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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 18. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
138

Das Wetter:

Tagesmittel 18-29 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.025

Brand:

Am 17.5.1944 wurde die Feuerwehr um 23,27 Uhr nach der Kleinmöbelfabrik, Betrieb Nr. 35, Lustigeg. 12, alarmiert, wo das Portierhäuschen durch einen stark eingeheizten Ofen in Brand geraten war. Das Feuer konnte rasch mit Hilfe einer Motorspritze gelöscht werden.

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Nach dem Abtransport der 50 Männer zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos ist wieder Ruhe eingetreten. Das Getto ist ja schon gegen derlei Ereignisse abgestumpft und was heute noch Gegenstand schrecklichster Aufregung war, ist morgen schon in der stumpfen Hungerstimmung vergessen. Die Behörde hat den Auftrag gegeben, die Ausstattung dieser Leute bzw. die Habseligkeiten nachzusenden.

Leergutbehandlung:

Rundschreiben

an alle Betriebe und Abteilungen.

Betr.: Schonendste Behandlung und schnellste Rückgabe von Leergütern und Verpackungsmaterialien aller Art an die Leergutabteilung.

Vonseiten der Leitung der Gettoverwaltung ist wiederum Klage darüber geführt worden, dass Leergüter und Verpackungsmaterialien in einem schlechten Zustande vom Getto zurückgegeben wurden. Die Annahme dieser Leergüter ist von den Lieferfirmen verweigert worden. Es kann der Fall eintreffen, dass die Lieferfirmen sich weigern, uns weiter zu beliefern, da ihnen hierzu das notwendige Verpackungsmaterial bzw. die notwendigen Gefässe fehlen. Die Gettoverwaltung macht es daher zur Pflicht, sämtliche

VERPACKUNGSMATERIALIEN und LEERGUETER

schonendst zu behandeln und so schnell wie möglich an die

Leergutabteilung, Matrosengasse 8,

zwecks Rücksendung an die Lieferfirmen zurückzugeben.

Bezüglich der Leergüter, die aus irgendwelchen Gründen nicht sogleich freigemacht werden können, gilt weiterhin die Anordnung in unserem Rundschreiben vom 18. Juni 1943.1

Der Leiter eines jeden Betriebes muss eine Person mit der Aufsicht der Leergüter und Verpackungsmaterialien beauftragen, die die ordnungsgemässe Behandlung sowie die Rückgabe zu überwachen hat.

Litzmannstadt-Getto, 15.5.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.2

Approvisation.

Noch immer keine Besserung. Heute kamen 5.480 kg konserv. Rote Beete und an Fleisch ca 2.000 kg herein.

Erfreulich ist der Einlauf von 35.000 Stück Seife, denn der Mangel an Seife wird immer fühlbarer.

Quark- und Gemüsesalatzuteilung für die gesamte Gettobevölkerung:

Ab Donnerstag, den 18.5.1944, werden an alle auf Coupon Nr. 78 der Nahrungsmittelkarte

  • 125 Gramm Quark pro Kopf für den Betrag von Mk 0.50

und ab Freitag, den 19.5.1944, auf Coupon Nr. 79 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 Gramm Gemüsesalat für den Betrag von Mk 0.50

herausgegeben.

Ungeduldig wartet man auf die Ration. Mit Schrecken wurde das Gerücht aufgenommen, dass die Mehlration um 20 dkg geringer sein soll und dass statt dieser 20 dkg Mehl 20 dkg Erbsen gegeben werden sollen. Da schon mit 60 dkg Mehl für 14 Tage das Auslangen unmöglich ist und deshalb viele Leute ihr Brot gegen Mehl umtauschen müssen, um die Suppen kochen zu können, wird die Lage durch die Herabsetzung des Mehlquantums in der Ration nur noch schwieriger.

Kleiner Getto-Spiegel.

„Arbeiter auswärts“:

Durch die Dworska gehen zwölf Männer, begleitet von 5 Polizisten in Richtung Baluter-Ring. In ihren Händen Säcke, Rucksäcke, Bündel. Auf dem Rücken zusammengebundene Decken, Schlafzeug, zerbrochene Gestalten. Auf den Trottoirs sammeln sich Menschen – es ist 3 Uhr – zu Haufen, obwohl noch Arbeitszeit in den Ressorts.

Schreien, Staunen, Gestikulieren. Viele Kinder. Ein wenig Sonne. „Was ist los?“ „Menschen aus Czarnickiego zur Arbeit ausserhalb des Gettos ...“ Das ist ja nicht schlimm, denke ich.

