Gefahr?

Gewiss. Denn der Aelteste der Juden verbot immer wieder diesen Handel, liess öfters die Läden der Schwarzhändler sperren und drohte mit Czarnieckiego und Fäkalienarbeit. Man schloss die Läden, man öffnete sie wieder, der Gefahr zu Trotz. Ballen von „Banknoten“ /Gettomark/ häuften sich in den Schränken der Ladenbesitzer. Zu ihnen gehörte auch der Drogist Winawer. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er nur die feinsten und seltensten Dinge in seinem Laden führte, vornehmlich Gewürze und Heilmittel, wie Pfeffer und Jod, Tee und Pyramidon, schliesslich Injektionsampullen – u.a. Strychnin, Kalcium, Coffein und schliesslich das während der Hungermonate im Getto sosehr begehrte Vigantol.

Es kam vor, dass die Kripo auf ihren Streifzügen auch die Läden der Schwarzhändler besuchte und entweder grosse Strafen diktierte /nicht des Handels wegen, sondern um ihre Aktion mit einem Erfolg abzuschliessen/ oder wertvolle Drogen und Medikamente mitnahm. Der Händler war ruiniert, aber nach kurzer Zeit stand er wieder auf den Beinen.

Menschen mit „verfeinerter“ Ethik liefen Sturm gegen diese „Preistreiber“, „Wucherer“, „Parasiten“. Aber das wirkliche Leben erwies sich als stärker. Menschen, die zu verkaufen hatten und kaufen wollten, wählten den neutralen Ort des Händlers, der all diese Waren aufnahm und wieder abgab. Der Fluch des Schwarzhandels schlug im Getto zum Segen der Warebedürftigen und der Wareheischenden aus, wobei natürlich auch der illegale Kaufmann seinen illegalen Profit machte. Das Getto hat eben seine spezifischen Gesetze, seine spezifische Moral.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 2 tuberk. anderer Organe, 2 Lungenentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Nierensklerose1.

1

Als Nierensklerose bezeichnet man die anatomisch sichtbaren Veränderungen der Nierengefäße, die z.B. durch dauerhaft deutlich erhöhten Blutdruck oder aber auch durch Arteriosklerose und Alter hervorgerufen werden. Dabei verhärtet sich das Bindegewebe in der arteriellen Gefäßwand und macht diese starr, sodass das Organ seine Funktion nicht mehr ordnungsgemäß erfüllen kann: Die Nierenkörperchen (Glomeruli) verkümmern, die Nierenfunktion nimmt – bis hin zum Nierenversagen – ab, was zum Tode führen kann.