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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 12. August 1943

Tageschronik Nr.: 
208
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Das Wetter:

Frueh 17 Grad, bewölkt, zeitweise Regen. Mittags 28 Grad, die Sonne bricht durch.

Sterbefaelle:

12

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Widerstand: 1

Bevoelkerungsstand:

84.157

Tagesnachrichten.

Die Stimmung im Getto ist ausserordentlich gedrueckt. Nach wie vor kennt man nicht die Ursache dieser schweren Depression genau, es sind verschiedene alarmierende Geruechte im Umlaufe. In der Umgebung des Praeses ist die Stimmung nicht besser. Dazu kommt die Hungerlage, die nicht geeignet ist, die Gemueter etwas aufzurichten.1

Kommission auf dem Friedhof:

Eine Kommission der Behoerde mit dem Vorsteher des O.D. Rosenblatt und dem Leiter der Bauabteilung Gutman besuchte den Friedhof. Angeblich sollen auf dem Friedhof Luftschutzgraeben gebaut werden. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass dieses Projekt durchgefuehrt werden kann, denn einerseits haette ein solcher Plan keinen praktischen Wert, andererseits verfuegt das Getto jetzt nicht ueber ausreichende Arbeitskraefte.

Keine Demolierung der Mariavittenkirche:

Wie wir erfahren, wird die Mariavittenkirche, Franzstr. 27, vorlaeufig nicht umgelegt, da augenblicklich keine verfuegbaren Kraefte fuer diese Arbeiten zur Verfuegung stehen.

Approvisation.

Der Einlauf an Lebensmitteln ist nach wie vor schlecht. Wie aus dem Bericht vom 11. ds. ueber den Wareneingang ersichtlich ist, kamen insgesamt nur 10.820 kg Kartoffeln und 7.760 kg Kohlrabi herein. Diese Zufuhr ermoeglicht gerade einigen Kuechen die Suppenausgabe. Die Rationsausgabe stockt natuerlich noch immer. In einzelnen Kuechen wird Brot verabfolgt werden.

Immer wieder dasselbe Bild auf den Gemuesegaerten, wo Leute ein paar Ruebenblaetter fuer teures Geld erbetteln moechten.

Panik auf den Gemuesegaerten:

Ploetzlich tauchte das Geruecht auf, der Praeses beabsichtige, durch Beschlagnahmung der Gemuesegaerten die Hungerlage zu meistern. So unsinnig dieses Geruecht ist, die Folgen sind katastrophal. Die Leute kassieren die Feldfruechte, gleichgueltig in welchem Stadium sie sich befinden. Allenthalben sieht man die Besitzer, selbst laecherlich kleiner Gaertchen, beim Ausgraben der Kartoffelchen und beim Herausreissen der Rueben. Die Kartoffeln im Getto sind zum groessten Teil noch sehr klein. Dennoch graben die Leute die kaum Walnussgrossen Knollen aus, um, wie sie glauben, zu retten, was noch zu retten ist. Es nuetzt nichts, wenn man den Leuten die Unsinnigkeit ihres Tuns vorhaelt. Dazu kommt noch die Angst vor Flurdiebstahl. Der ganze Sinn dieser Gettogaerten ist doch der, zum Herbst bzw. Winter eine zusaetzliche Ernaehrung sicher zu stellen. Die Folgen dieser Unvernunft werden sich spaeter noch einstellen. Es ist bedauerlich, dass nicht von offizieller Seite durch Kundmachungen eine entsprechende Aufklaerung kommt.

Waren-Eingang

vom 11. August 1943:

1./ Lebensmittel: 7.760 kg Kohlrabi, 10.820 kg Kartoffeln, 19.000 kg Roggenmehl, 7.000 kg Speisesalz, 3.053 kg Rindfleisch roh, 574 kg Rindfleisch gek., 35.841 kg Erbsen, 57.200 kg Rohzucker, 17.500 kg Steinsalz2, 10.000 kg Kaffee-Ersatz, 17.0003 Brotaufstrich.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 6.860 kg Koksgrus, 2.116 kg Chlorkalk4, 8 St. Naehmaschinen, 164 St Florteilriemchen5, 1.500 kg Fensterkitt, 135 kg versch. Farben, 68 kg Spezialbenzin6, 3.320 kg Gasstaubkohle, 10.659 kg Blechwaren, 41.120 kg Eisendraht, 7.400 kg Holzkohlen, 16.365 kg Clorkalk7, 163.700 kg Steinkohlen, 43.000 kg Furniere, 15.370 kg Rundholz, 362.870 kg Schnittholz.

Ressortnachrichten.

Liquidierung der Teppich-Ressorts:

Entgegen der bisherigen Disposition, wonach das Teppich-Ressort Garfinkel mit aelteren Kraeften weiter arbeiten sollte, steht es nunmehr fest, dass alle 3 Ressorts aufgelassen werden. Die freiwerdenden Arbeitskraefte werden in den Bekleidungsbetrieben und vor allem auch im Strohschuh-Ressort Beschaeftigung finden.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Hauptverhandlung vom 8.VIII.1943.   Prochownik, Kitz.

