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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 19. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
215

Das Wetter:

Tagesmittel 22-35 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

7

Geburten:

3 /1 maennlich, 1 weiblich, 1 Fehlgeburt /

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

84.095

Selbstmord oder Ungluecksfall:

Am 19. ds.M. um 0.45 Uhr stuerzte Raschelbach Icek, 37 Jahre alt, geb. in Łodz1, wohnhaft Holzstrasse 32, aus dem Fenster seiner im 3. Stockwerke gelegenen Wohnung. Der Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus ueberfuehrt. Es konnte noch nicht festgestellt werden, ob es sich um einen Selbstmord versuch oder einen Ungluecksfall handelt.

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief voellig ruhig. Wunderlich genug angesichts der trostlosen Ernaehrungslage. Der Praeses ist bald da, bald dort zu sehen. Die Umschichtung der Arbeitskraefte nimmt seine Zeit nahezu vollstaendig in Anspruch.

Unfall am Durchgangstor Fischgasse:

Gestern ereignete sich beim Uebergang an der Fischgasse ein schwerer Unfall. Der diensthabende Schupo liess einen alten schwachen Juden durch das Tor, um ihm den beschwerlichen Weg ueber die Bruecke zu ersparen. Ein aus der Richtung Baluter-Ring im raschen Tempo vorbeifahrendes Auto stiess den alten Mann um und verletzte ihn schwer. Er wurde sofort in das Spital ueberfuehrt.2

Approvisation.

Leichte Entspannung, da in den Nachmittagsstunden doch wieder die Kartoffelzufuhr eingesetzt hat. Es besteht die Aussicht, dass die Ration ausgegeben werden wird. In den Abendstunden bekamen die Plaetze von der Gemueseabteilung Auftrag, die Ausgabe der Kartoffeln bis zur voelligen Dunkelheit vorzunehmen. In der Gemuesabteilung ist die Stimmung etwas gebessert, da grosse Zufuhren in Sicht sind. Leider ist natuerlich nicht auch gleichzeitig die Gemuesezufuhr befriedigend. Einige wenige Rollwagen mit Weisskohl reichen nicht fuer eine Ration. Diese Ware wandert sofort in die Kuechen.

Die Approvisationsabteilung befasst sich schon jetzt mit der Frage der diesjaehrigen Kartoffelmieten. Das Problem weist diesmal ernste Schwierigkeiten auf. Einerseits besteht die Gefahr eines absoluten Arbeitermangels, da alle verfuegbaren Arbeitskraefte in den kriegswichtigen Betrieben eingestellt wurden und eine Freigabe fuer diese internen Zwecke des Gettos wohl nicht in Frage kommt. Andererseits sind die im Vorjahre fuer die Einmietungen verfuegbaren Bodenflaechen von der Getto-Verwaltung bewirtschaftet. Die Getto-Verwaltung beabsichtigt sogar, zusaetzliche Flaechen fuer Futtermittelproduktion in der naechsten Saison zu beschlagnahmen. Die weitlaeufigen Plaetze in Marysin, die nach Entleerung der Mieten wieder planiert worden waren, duerfen nicht mehr durch Kartoffelmieten unbrauchbar gemacht werden. Die Approvisationsabteilung muesste demnach diverse kleinere Areale suchen. Das bedeutet wieder eine Erschwerung des Bewachungsdienstes, der frueher durch Kommandant Reingold in Marysin zentralisiert war. Da heuer eine ueberaus gute Kartoffelernte erwartet wird und die Ernte selbst um 14 Tage frueher als im Vorjahre greifbar sein wird, ist es begreiflich, dass die Frage der Kartoffelmieten unter den gegebenen Umstaenden recht kompliziert ist.

Ressortnachrichten.

Besuch im Schneider-Ressort:

Gestern haben Funktionaere der Getto-Verwaltung in Begleitung zweier Offiziere das Schneider-Ressort, Hanseatenstr. 36, besucht.

Kleiner Gettospiegel.

Hungertage:

Sonntag, den 14. August, wurde die allgemeine 14taegige Ration ausgeschrieben, darin 3 kg Kartoffeln. Da Kartoffeln im Getto nicht vorhanden waren, bekam jeder Bezugsberechtigte einen Bon auf dieses Quantum. Einige Tage vergingen. Keine Kartoffeln, aber auch kein Gemuese! Der Hunger setzte ein. Es war nicht moeglich, sich etwas Essbares zu beschaffen. Zwar gab es auf den Działkas allerlei Gemuese wie Botwinki, Kraut, Moehren und andere Hochsommer-Fruechte, aber die Działka-Besitzer konnten sich nicht entschliessen, etwas abzugeben. Denn das erste Entgegenkommen wuerde ein voelliges Entleeren der Działkas zur Folge gehabt haben. Und Geld, Geld fuer Nahrungsmittel, konnte keinen Anreiz bieten.

