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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 15. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
166

Das Wetter:

Tagesmittel 19-26 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

10 /6 M., 4 Fr./

Geburten:

3 / 1 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

76.507

Aussiedlung:

30 Mann zur Arbeit ausserhalb des Gettos.

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Das Getto ist wieder einmal in höchster Erregung. In den späten Vormittagstunden traf eine Kommission im Getto ein u.zw. Oberbürgermeister Dr. Bradfisch, der frühere Bürgermeister Wentzke1, Reg. Präsident Dr. Albers2 und ein höherer Offizier /Ritterkreuzträger/, wahrscheinlich vom Luftschutz-Wart. Die Kommission begab sich in’s Büro des Aeltesten, wo Dr. Bradfisch mit Präses Rumkowski eine Unterredung von wenigen Minuten hatte. Unmittelbar darauf erschienen die Gestapo-Kommissare Fuchs und Stromberg bei Frl. Fuchs. Die ersterwähnte Kommission begab sich sodann zu Fuss durch die Hanseatenstrasse in das Schneiderressort, Hanseatenstr. 36, und fuhr dann im Auto Richtung Polen lager, Marysin, ab. Die Unterredung Fuchs-Stromberg mit Frl. Fuchs und den vorher verständigten Kommandanten L. Rosenblatt dauerte ebenfalls nur ganz kurze Zeit. Soweit chronologische Folge der Tatsachen. Knapp nach diesen Besuchen war das Getto voll der wildesten Gerüchte. Aber alle liefen in einer Richtung: Aussiedlung! Noch wusste das Getto nichts, was sich tatsächlich im Büro des Aeltesten ereignet hat, aber man will wissen, dass eine grössere Aussiedlung bevorstehe. Während man noch am Vormittag davon sprach, dass 5-600 Menschen gebraucht werden, hiess es am Nachmittag bereits, dass die Aussiedlung sich auf mehrere tausend Menschen erstrecken wird, vielleicht sogar auf den grössten Teil der Bevölkerung. Ja, man wollte schon wissen, dass es auf eine Liquidierung des Gettos hinausläuft. Soweit man nun feststellen konnte, verliefen die Dinge folgendermassen: /Der Chronist hat seine Information natürlich nur aus zweiter Hand, da vom Präses direkt nichts zu erfahren ist./ Oberbürgermeister und Chef der Gestapo Dr. Bradfisch erklärte dem Aeltesten, dass man grosse Arbeitergruppen für Aufräumearbeiten in den bombengeschädigten Gebieten braucht. Es sei selbstverständlich, dass doch in erster Linie die Juden herangezogen werden müssten, da doch die Zerstörungen von den Briten angerichtet worden wären. Ob der Präses erklärt hat, dass er die zunächst angeforderten 500 Personen ohne weiteres geben kann oder nicht, kann vorläufig nicht festgestellt werden. Dr. Bradfisch erklärte dem Präses, dass nähere Einzelheiten durch die Kommissare Fuchs und Stromberg an das Büro des Aeltesten gelangen werden. Tatsächlich erschienen bald darauf, wie bereits geschildert, die genannten Polizeifunktionäre und überbrachten Frl. Fuchs und Kommandant Rosenblatt die Aufforderung, die wir hier mit Vorbehalt wiedergeben, da auch diese Mitteilungen aus zweiter Hand stammen: Ausser den zunächst verlangten 500 Personen zur Arbeit ausserhalb des Gettos, die bis Mittwoch, den 21. ds.Mts., stellig zu machen wären, sollen wöchentlich je 3.000 Arbeiter gestellt werden. Zeitliche und zahlenmässige Grenzen wurden nicht genannt. Unter diesen Umständen ist es klar, dass das Getto von einer unmittelbar bevorstehenden Liquidierung des Gettos spricht. Man muss dabei feststellen, dass die Stimmung eher apathisch als verzweifelt ist, von Einzelausbrüchen der Verzweiflung abgesehen. Die Bevölkerung ist durch die letzten Hungermonate schon so mürbe, dass sich jeder schon sagt, schlechter könne es wohl kaum noch gehen. Das Einzige, was die Menschen an das Getto fesselt, ist das eigene Bett, das man noch als eine gewisse letzte Stütze der Gesundheit betrachtet, und die Familie. Da, wo Familien mit arbeitsfähigen Kindern hinausgehen können, mildert sich einigermassen die Tragik. Nur dort, wo die Gefahr besteht, dass kleine Kinder zurückbleiben müssten oder kranke, engste Familienangehörige, wirkt die Nachricht wie ein Keulenschlag. Entsprechende Kundmachungen über freiwillige Meldungen zur Arbeit ausserhalb des Gettos sind zu erwarten. Ob tatsächlich Transporte in dem obenerwähnten Ausmass vorgesehen sind, werden wohl die nächsten Stunden zeigen.3

Ausscheidung von zwei Wohnobjekten:

Die beiden Wohnhäuser an der Hamburgerstrasse 40 u. 42 müssen über Anordnung der deutschen Behörden bis spätestens 20. ds.Mts. geräumt werden. Die beiden Objekte werden aus dem Getto ausgeschieden und dem dahinterliegenden Fabriksareal angegliedert4. Eine beträchtliche Anzahl von Wohnungsinhabern gerät dadurch in eine äusserst kritische Lage. Ueberdies wird auch das Gettointeresse insoferne schwer betroffen, als sich im Hause Hamburgerstrasse 40 das Ambulatorium befindet, zu dessen Bereich das ganze Gebiet dieses5 Teiles gehört. Das Wohnungsamt arbeitet fieberhaft, um die Wohnparteien dieser Objekte so rasch als möglich wieder unter Dach zu bringen.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert schlecht. Ausser den Tageseinläufen an Radieschen und Salat keinerlei Gemüse.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 2 Tuberkulo. Gehirnhautentzündung, 1 Herzschlag, 1 Bauchfellentzündung, 1 Mastdarmkrebs.

1

Der Oberbürgermeister von Litzmannstadt hieß Werner Ventzki. Er wurde ab August 1943 durch Otto Bradfisch kommissarisch vertreten. Vgl. die Anmerkung 7 zum Eintrag „Kommission im Getto“ in der Tageschronik vom 3. November 1943.

2

So in HK, LK*, JFK*. Karl Wilhelm Albert war Polizeipräsident von Litzmannstadt. Für nähere Informationen zur Person vgl. die Anmerkung 89 zum Eintrag „Uebersicht über die behördlichen Kommissionen seit 1.7.1943“ in der Tageschronik vom 16. Februar 1944.

3

Der Besuch der Kommission, mit Gestapo -Chef und Oberbürgermeister Bradfisch an der Spitze, und dessen Forderung nach „Arbeitskräften“, die aus dem Getto „ausgesiedelt“ werden sollten, bedeuteten den Beginn erneuter Deportationen in das Vernichtungslager Kulmhof. Zwischen dem 23. Juni und dem 14. Juli 1944 wurden insgesamt 7196 Juden aus dem Getto Litzmannstadt in das wieder „funktionsfähig“ gemachte Lager deportiert und dort ermordet. Vgl. Löw 2006a, S. 455f., sowie die Einleitung zum vorliegenden Band.

4

Die Gebäude gehörten danach zu der Fabrik „Towarzystwo Przemysłowo-Handlowe Scott & Bowes S.A.“ in der ul. Drewnowska 43, die Chemikalien und pharmazeutische Produkte herstellte.

5

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Bereich“.