Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 17. Februar 1944

Tageschronik Nr.: 
48
Podcast Icon

Das Wetter:

Früh 4 Grad unter 0, Frost.

Sterbefaelle:

8

Geburten:

1 /männl./

Festnahmen:

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

79.713

Tagesnachrichten.

1500 Arbeiter:

Die Zahl der auszusendenden Arbeiter wurde heute auf 1600 erhöht. Es heisst, dass die 100 Mann über die ursprüngliche Zahl für dieselbe Arbeitsgruppe gebraucht werden1, zu der die beiden letzten kleineren Aussiedlungen gehörten. Man will wissen, dass dieses kleinere Arbeitslager unweit von Litzmannstadt unter Kommando des <a href="/de/institut/geheime-staatspolizei-gestapo" class="tageschronik-link institut-link">Gestapo</a>-Funktionärs Fuchs steht.

Die Suche nach Versteckten wird fortgesetzt. Die Resultate sind äusserst spärlich. Voraussichtlich wird wohl der Aelteste zu einem drakonischen Mittel greifen müssen. Vermutlich wird für den kommenden Sonntag, den 20.2.44., eine vollkommene Gehsperre verhängt werden, ähnlich dem Vorgang in den berüchtigten Septembertagen des Jahres 1942.2 Umfassende Polizeistreifen sollen an diesem Tage das ganze Getto durchsuchen, um aller Säumigen habhaft zu werden.

Es melden sich täglich ein paar Leute, die – wie bereits geschildert – den Kampf gegen Hunger und Kälte aufgeben. Alles in allem aber ist die Zahl der im Zentral-Gefängnis Angehaltenen nur unwesentlich gestiegen, zumal auch Einzelbefreiungen durch den Präses erfolgen.

Das bereits erwähnte Patronat im Zentral-Gefängnis besteht aus 5 Damen, die der Präses nominiert hat, denen einige Mädchen als Hilfspersonal beigegeben sind. Dieses Damenkomitee3 hat die Aufgabe, die Verpflegung und die sanitären Verhältnisse zu kontrollieren und die Geld- und Paketübergabe zu überwachen. Ferner haben sie die Verbindung mit den Angehörigen und Freunden der Angehaltenen herzustellen, damit die Angehaltenen in den Besitz der ihnen notwendigen bzw. zugestellten Gegenstände gelangen.

Pakete, Geldanweisungen gelangen durch die Postabteilung an das Patronatskomitee, das sich an der Goldschmiedegasse 24 eingerichtet hat.

Ein Termin für den Abtransport ist noch nicht bekannt. Inzwischen werden die Angehaltenen gruppenweise baden geführt und eine entsprechende Anzahl von Friseuren arbeitet ständig im Zentral-Gefängnis.

Approvisation.

Der Einlauf an Gemüse ist ganz unbedeutend. Gestern kamen 1580 kg Kartoffeln und 7810 kg Kohlrüben, am heutigen Tage nichts.

Hingegen bessert sich die Einfuhr von Fleisch. Gestern kamen 2420 kg und 1650 kg Gekröse und heute 2470 kg Gekröse. Am heutigen Tage kamen sonst überhaupt keine Lebensmittel herein.

Ressortnachrichten.

Die Tischlerei kämpft noch immer mit dem Mangel an4 trockenem Holz und nur mühselig wird die Produktion aufrecht erhalten. Die im Holzbetrieb I eingerichtete Trockenkammer ist nicht in der Lage, den Tagesbedarf an Brettern zu trocknen, sodass eine nur sehr geringe Produktion in beiden Betrieben I und II erzielt werden kann.

Der Juwelier-Betrieb am Bleicherweg 7

/ehemalige Bank/ übersiedelt nun nach Sulzfelderstrasse 21. In die Objekte Bleicherweg 7, 9 und 11 wird nunmehr nach Räumung der Schwachstrombetrieb übersiedeln.

Man hört, man spricht ...

... dass das Getto als Lager seine Kategorie ändern wird. Das Getto soll in Hinkunft als Gefangenenlager gelten, davon verspricht man sich einen Kontakt mit der Ausssenwelt und die Möglichkeit, Pakete mit Lebensmittel zu erhalten. Woher dieses Gerücht kommt, ist nicht festzustellen. Jedenfalls ist das Getto voll davon. Und eine gewisse glückliche Stimmung ist im Zusammenhang damit feststellbar. Dieses Gerücht wird noch genährt durch den Umstand, dass gegenwärtig laufend Pakete ins Getto hereinkommen, die den Adressaten durch die Sonder-Abteilung übergeben werden u.zw. ohne irgendwelche Abzüge des Inhalts. Es kommen Pakete sowohl aus dem Reich /Protektorat Böhmen und Mähren/ ferner aus Holland und dem neutralen Ausland wie Schweiz und Portugal, ferner Pakete aus Rumänien. Vielleicht ist dieser Umstand die Quelle des oberwähnten Gerüchtes.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Herzmuskelentartung5, 1 Tuberk. Bauchfellentzündung.

1

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „wird“; von Hand korrigiert.

2

Im Zuge der Gehsperre im September 1942 waren die meisten Kinder und Alten aus dem Getto deportiert worden. Vgl. den Einzelbericht vom 14. September 1942 sowie zahlreiche Zeitzeugen- und Erinnerungsberichte in den Anmerkungen.

3

Zum Damenkomitee, welches auch Damenpatronat genannt wurde, gehören Gerszonowicz, Kaufman, Rosner, Szpigel und Dora Uryson.

4

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Trocken-Holz“.

5

Herzmuskelentartung (Myodegeneratio cordis) kann die Folge einer Grunderkrankung am Herzen sein (Herzinfarkt, Klappenfehler, Entzündung des Herzmuskels u.ä.). Dabei erweitern sich die Herzinnenräume; die Leistungsfähigkeit des Herzens nimmt kontinuierlich ab, da der Herzmuskel nicht mehr die Kraft aufbringen kann, alles Blut aus den Kammern zu pumpen.