Die Ressortsuppen wurden begehrte Artikel. Der Preis stieg von 6.50 auf 10 Mk, obwohl diese Suppen, bis zum 14. August reichlich ausgestattet, in den letzten Tagen nur mehr 13 dkg Kartoffeln, 3.5 dkg Kolonial und 20 dkg Kraut aufwiesen. Die Kraeftigungs-Mahlzeiten in der Muehlgasse und Steinmetzgasse hatten einigemal Babka. Sogar die Laeden fuer illegalen Nahrungsmittel-Handel konnten keine Ware auftreiben. Der Brotpreis stieg – wie in den frueheren Hungerperioden – auf 260 Mk pro Laib. Zucker, Mehl, Flocken waren auch hier Raritaeten. Die Fleisch-Zentrale konnte nicht einmal den Bevorzugten ein paar dkg Fleisch liefern.

Auf den Strassen standen die Menschen, Umschau haltend nach den so begehrten Kartoffelfuhren. Alle Plaetze leer! Hie und da ein Handwagen mit ein paar Hundert kg Kartoffel oder Kraut fuer die Kuechen. Ein trostloser Anblick! Wenn jemand ein Buendel Botwinki-Blaetter unter dem Arm trug, wurde er von Dutzenden Interessenten angehalten und mit Hoechstangeboten ueberschuettet. Vergebens! Der Handel mit essbaren Dingen war auf ein Minimum gesunken. Es gab nur Nachfrage, kein Angebot.

Inzwischen war natuerlich auch die Katastrophe ueber diejenigen hereingebrochen, die bereits infolge von Unterernaehrung erkrankt waren. Die Entkalkung der Knochen war bisher von einigen Gluecklichen mit Vigantol behandelt worden. Vigantol war nicht mehr aufzutreiben, ebenso wenig wie aehnliche Mittel. Pures Fett oder Oel, wie es die Aerzte in normalen Zeiten und Laendern vorschreiben, kam ins Getto nicht herein. Im Schwarzhandel war Tran um 20 Mk pro dkg zu haben. Fuer 5 dkg Tran muesste also ein Arbeiter 2 Monatsloehne hergeben.

Der Hunger setzte alle Leidenschaften in Brand. Die Obstbaeume an den Raendern der umzaeunten Gaerten hatten von Diebshaenden viel zu leiden. Die Gemuesebeete mussten Tag und Nacht bewacht werden. Der Hunger trieb die Menschen wie die Hyaenen ins Freie, wo vielleicht etwas zu erwischen war.

Gleichzeitig brannte die Sonne vom Morgen bis zum Abend. Kleine Windstoesse brachten Staub statt Erfrischung. Einer fragte den andern: „Sind Kartoffeln hereingekommen?“ Kartoffel, 3 kg Kartoffeln bedeuteten Rettung fuer den Einzelnen. Erloesung von der Qual des Hungers.

Endlich, endlich! Am Nachmittag des 19. August, nachdem in den vorhergegangenen 24 Stunden groessere Kartoffelzufuhren eingerollt waren, wurden die Bons realisiert. Die Menschen nahmen ihre Quote wie ein Geschenk des Himmels entgegen. Still, wortlos, ohne Dank und ohne Murren. Der Hunger hatte sie jeder Aufwallung des Herzens unfaehig gemacht.

Drei kg Kartoffeln im Heim und man lebt weiter. Manche stuerzten sich – so wird erzaehlt – auf diese Menge, die fuer 14 Tage ausreichen sollte und verzehrten sie auf einmal, ohne zu ueberlegen, was „spaeter“, „nachher“ sein wird.

Den Hunger unterdruecken, den Magen fuellen und die Zukunft Gott ueberlassen! Das war die Parole, die unausgesprochene Parole des 19. August des Jahres 1943.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

8 Bauchtyphus, 9 Tuberkulose, 4 Keuchhusten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenkrankheit, 1 Herzkrankheit.

Nachtrag zu „Approvisation“.

Waren-Eingang

vom 18. August 1943.

1./ Lebensmittel: 2000 l Milch, 121.470 kg Kartoffeln, 4220 kg Kohlrabi, 9900 kg Weisskohl, 2520 kg Sellerie, 10.000 kg Karsan3, 14.600 kg Roggenmehl, 1567 kg Rapsoel, 2900 kg K. Walzmehl, 1150 kg Pferdefleisch, 3260 kg Rindfleisch Freib., 174 kg Schweinefl. Freib., 63 Kalbfleisch Freib., 7 kg Ziegenfleisch Freib.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 110 kg Pferdemischfutter, 1000 kg Kroat. Tabak, 3.000.000 St Zigarettenpapier, 36 kg Farben, 24 Fl Sauerstoff, 2725 St Klemmnippel, 113 kg Druckfarbe, 600 kg Cresol4

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Laut Meldung des „Ordnungsdienstes“ handelte es sich bei dem Verletzten wohl um den 1885 geborenen „Einhorn vel Bodzechowski Israel David“ (APŁ, 278/341, Bl. 87).

3

Vgl. zu „Karsan“ die Tageschronik vom 26. August 1943 (Eintrag „Rattengift“).

4

„Cresol“, eigentlich „Kresol“: Markenname für Methylphenol, das aus Steinkohlen- oder Buchenholzteer hergestellt wird und wie Phenol als Desinfektionsmittel gebraucht wird.