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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 13. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
194

Das Wetter:

Tagesmittel 16-29 Grad, zeitweise bewölkt, dann sonnig.

Sterbefälle:

15,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Diebstahl: 1,

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

72,331 1

Ausweisung:

700 Personen /zur Arbeit ausserhalb des Gettos, V. Transp. vom 3. Juli 1944/

Brand:

Am 12.7.1944 wurde die Feuerwehr um 18,55 Uhr nach dem Hause Sulzfelderstr. 7 alarmiert, wo starker Funkenflug aus dem Kamin des Hauses festgestellt wurde. Die Kamine wurden gefegt.

Selbstmord:

Am 13.7.1944 verübte der Zysman Aron, geb. 23.5.1883, wohnhaft Kräutergasse 17, durch Erhängen Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Eine SS-Kommission besichtigte einige Betriebe des Gettos.2

Razzia in den Mittagstunden:

Eine neuartige Methode, Menschen aufzugreifen, die sich nicht gestellt haben. Die Erfahrung lehrt, dass die Säumigen sich nur in der Nacht verbergen, tagsüber sogar zur Arbeit gehen und sich in den Strassen bewegen. Wie fasst man diese Menschen? Es ist einfach wie eine Ohrfeige. Ordnungsdienst-Männer durchstreifen eine Strasse, sperren sie plötzlich ab und treiben alle Menschen, deren sie nur habhaft werden können, an irgendeinen Punkt zusammen. Diese Menschen müssen sich legitimieren. Aber an diesen Punkten spricht niemand mit ihnen. Die Formalitäten können erst am Revier erledigt werden. Hie und da gelingt es, durch Protektion rascher frei zu kommen, sonst dauert die Prozedur bis in die späten Abendstunden. Das Resultat ist sehr gering. Die wirklich Gefährdeten haben von der Sache Wind bekommen und verkrochen sich auch bei Tag.

Ein beschämendes, erschütterndes Bild der Strasse. Juden hetzen Juden wie Treibwild. Eine richtige Judenhatz, von Juden organisiert. Aber was ist zu tun, man hat keinen Rat. Wer vorgeladen ist, muss sich stellen. Kommt er frei, ist gut, kommt er nicht frei, muss er gehen, das ist das harte Gesetz der Stunde.

Approvisation.

Gesteigerte Einfuhr von Weisskohl. Scheinbar wird es in dieser Saison von diesem Gemüse mehr geben als im Vorjahre.

Heute erhielt das Getto 64,650 kg Weisskohl, 2,330 kg Kohlrabi, 2,230 kg Möhren, 1,761 kg Mairettich, 1,100 kg Porree und nochmals 42,160 kg Weisskohl. An Fleisch erhielt das Getto heute 2,546 kg.

Kleiner Getto-Spiegel.

Schreck in den Gassen:

So oft es im Getto eine Aktion gibt, die der Ausreise aus dem Getto gilt, entstehen Spannungen, Konflikte, Tragödien. Das Bild des Gettos verändert sich, sogar das Strassenbild.

Die Transporte des Juli 1944 gingen immer knapper zusammen. Die Menschen stellten sich nicht, in der vagen Hoffnung, dass es ja „zu Ende gehe“, daher ein Antreten im Zentralgefängnis purer Leichtsinn sei.

Es kam der 13. Juli, der Donnerstag vor dem Freitag, an dem wieder ein Transport fällig war. Die Menschen gingen wie immer über die Strassen, zu den Küchen, in die Ressorts und Abteilungen, als – wie aus dem Boden emporgewachsen von rechts und links O.D.-Männer auftauchten – und alles, was gerade anwesend war, zusammendrängte.

„Tore schliessen!“ riefen einige O.D.-Männer und hielten die Torflügel fest, die zu einer Küche führten. Dahinter staute sich die Menge. „Was ist los? Lasst uns gehen! Wir müssen unsere Mittage /Suppen/ nachhause tragen!“ schreien die Frauen durcheinander. Sie bekamen keine Antwort.

Die Jagd ging weiter. Jeder, der über die Strasse ging, war der Gefahr ausgesetzt, den Häschern in die Hände zu fallen.

Allen war der Schreck in die Glieder gefahren. Man trieb die Menschen zusammen. Sie gingen, vorn und hinten von Polizisten bewacht, in die Reviere, wo sie gesichtet wurden. Stunden vergingen. Es war allmählich Spätnachmittag geworden.

„Gehen Sie nicht über die Gasse, Sie werden abgefangen werden!“ So warnte einer den anderen.

Das Getto war wie gelähmt. Die Glieder wurden schlaff, in der Gurgel sass die Panik und liess nicht los. Solch eine Razzia hatte das Getto in den vier Jahren seines Bestandes nicht erlebt. Erst gegen 5 Uhr, als sich die Tore der Ressorts öffneten und die Menschen auf die Strasse spien3, legte sich die Erregung.

Der 13. Juli 1944 war ein Tag des Schreckens. Die Ausbeute war gering. Keine 50 Menschen, deren man für den Transport habhaft werden konnte.

„Wir haben doch etwas von unseren Hütern gelernt ... die Jagd auf Menschen ...“, sagte ein Philosoph des Gettos.

O.R.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 5 Herzkrankheiten, 1 Dickdarmkatarrh.

1

Rechnerisch ergibt sich ein Bevölkerungsstand von 72330.

2

Der Besuch der SS-Kommission stand vermutlich in Zusammenhang mit dem Stopp der Deportationen ab dem 14. Juli. Die Nationalsozialisten räumten – wahrscheinlich wegen der heranrückenden Roten Armee – das Lager Kulmhof. Hinzu kam, dass in den letzten beiden Monaten der Kampf um das Getto Litzmannstadt zwischen dem Reichsführer SS Heinrich Himmler und Reichsminister Albert Speer eskalierte: Während Himmler die Auflösung des Gettos weiter vorantrieb, setzte Speer auf den Erhalt des Gettos aufgrund der kriegswichtigen Produktion. Die Auflösung des Gettos wurde jedoch nur kurz verzögert (vgl. Alberti 2006, S. 490f.).

3

So in HK, NYK**, JFK*. In JK** fehlt der Eintrag.