Später Besuch. Ein Sonder sagt mir: „50 Menschen werden gebraucht. Man schnappt Menschen von der Strasse, holt sie vom Kohlenplatz, die Zahl muss gestellt werden, so verlangt es die Gettoverwaltung.“ Die Nachbarin sagt: „Schrecklich! Wieder Aussiedlung!“ „Das kann man nicht Aussiedlung nennen, es handelt sich um Arbeitsplätze ausserhalb des Gettos ...“ Während wir in meiner Stube weiter plaudern – es ist inzwischen 5 Uhr geworden –, die Strasse füllt sich mit den Menschen, die aus den Ressorts strömen, wächst der Lärm, die Hast erhöht sich, jeder will erfahren, was Schreckliches wieder übers Getto gekommen ist. Denn die Erwartung von etwas Gutem ist längst im Getto gestorben. Nicht einmal der Glaube an das Hereinrollen von Kartoffeln schlägt durch. Eine Frau weint, schluchzt, jammert. Die Nachbarin stützt sie, versucht zu trösten. Wahrscheinlich, so nimmt man an, wurde einer ihrer Angehörigen auf der Strasse abgefangen und in den Transport gepresst. Die Gruppe, die sich rings um die Frau gebildet hat, wird plötzlich still, denn ein hinzutretender Mann, der vertrauenswürdig aussieht, weil er eine breite gelbe Binde am Rand des Aermels trägt, sagt etwas von einem Laib Brot, das die Weggeschickten „jetzt, gerade jetzt“ bekommen haben. „Ein Laib Brot?“ Die Menschen schütteln die Köpfe. „So soll ich ... wie das wahr ist!“ Die Worte „ein Laib Brot“ haben scheinbar beruhigend gewirkt. Die Passanten, die stehen geblieben waren, gehen weiter, sinnend über das Laib Brot, das den Weg der bittersten Leiden vergoldet.

Einige auf der Strasse Gefangene springen aus, flüchten. Von 20 Gefassten sind 15 entsprungen, man jagt ihnen nach ... sie sind nicht zu fassen. Da aber die 50 Mann sofort geliefert werden müssen, hört die Jagd nicht auf. Endlich Abend. Das Kapitel ist geschlossen ...

Augenzeugen erzählen: Eine Droschke mit einigen jüdischen Polizisten, führenden Chargen, fährt beim Holzgalanterie-Ressort vor. Einige Sekunden später – die Uniformierten sind abgesprungen – erscheint der Leiter des Ressorts, lässt eine Reihe von Arbeitern antreten. Die jüdische Kommission mustert mit dem Blick, um die für ihren Zweck geeignet erscheinenden Personen von den andern zu sondern. Zwei nach rechts, fünf nach links; drei nach rechts, 7 nach links. 5 Mann tauglich. Die Arbeiter wissen nicht, um was es sich handelt. Rund um das Ressort war das Gerücht verbreitet, dass man Arbeiter zum Ausladen von Kartoffeln in Marysin brauche, um eine Sache also, die dem Getto diene. Kaum war die Musterung vorbei, als die Opfer von den jüdischen Polizisten abgeführt und auf den Baluter-Ring gebracht wurden. Etwas ähnliches vollzog sich auf der Abbruchstelle an der Sulzfelderstr. Wer Augen hatte zu sehen, konnte merken, dass die Auswahl der Arbeiter nicht nach dem Prinzip des3 Alters und der Arbeitsfähigkeit vorgenommen wurde, auch kranke, schwächliche und ältere Menschen zog man heran.

Das Getto ist wie gelähmt. Jetzt nach 5 Kriegsjahren, knapp vor dem Ende, werden Juden aus dem Getto zur Arbeit „deportiert“. „Deportiert?“ Im Arbeitsgewand, schmutzig, müde, mit leerem Magen schleppt man sie irgendwohin. Man hat nicht einmal zugelassen, dass sie sich von ihrer Familie, von Frau und Kind und Eltern verabschieden. So verfährt man nicht mit Menschen, von denen man eine normale Arbeitsleistung fordert und erwartet. „Sie gehen bloss auf 10 Tage ... nicht weit von der Stadt... auf Feldarbeit ...“ Dieses Gerücht lindert einwenig den Schmerz, die Erbitterung und die Wehmut der Zurückgebliebenen. Und in den späten Nachmittagstunden hört man allenthalben: „Morgen in der Suppe 1 dkg Mehl, 2 dkg Erbsen, 1 dkg Flocken und 10 dkg Kartoffeln!“

„Ja, aber 10 dkg Kartoffeln brutto ...“

„Oh werden die uns bestehlen ...“

Die – das sind diejenigen Personen der Küche, die mit der Ausgabe der Suppe betraut sind.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. anderer Organe, 3 Herzkrankheiten, 1 Gehirnschlag, Lungeninfiltration4 1.

1

Vgl. den Eintrag „Behandlung von Leergut“ in der Tageschronik vom 18. Juni 1943.

2

Der Wortlaut des Rundschreibens wird vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/1065, Bl. 471: Rumkowski, Rundschreiben an alle Betriebe und Abteilungen / Betr.: Schonendste Behandlung und schnellste Rückgabe von Leergütern und Verpackungsmaterialien aller Art an die Leergutabteilung, 15.5.1944.

3

HK, LK*, JFK*: Nachstehend gestrichen „Aeltesten“.

4

Lungeninfiltration ist ein Terminus aus der Radiologie, mit dem eine Verschattung der Lunge im Röntgenbild beschrieben wird. Es könnte sich um eine Lungenentzündung, aber auch um Lungenkrebs oder Tuberkulose herde gehandelt haben.