Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 16. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
334
Podcast Icon

Das Wetter:

Früh 1 Grad minus, trocken, mittags 1 Grad plus, ruhig.

Sterbefälle:

8,

Geburten:

2 /1 männlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes 2

Bevölkerungsstand:

83,204

Tagesnachrichten.

Wiewohl vom Baluter-Ring aus versichert wird, dass der Zwischenfall vom 14. ds. Mts. erledigt ist, scheint die Untersuchung seitens der deutschen Behörde noch nicht abgeschlossen zu sein. Das geht schon aus der Tatsache hervor, dass Rechtsanwalt Neftalin für das Meldebüro Bereitschaft angeordnet hat und selbst auf das Eintreffen einer Kommission wartet.

Kommission im Getto:

Heute traf wieder eine grössere Besichtigungskommission im Getto ein, die mehrere Betriebe besuchte. Eine Vermutung der Strasse, dass diese Kommission mit den Ereignissen der letzten Tage im Zusammenhang steht, ist unrichtig.

Approvisation.

Die Einfuhr von Lebensmitteln war in den letzten Tagen, besonders am 13.12., etwas lebhafter. An Einfuhr für die Zeit vom 13.-16. einschliesslich ist hauptsächlich zu verzeichnen: Kartoffeln 942,000 kg, Kohlrüben 2,178,300, Möhren, Rettich und Porree 99,660, Fleisch 15,800 kg, Mehl 93,800, Fett /Margarine und Oel/ 8060 kg. Das Eintreffen von 4000 kg Teigwaren und Weizengriess bestärkt die Bevölkerung in der Hoffnung, dass die noch immer ausständigen 12 dkg Nährmittel von der letzten Ration mit diesen Lebensmitteln gedeckt werden dürften.

Kartoffelmieten:

Unsere Meldungen über eingemietete Kartoffeln1 stellen wir heute insofern richtig, als nach genauen Ermittlungen in der Gemüseabteilung alles in allem /nach den Entnahmen in den Krisentagen/ 1,965,000 kg Kartoffeln eingemietet sind. Der blosse Gedanke, dass das Getto nur über dieses Quantum in den kritischen Frühjahrstagen verfügen soll, beschwört schon jetzt den schrecklichsten Hunger in diesem Zeitpunkte herauf.

Ressortnachrichten.

Wäsche und Kleider:

Dieser Betrieb hat in den letzten Tagen grössere Aufträge erhalten, nachdem fast die Gefahr eines Stillstandes gedroht hatte.

Finanzwesen.

Neue Zahlmittel:

In den nächsten Tagen wird die Metall-Abt. II die Prägung der 10-Mark-Quittungen in grösserem Masstabe aufnehmen. Der Präses hat vom Ordnungsdienst den früheren Küchenkommissar Jakubowicz und den O.D.-Mann Farber2 zur Aufsicht delegiert. Ausserdem sollen Delegierte vom Referat für Büroarbeiten, je 3 Mann in 3 Schichten, zur Unterstützung der Kontrolle beigestellt werden.

Dieses Hartgeld wird das Getto mit Freude begrüssen, da sich der grösste Teil des in Umlauf befindlichen Papiergeldes in einem schon mehr als desolaten Zustande befindet. Die eben frisch in den Verkehr gebrachten 3 1/2 Millionen neuer Noten haben diesem Uebelstande nur zum Teil abgeholfen. Wenn, was der Präses beabsichtigt, auch noch 5-Mark-Stücke in Hartgeld ausgegeben werden, dürfte das Getto über genügend Zahlmittel verfügen.

Unsere Nachricht über die Ausgabe kleiner Papiergeldsorten /Bericht vom 11. November 1943/ ist damit illusorisch.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heute gemeldeten Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 1 Tuberkulose der Wirbelsäule, 1 Herzschwäche, 1 Darmverschluss.

1

Vgl. die Tageschroniken vom 5. und 17. November 1943 (jeweils Rubrik „Approvisation“).

2

HK, LKV/a**: Nachfolgend von Hand eine Markierung. HK: Am unteren Seitenrand von Hand der Nachtrag „und Wachtmeister Mine“. LKV/a**, JFK**: Am Seitenrand von Hand hinzugefügt „Wachm. Mine“; in LKV/a** außerdem am unteren Seitenrand die polnischsprachige Anmerkung ‚und Wachtmeister Mine – in II [ein Wort unleserlich]‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.