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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 18. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
306

Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad, bewoelkt, trocken.

Sterbefaelle:

8

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.396

Tagesnachrichten.

Der Praeses hat heute einen Teil des Personals, das aus den Kraeftigungskuechen freigeworden ist, in die Kraeftigungskueche, Ceglana, zusammengerufen. Einberufen wurde das Beamten- und Kellnerinnenpersonal. Meist sind es Maedchen, die die Getto-Matura absolviert hatten und denen jeweils die besondere Fuersorge des Praeses gilt. Der Praeses erschien mit dem Leiter des Arbeitsamtes Bernhard Fuchs um 6 Uhr abends und hielt an das versammelte Personal, etwa 100 Maedchen und Frauen, eine kurze Ansprache, in der er die gegenwaertige Lage beleuchtete. Er gab zu verstehen, dass er sich auch weiterhin um diese Jugend kuemmern will und dass er ihr das Los, nach der Aufloesung der Kuechen, nach Moeglichkeit erleichtern wird. Der groesste Teil dieser Maedchen wurde dem Leder- und Sattler-Ressort zugewiesen, wo sie als geschlossene Gruppe arbeiten werden. Der Rest wurde verschiedenen Ressorts zugeteilt. Die Schaelerinnen und das sonstige Kuechenpersonal wurden bereits dem Arbeitsamt uebergeben und duerfte morgen eine Sichtung dieses Menschenmaterials durch den Leiter des Arbeitsamtes stattfinden.

Approvisation.

Das Getto wartet mit grosser Ungeduld und mit entsprechend hochgespannten Erwartungen auf die erste Ration der Getto-Verwaltung. Schon in den Abendstunden des gestrigen Tages sickerte durch, dass die Kartoffelration kaum groesser sein wird als bisher, also 2 kg, wenn es hoch geht 2 1/2 kg. Ausserdem spricht man von einer geringfuegigen Besserung der Kolonialwarenzuteilung.

Nun ist heute die neue Ration erschienen: Ab Sonnabend, den 20.11.1943, wird auf Coupon Nr. 74 der Nahrungsmittelkarte fuer die Zeit vom 22.11.1943 bis zum 5.12.1943 einschl. folgende Ration pro Person herausgegeben:

  • 550 g Roggenmehl,
  • 150 g Roggenflocken,
  • 50 g Haferflocken,
  • 500 g Zucker braun,
  • 50 g Oel,
  • 500 g Marmelade,
  • 300 g Kaffeemischung,
  • 100 g Kaffeemehl,
  • 400 g Salz,
  • 100 g Senf,
  • 100 g Suppenpulver,
  • 15 g Natron,
  • 10 g Paprika,
  • 1/10 l Essig.
  • Diese Ration betraegt Mk. 7.80.

Ausserdem erhaelt jede Familie auf Grund der Gemuese-Legitimation

2 Schachteln Streichhoelzer fuer den Betrag von Mk. 0.30.

Ferner werden auf Coupon Nr. 104 der Gemuese-Karte fuer die Zeit vom 22.11. bis zum 28.11.1943 einschl. /7 Tage/

  • 2 1/2 kg Kartoffeln pro Person fuer den Betrag von Mk. 1.20 ausgefolgt.

Es wird angeordnet, dass die Kartoffeln in den Haushalten nur in den Schalen gekocht werden sollen.

Ferner wird ab Sonnabend, den 20.11.1943, an alle auf Coupon Nr. 105 der Gemuesekarte

  • 50 g Magermilchpulver,
  • 50 g Margarine fuer den Betrag von Mk. 1.- ausgefolgt.

Wegen der Fleisch- und Wurstzuteilung

fuer alle Getto-Einwohner wird in den naechsten Tagen besonders bekannt gegeben werden.1

Tatsaechlich gibt es also nur eine Verbesserung um 1/2 kg Kartoffeln und um 25 dkg Kolonialwaren. Nach wie vor knapp ist die Fett-Zuteilung, bestehend aus 5 dkg Oel und 5 dkg Margarine.

Es verlautet, dass durch die erhoehte Mehlzuteilung die vorhandenen Lagerbestaende nahezu vollstaendig aufgebraucht sind und dass, wenn nicht in den naechsten Tagen erhebliche Mengen hereinkommen sollten, eine Krise entstehen muesste. Die Ration macht im allgemeinen den Eindruck eines Experiments und loest natuerlich keinesfalls die aktuellen Probleme. Gluecklicherweise hat sich die Karoffelzufuhr gebessert. Am heutigen Tage kamen ca 300.000 kg herein, an Gemuese kamen Mohrrueben, Rettich und Porree, insgesamt 76.500 kg, und 19.500 kg Roggenmehl. Die Fleischzufuhr ist befriedigend.

Knochen und Adern

erhalten jetzt die Kuechen zur Verbesserung der Suppen.

Suppenpreis:

Am gestrigen Tage fiel der Suppenpreis von 15 auf 9 Mk. Es ist zu erwarten, dass sich diese Tendenz nicht halten wird. Bei 2 1/2 kg Kartoffel-Ration duerften die Suppen sehr bald wieder den Preis von 12 bis 13 Mk erreichen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

6 Bauchtyphus, 3 Lungentuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 1 Typhus, 2 Herzkrankheiten.

1

So in HK, LK*, JFK*.