Kausen: 4, Delikte: Diebstahl: 3, Vergehen gegen Kartensystem: 1,
Urteile: 4, davon freisprechend: 0.
Strafen:
  • 6 Wochen Gefaengnis fuer Diebstahl von 3 kg Mehl.
  • 2 Monate fuer Diebstahl von Leder aus dem Schaefteressort.
  • 6 Wochen Gefaengnis fuer Diebstahl von Kartoffeln waehrend des Transportes.
  • 6 Wochen Gefaengnis fuer Diebstahl von Leder.

Hauptverhandlung vom 9.VIII.1943.   Motyl, Kitz.

Heute wurde die seinerzeit unterbrochene Sache gegen die Angeklagten Gutermann, Boas, Boms und Glatter zu Ende gefuehrt. Die Angekl. Glatter wurde im November vorigen Jahres angehalten, als sie im Begriffe war, 2 kg Fleisch zu verkaufen. Es zeigte sich, dass der Mann der Gutermann, der Angekl. Boas, Registrator im Fleischladen Nr. 14 sei. Bei einer Hausdurchsuchung in deren Wohnung wurden ausser einem grossen Geldbetrag 17 Lebensmittelkarten gefunden, bei denen saemtliche Coupons, die zur Fleischabnahme berechtigten, fehlten. In der Sonderabteilung gestanden Boas und seine Frau, auf diese Lebensmittelkarten, die teils Konsumenten im Laden vergessen hatten, teils von Ausgesiedelten stammten, Fleisch abgenommen zu haben, ausserdem gestand Boas, im Einvernehmen mit dem Kommissaer des Ladens – dem Angeklagten Boms – und dem Haecker Glatter vom Uebergewicht regelmaessig Fleisch genommen zu haben. Boms und Glatter bekannten sich zu dieser Tat, jedoch nur in der Zeit bis zur Sperre. Nach der Sperre wurde Boms in einen anderen Laden versetzt und kam in den Laden Nr. 14 erst im November zurueck, nach seiner Rueckkehr habe er kein Fleisch mehr genommen. In der Prokuratur und bei der Hauptverhandlung leugnete das Ehepaar Boas-Gutermann, auf die bei ihnen gefundenen Karten Fleisch bezogen zu haben, Boas gab nur zu, vom Uebergewicht genossen zu haben. Boms und Glatter waren wie in der Voruntersuchung gestaendig. Das Gericht stuetzte sich auf die Aussagen der Angeklagten in der Voruntersuchung und verurteilte Boas zu insgesamt 3 Monaten Gefaengnis, dessen Frau zu 6 Wochen, den Kommissar Boms zu 2 Monaten und den Glatter zu 1 Monat Gefaengnis. Bezueglich der Gutermann und Glatter wurde die Amnestieverordnung angewendet.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

10 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

4 Lungentuberkulose, 3 Lungenkrankheiten, 3 Herzkrankheiten, 1 Gesichtsphlegmone8, 1 Krebs.

1

Am gleichen Tag schreibt auch Bono Wien er in sein Tagebuch, dass im Getto „über schreckliche Dinge“ geredet würde, so über neue Aussiedlungen (YIVO, RG 1452, Bl. 28 des Tagebuches, übers. aus dem Jidd.).

2

Steinsalz: Bergmännisch gewonnenes Kochsalz bzw. Natriumchlorid (NaCl), das als vielseitiger Hilfsstoff, z.B. als Gewürz, zur Konservierung von Tierhäuten vor der Verarbeitung oder als Verdickungsmittel für Kauritleim, diente.

3

So in HK, LK*, JFK*. Gemeint sind vermutlich 17000 kg.

4

Chlorkalk wurde im Getto als Desinfektionsmittel verwendet.

5

Florteilriemchen sind Lederriemchen, die am Ende der Florkrempel das Wollflies in einzelne Faserstreifen trennen, um sie im Anschluss zu Garn zu spinnen.

6

Unter Spezialbenzin kann  z.B. Waschbenzin, Lösungsmittel oder Motortreibstoff verstanden werden.

7

So in HK, LK*, JFK*.

8

Phlegmone: Eitrige Entzündung von tiefer liegendem Gewebe; aus griech. phlegmonē ‚Entzündung‘, fachspr. Oskar Singer beschreibt die Entstehung einer solchen Entzündung: „Eines Tages kommt Alfred mit einer geringfügigen Verletzung am Bein nachhause. Mutter behandelt die unscheinbare Wunde sorgfältig. Trotzdem wird eine Phlegmone daraus. Im Getto will keine Wunde richtig heilen und eine Phlegmone schon gar nicht. Der Körper erhält ja keine Abwehrstoffe, die Zellen sind hilflos dem Verfall ausgesetzt“ (Singer 2002, S. 92).