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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 11. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
299

Das Wetter:

Frueh 1 Grad, bewoelkt, neblig. Mittag 2 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

5

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.434

Tagesnachrichten.

Noch immer dreht sich das Tagesgespraech um die Massnahmen des Praeses bezueglich der B-Zuteilungen. Die Durchfuehrung verlaeuft nicht voellig reibungslos. Auf Seiten des Leiters der Arbeitsressorts, Jakubowicz, und dem Leiter der Sonder-Abteilung, Kliger, ist eine gewisse Opposition gegen die Ernaehrungspolitik des Praeses zu verzeichnen. Zunaechst wird von dieser Seite dem Praeses vorgehalten, dass er die Ressortleiter zu einer Beratung zusammenberufen hatte, ohne sich mit dem Leiter des Zentralbueros der Arbeitsressorts in dieser lebenswichtigen Frage vorher zu besprechen. Der Praeses aber geht, ungeachtet dieser wohl nur akademischen Opposition, seinen Weg und entscheidet trotz aller Konferenzen und Besprechungen nach eigenem Ermessen. Bis jetzt ist eine Entscheidung in Sachen der B-Zuteilungen nicht gefallen. Voraussichtlich schon morgen erhalten die Inhaber von Legitimationen der B I, B II-Kategorie sowie staendige Inhaber der CP-Zuteilungen den Fragebogen, der die Unterlage fuer eine gruendliche Sichtung dieser Kategorie sein soll.1

Adoptierte Kinder:

Zugleich mit dem Entschluss des Praeses, die B-Zuteilungen zeitweilig aufzulassen, dekretierte er, dass die adoptierten Kinder die B-Zuteilungen behalten sollen. Weiters verfuegte er, dass auch die Kinder, die bisher diese B-Zuteilungen nicht erhalten haben, weil sie von Familien adoptiert wurden, die nicht im Genusse der B-Zuteilungen waren, dieselbe Verguenstigung erhalten. Dabei kommentierte er diese Verfuegung dahin, dass diese Zuteilung nicht dem Kinde, sondern der adoptierten2 Familie zukomme. Die Sache liegt nun so: fuer den Fall, dass die B-Zuteilung fuer alle Familienmitglieder umgewandelt werden, sollte in eine solche fuer das Haupt der Familie ad personam, so wuerde das eigene Kind des Beguenstigten den Beirat nicht erhalten, das adoptierte Kind hingegen ja. Aus diesem Grunde wurde diese Zuteilung vom Praeses dahin kommentiert wie oben geschrieben.

Reduktion in den Kuechen:

Die Reduktion in den Kuechen wird fortgesetzt. Der Praeses leitet diese Aktion mit dem Leiter des Arbeitsamtes, Fuchs, persoenlich.

Approvisation.

Die Zufuhr ist weiterhin schlecht. Waehrend am 9.11. insgesamt 8440 kg Kartoffeln hereinkamen, verlief der gestrige Tag etwas guenstiger mit 80.990 kg und der heutige Tag eine Einfuhr von 19.110 kg Kartoffeln aufweist.3 Auch die Zufuhr von Gemuese ist voellig unzureichend. Vom 9.-11. kamen insgesamt 176.000 kg herein /158.000 kg Rettich, 14.000 kg Porree, 3.300 kg Petersilie, 1.500 kg Spinat/. Man kann also lediglich eine schwache Rettich-Ration und eine kleine Porree-Ration erwarten. Wesentlich besser ist die Zufuhr von Fleisch. Alles zusammen kam in diesen 3 Tagen 19.300 kg Fleisch herein.

Ressortnachrichten.

Der Auftragsbestand ist im allgemeinen unbefriedigend. In manchen Ressorts sogar ausgesprochen beunruhigend. Die Schneider-Ressorts erwarten in der naechsten Zeit wieder etwas groessere Auftraege.

Der Tischlerei-Betrieb,

Putziger 9, hat einen Auftrag auf weitere 600.0004 Winterbaukisten erhalten, doch kann die Produktion noch nicht aufgenommen werden, da die erforderlichen Bretter erst gegen Ende des Monats hereinkommen sollen.

Die Papiererzeugnis-Abteilung

hat einen Auftrag auf Lieferung von 1 Million Papierbeutel fuer die Wehrmacht erhalten. Es handelt sich um Beutel aus festem Material /eiserne Zwieback-Reserve/.

Finanzwesen.

Der Praeses hat den Druck von neuen Kleingeldnoten angeordnet u.z. Scheine zu 1 und 2 Mk sowie 50 Pfennig.

Kleiner Getto-Spiegel.

In der Gegend der Tischlereibetriebe herrscht auf den Sandplaetzen ploetzlich ein reges Treiben. Der Boden wird mit Spaten bearbeitet. Gruppen stuerzen sich auf ein paar Quadratmeter der Sandhaufen. Was wollen die Leute mit dem Sand? Wenn man naeher tritt, merkt man, dass nicht Sand gegraben und in Saecke gefuellt wird, sondern Saegespaene, die von den Tischlereien seinerzeit zur Nivellierung der Plaetze ausgestossen wurden. So ein Ueberfluss herrschte frueher an Saegemehl! Heute holt der Spaten dieses halbverfaulte Material wieder aus der Erde. Es wird zu Hause getrocknet und reicht wieder, um eine Suppe oder Kaffee zu kochen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

4 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 1 Blutvergiftung.

1

Von der Opposition Jakubowicz/ Kligier berichtet auch Jakub Poznański (Poznański 2002, S. 128f.).

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

In der Tageschronik vom 16. November 1943 (Rubrik „Ressortnachrichten“) wird eine Stückzahl von 60000 genannt.